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Die Zahlen steigenMehr Gewalt gegen Kinder im Oberbergischen Kreis

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Ein junges Mädchen hält sich die Hände vor ihr Gesicht.

Die Hinweise auf Kindeswohlgefährdung haben in Oberberg im vergangenen Jahr zugenommen.

Erschreckende Zahlen: 694-mal wurde im Jahr 2022 in Oberberg ein Verfahren durchgeführt, um zu prüfen, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt.

694 Verfahren zur Einschätzung der Gefährdung des Kindswohl hat es im vorigen Jahr kreisweit geben. Damit ist die Zahl noch höher als in den Corona-Jahren (2021 gab es 665 und im Jahr davor 632 Vorgänge), als die Verfahren einen Höhepunkt erreicht hatten. Das geht aus einer Statistik von Information und Technik NRW hervor.

Bei Fällen im Jahr 2022 wurde 100 Mal eine akute Gefährdung festgestellt, 121 Mal gab es eine latente Gefährdung. Hilfebedarf wurde bei 244 Familien festgestellt und bei 229 gemeldeten Vorgängen gab es weder eine Gefährdung noch einen Hilfebedarf.

Schulen und Kitas aus dem Oberbergischen melden viele Fälle

Die Statistiker haben auch ermittelt, wer die Fälle gemeldet hat. Schulen und Kitas wurden 140 Mal aktiv, Verwandte und Bekannte meldeten sich 69 Mal bei Behörden, Polizei, Gerichte und Staatsanwaltschaften meldeten 230 Vorgänge. Unter „Sonstige“ verzeichnet die Statistik 255 Meldungen.

„In den Fachzeitschriften und auch die Rückmeldung im ASD (Allgemeiner Sozialer Dienst) ist ja, dass in den Lockdown-Phasen Meldungen von Kitas und Schulen unterblieben sind, weil sie zu waren. Aber die Schwankungen im Kreisjugendamt sind an sich noch nicht so auffällig. Wie gesagt, die Sensibilisierung und das verstärkte Hinschauen scheint zumindest das Dunkelfeld etwas aufzuhellen. Kinderschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, der Eingriff des Jugendamtes dann die Ultima Ratio. Der Sprung von 2021 auf 2022 kann mit der Pandemie, aber auch mit der Verstärkung des Themas insgesamt zu tun haben. Ein Trend ist da noch nicht abzulesen“, so Ralf Schmallenbach, der zuständige Dezernent beim Kreis.

Kinderschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, der Eingriff des Jugendamtes dann die Ultima Ratio.
Ralf Schmallenbach, Dezernent beim Oberbergischen Kreis

Wie die Situation in einem Jugendamt vor Ort aussieht, darüber haben wir mit Robert Mantsch, Leiter Soziale Dienste im Jugendamt Wipperfürth und dem Beigeordneten der Hansestadt, Dirk Kremer, gesprochen. Die für Wipperfürth positive Nachricht: In der Hansestadt gibt es nach Aussage von Mansch weniger Fälle als im Kreisdurchschnitt. Im vorigen Jahr habe es einen Fall einer Inobhutnahme gegeben, wo also ein Kind aus einer Familie genommen werden musste. Das sei das allerletzte Mittel, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft seien, betont Mantsch.

Dass ein Kind oder Jugendliche, teils nach Eigenmeldung, für eine Zeit woanders untergebracht werde, komme dagegen schon mal öfter vor, gerade um akute Spannungen zu entschärfen. 22 Mal seien im vorigen Jahr in Wipperfürth Fälle von Kindeswohlgefährdung gemeldet worden. Jeder einzelnen Meldung werde nachgegangen, der Fall in einem Team besprochen.

Gegen Kindeswohlgefährdung: Vernetzung vor Ort ist wichtig

„Ein eigenes Jugendamt vor Ort ist ein großer Gewinn für Wipperfürth“, ist Mantsch überzeugt. Und auch Kremer sieht die eigene Einrichtung gut aufgestellt. Die personelle Ausstattung sei gut, sagt Mantsch. Ganz entscheidend sei aber die Vernetzung mit allen relevanten Einrichtungen und Personen. Dazu zählen in erster Linie die Schulen und Kindergärten, aber auch die Tageseltern. Vereine und Einrichtungen spielten ebenfalls eine wichtige Rolle.

Das Thema Kindeswohlgefährdung sei sehr komplex, alleine schon die Frage, was genau darunter zu verstehen sei, werde je nach Person anders beurteilt. Der eine sehe psychischen Druck oder Vernachlässigung als Gefährdung, der andere körperliche Gewalt. Wichtig sei, dass das Jugendamt über die Anzeichen einer möglichen Gefährdung informiert werde, damit geeignete Maßnahmen ergriffen werden könnten. Die Probleme in einer Familie, die zu einer Kindeswohlgefährdung führen könnten, seien vielfältig und meistens kämen mehrere Dinge zusammen, betont Mantsch.

Für das Jugendamt sei es wichtig, die jeweils passende Hilfe anbieten zu können. Das fange bei der Beratung an und gehe über die Haushalts- und Familienhilfe weiter. Der Beratungsbedarf sei gestiegen, aber Robert Mantsch sagt auch klar: „Wir haben hier keine Brennpunkte.“


Zahlen aus Oberberg zum Thema Kindeswohlgefährdung

694 Verfahren zur Kindeswohlgefährdung verzeichnet die Statistik für Oberberg im vorigen Jahr (665 Fälle waren 2021). 100 Mal handelte es sich dabei um eine akute Gefährdung (85 Mal 2021). 121 Fälle wurden als latente Gefährdung eingestuft (107). 244 Mal war eine Unterstützung erforderlich, aber es lag keine Gefährdung vor. 229 Meldungen erforderten weder Unterstützung noch gab es eine Gefährdung. 140 Meldungen kamen von Schulen oder Kindergärten. 110 Mal informierten Verwandte oder Bekannte die Behörden. 230 Hinweise kamen von Polizei, Staatsanwaltschaft oder Gericht, 255 Informationen wurden nicht zugeordnet.