Betroffene Eltern der Grundschule in Gummersbach-Becke gehen an die Öffentlichkeit.
Redaktionsgespräch mit dem RPMesser, Mobbingverdacht und Missverständnisse in der Grundschule Gummersbach-Becke

Die Obere Schulaufsicht beim Regierungspräsidenten in Köln ist den Schilderungen von Eltern auf den Grund gegangen.
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Es geht um Messer in der Grundschule, körperliche Übergriffe, gegenseitige Vorwürfe von Eltern und Lehrpersonal, den Verdacht des Mobbings – und um einen kleinen Jungen, der seit Wochen nicht zum Unterricht kommt, weil er Angst hat. Inzwischen ziehen die Vorfälle an der städtischen Gemeinschaftsgrundschule in Gummersbach-Becke Kreise. Betroffene Eltern haben diese Redaktion einbezogen und uns ihre Sicht der Dinge geschildert. Das in diesem Fall für Presseanfragen unmittelbar zuständige Schulamt beim Oberbergischen Kreis hatte nach einer Anfrage dieser Zeitung zuerst einen Präsenztermin anberaumt. Dieser wurde dann aber „aufgrund von terminlichen und organisatorischen Gründen“ nicht aufrecht erhalten. Ein neuer Präsenztermin konnte nicht mehr anberaumt werden.
Seitdem befasst man sich beim Kölner Regierungspräsidenten als Oberer Schulaufsicht intensiv mit den Vorwürfen, mit der GGS Becke und dem Schulamt beim Oberbergischen Kreis. Eltern wollen Antworten Die Obere Schulaufsicht beim RP in Köln ist den Schilderungen auf den Grund gegangen. Anderthalb Stunden haben Boris Preuss, Abteilungsleiter beim Kölner Regierungspräsidenten, und Christoph Lützenkirchen von der Oberen Schulaufsicht mit Pressesprecher Dirk Schneemann ihre Ergebnisse vorgetragen. Die Eltern hatten der Redaktion im Vorfeld eine entsprechende Erklärung zur Entbindung von der Schweigepflicht gegeben.
Zweitklässler holt Taschenmesser wieder aus der Tasche seiner Lehrerin
Was berichten die Eltern? Zum Beispiel das: Der Zweitklässler Georg H. (alle Namen geändert) kommt mit einem Taschenmesser in die Schule. Das sorgt bei den Betroffenen für Angst, wie sie sagen. Noch besorgter macht sie allerdings, wenn sie hören, dass sein Klassenkamerad Jochen G. gegen eine Zahlung von zwei Euro der zuständigen Lehrerin das zuvor konfiszierte Messer wieder aus der Tasche holt. Der Vater von Jochen G. (Manfred G.), der übrigens keinen Hehl daraus macht, dass sein eigener Sohn an dem Vorgang beteiligt gewesen ist, will von der Schule jetzt wissen, wie so etwas passieren kann. Und vor allem, wie man so etwas in Zukunft verhindern will.
Das besagte Taschenmesser sei, wie Lützenkirchen sagt, für die OGS mitgebracht worden, weil zwei Jungs hätten schnitzen wollen. Auch das gehe natürlich nicht, sagt er. Insgesamt habe es in der GGS noch zwei weitere „Messervorfälle“ gegeben. Einen mit einem Küchenmesser, einen weiteren mit einem Holzschwert. Wichtig ist Preuss und Lützenkirchen, dass mit dem Taschenmesser zu keiner Zeit herumgefuchtelt worden sei. „Es gab zu keiner Zeit eine Gefährdung“, sagen die beiden. Schulintern sei das Thema aufbereitet worden.
Junge wird wegen seiner langen Haare aufs Mädchenklo geschickt
Für Empörung sorgt auch noch ein anderer, für den Betroffenen vielleicht noch gravierenderer Vorfall: Demnach soll eine Mitarbeiterin des Offenen Ganztags den Zweitklässler Michael K., den sie wegen seiner langen Haare angeblich für ein Mädchen gehalten habe, von der Jungen-Toilette weggeschickt haben mit dem Hinweis, doch zum Mädchenklo zu gehen. Ob es nur ein Versehen war, bleibt ungeklärt. Dagegen könnte sprechen, dass es in diesem Zusammenhang nicht der einzige Vorfall war: Einen weiteren soll es beim Gummersbacher Stadtlauf gegeben haben, als der Junge wiederum in die Mädchengruppe sollte.
Preuss und Lützenkirchen lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass der Verweis des Jungen mit den langen Haaren vom Jungen-Klo nicht hätte passieren dürfen. „Ein dummer Fehler, für den die Mitarbeiterin sich entschuldigt hat“, sagen die beiden. Den Vorfall vom Stadtlauf kennen sie nicht. Dabei ist besagtes Kind seit Wochen krankgeschrieben. Und das auch und vor allem, weil es eines hat: Angst, in die Schule zu gehen. Erst recht fassungslos ist die Mutter von Michael K., Petra K., weil sie von der Schulleitung in der Becke wegen eines möglichen Verstoßes gegen die Schulpflicht einen Anhörungsbogen bekommen hat. In diesem Schreiben heißt es, dass die Bezirksregierung beabsichtige, ein Ordnungsgeld von 1000 Euro zu erheben.
Da kann man anderer Meinung sein
So klingen Preuss und Lützenkirchen allerdings nicht. Den Anhörungsbogen zu einer möglichen Verletzung der Schulpflicht hätten die beiden nach den vorangegangenen kontroversen Gesprächen von Mutter, Schulleitung und Unterer Schulaufsicht vermutlich nicht versendet. „Da kann man anderer Meinung sein“, sagen sie. Zumal es nur um vier Tage gegangen sei, für die es keine Entschuldigung gibt. Obwohl die Obere Schulaufsicht in dem Fall von Michael K. „keinen Fall von Mobbing“ erkennt, sagt sie sehr deutlich, dass man die Schulangst des Kindes ernst nehmen müsse.
Doch es geht noch weiter: Bereits zum zweiten Mal hat die Schule beim städtischen Jugendamt eine Anzeige wegen des Verdachts der Kindeswohlgefährdung gegen den Vater Manfred G. angestrengt. Und das, obwohl die erste im Sande verlaufen war. Auch die zweite Anzeige brachte „keine Beweise“ für den Verdacht, wie Manfred G. dieser Zeitung berichtet hat. Lützenkirchen sagt, dass er die Zweifel an der Notwendigkeit einer zweiten Anzeige nachvollziehen könne, betont aber, dass die konkrete Situation ein Hinsehen erfordert habe. So gesehen habe die Schule in dem Fall „richtig gehandelt“.
Mutter hat sich inzwischen einen Rechtsbeistand genommen
Was Petra K. angeht, so hat diese sich inzwischen einen Rechtsbeistand genommen. Ein Termin mit Schulrätin Gabriele Zimmermann in Gummersbach sei verschoben worden, um einen neuen, gemeinsamen Termin mit der Anwältin zu vereinbaren, wie die Pressestelle auf Nachfrage erläutert. Preuss und Lützenkirchen haben beim Termin mit dieser Zeitung betont, dass Schulrätin Gabriele Zimmermann „zu allem bereit“ sei. Auch zu einem Schulwechsel von Michael K. Dazu gehöre aber auch, dass man sich der Einschätzung neutraler Experten bediene. Und das auch vor dem Hintergrund, dass die beiden das Verhältnis der Mutter zu ihrem Sohn als „symbiotisch“ beschreiben. Und es heißt auch, dass „aus schulischer Sicht zwischen Schule und Mutter zum Teil abweichende Einschätzungen bestehen“.
Es klingt nach Täter-Opfer-Umkehr, aber beim Gespräch der Redaktion mit den Vertretern der Oberen Schulaufsicht ging es dann tatsächlich auch noch um die Frage, ob es sein kann, dass Eltern mit ihren Kindern eine Schule verlassen müssen, wenn man nach monatelangen kontroversen Diskussionen zu keinem Konsens kommt. Keine theoretische Frage: Im aktuellen Fall wird der Vater Manfred G. der zwei Söhne an der Schule hat, mit seinen Kindern an eine Privatschule wechseln. Petra K. erwägt, mit ihrem Sohn das Bundesland zu verlassen. Für Abteilungsleiter Boris Preuss ist das aber immer noch der „Worst Case“. Ziel soll es weiterhin sein, Lösungen zu finden.
Das sagen der Bürgermeister und die Politik
In Gummersbach gibt es neun städtische Grundschulen. Träger ist die Stadt. Das bedeutet, dass sie die Gebäude, den Hausmeister und das Sekretariat stellt. Für die Lerninhalte und alles, was sich in der Schule zuträgt, ist die Kommune nicht zuständig.
Darauf hat auch Gummersbachs Bürgermeister Raoul Halding-Hoppenheit verwiesen, als er von dieser Redaktion auf die Vorfälle in der GGS Becke angesprochen wurde. Dabei war es in der Vergangenheit die Kommune, die bei Eltern von Kindergartenkindern dafür geworben hat, den städtischen Schulen ihre Kinder „anzuvertrauen“. Zu den einzelnen Vorgängen, über die er sich inzwischen auch hat informieren lassen, sagt er, dass die drei Messervorfälle „kein systemisches Problem“ seien. Die Einzelfälle seien innerschulisch aufgearbeitet worden.
Sollte die Schule darüber hinaus Unterstützung brauchen, so könne sie sich an das Jugendamt oder an ihn persönlich wenden. Was die mögliche Verletzung der Schulpflicht angeht, so handele es sich dabei um ein rein innerschulisches Thema. Städtisches Schulamt oder das Ordnungsamt seien nicht involviert. Zu der Anzeige der Schule wegen einer möglichen Kindeswohlgefährdung sagt Halding-Hoppenheit, dass es „selbstverständlich“ sei, in solchen Fällen tätig zu werden. „Bedauerlich“ findet es der Bürgermeister, wenn Eltern ihre Kinder von einer städtischen Schule abmelden würden. „Ich halte unsere Schulen für sehr gut.“
CDU ist anderer Auffassung als ihr Bürgermeister
Dass die Stadt nicht zuständig wäre, findet der Vorsitzende des Gummersbacher Schulausschusses, Rainer Sülzer (CDU), keineswegs und widerspricht damit seinem Parteifreund Halding-Hoppenheit. Die Stadt ist in Sülzers Augen für das Gesamtgebilde der Schulen „mitverantwortlich“, und nicht nur für die Gebäude. Sülzer war selbst Lehrer und Personalrat. Er kennt das Geschäft seit über 40 Jahren. Am Ende gehe es darum, dass sich die Kinder wohl fühlen. „Anders als der Bürgermeister halte ich uns als Stadt und als Politik schon für zuständig.“ Alle an Schule Beteiligten müssten ihre Kräfte bündeln, so dass der Laden laufe, sagt Sülzer.
