Ausgleich im NebenjobRealschullehrer ist leidenschaftlicher Rettungssanitäter

Im Rettungswagen: Einmal im Monat wechselt Oliver Voßwinkel Lehrbücher gegen EKG, Defibrillator und andere notfallmedizinische Geräte. Der Rettungsdienst erde ihn, sagt er.
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Winkel – Für die einen ist es ein kräftezehrender Vollzeitjob, für Oliver Voßwinkel Ausgleich und Erdung. Der Realschullehrer arbeitet nebenberuflich als Rettungssanitäter. Die Leidenschaft hat der 47-Jährige aus Marienheide-Winkel vor vielen Jahren im Zivildienst für sich entdeckt, und sie lässt ihn bis heute nicht los. „Nirgendwo anders erfährt man das Leben näher als hier.“ Davon profitieren auch seine Schüler.
Beim Rettungsdienst des Oberbergischen Kreises hat Voßwinkel eine Achtel Stelle. Einmal pro Monat tritt er in den Rettungswachen Nümbrecht oder Wiehl zur 24-Stunden-Schicht an, um mit Rettungswagen und hauptberuflichem Kollegen zu internistischen Notfällen, Unfällen oder anderen Einsätzen auszurücken, bei denen schnelle medizinische Hilfe gefragt ist. In gut 25 Jahren ist der Lehrer mit so gut wie allen Notlagen in Kontakt gekommen, hat unzählige Menschen gerettet – aber auch mehrere verloren. Manchmal sind Krankheiten und Verletzungen zu gravierend, kommt jede Hilfe zu spät. Trotz Blaulichts, trotz Martinshorns, trotz allen Eifers, dem Patienten ein Weiterleben zu ermöglichen.
Vieles im Rettungsdienst relativiert Diskussionen im Schuldienst
„Hier ist die Wirklichkeit“, sagt Voßwinkel über seinen Nebenjob: „Was ich im Rettungsdienst erlebe, relativiert vieles andere im Schuldienst.“ Diskussionen über Handyverbote im Unterricht und nicht gemachte Hausaufgaben sind im Vergleich zum drohenden Verlust eines Menschenlebens eben weniger dramatisch.
Seine Schüler dürfen deswegen aber nicht auf einen weniger strengen Pauker hoffen – im Gegenteil. Das exakte Arbeiten, das er als Retter mitbringen muss, setzt Voßwinkel genauso in der Realschule auf dem Gummersbacher Hepel voraus. „Weil ich durch den Rettungsdienst weiß, dass es in bestimmten Lebensbereichen auf absolute Zuverlässigkeit ankommt, vermittle ich die auch meinen Schülern.“
Vor 13 Jahren hat Voßwinkel eine Brücke zwischen seinen beiden Welten geschlagen und an der Realschule Hepel einen Schulsanitätsdienst initiiert. Derzeit sind es 13 Schüler, denen der Lehrer regelmäßig die grundlegenden Kniffs und Griffe der Ersten Hilfe beibringt. Mittlerweile unterstützt sein zweiter Arbeitgeber, der Oberbergische Kreis, den Sanitätsdienst als Kooperationspartner. Denn als Rettungsprofi weiß Voßwinkel: Je mehr gut ausgebildete Ersthelfer es gibt, desto größer sind auch die Erfolgschancen der Rettungsassistenten und Notfallsanitäter, die Patienten rechtzeitig ins Krankenhaus zu bringen.

In den 1990er Jahren fuhr Voßwinkel (2.v.r.) bei den Wiehler Johannitern erst Krankentransporter, dann Rettungswagen.
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So jung wie seine Schüler war Voßwinkel nicht, als er selbst erstmals in Kontakt mit Erster Hilfe kam. Nach dem Abitur am Gummersbacher Gymnasium Moltkestraße hatte er 1990 eine Zivi-Stelle bei der Johanniter-Unfall-Hilfe in Wiehl angetreten. Er fuhr einen Krankentransportwagen und fand Gefallen an der Aufgabe. Zum Ende seiner Zivi-Zeit machte er die Ausbildung zum Rettungssanitäter – und er machte weiter. Während des Studiums legte er seinen Vorlesungsplan so, dass er nebenbei immer noch Rettungswagen fahren konnte.
Als Rettungssanitäter steht Voßwinkel hierarchisch unter den Rettungsassistenten. Seit wenigen Jahren sind Notfallsanitäter – neben den Ärzten – die am höchsten qualifizierten Mitarbeiter des Rettungsdienstes. „Ich habe schon oft befürchtet, dass mich der Kreis nicht mehr brauchen könnte“, sagt Voßwinkel. Natürlich habe er in der Vergangenheit überlegt, sich im Rettungsdienst weiter zu qualifizieren und den Job hauptberuflich zu machen. Oliver Voßwinkel entschied sich aber für den weniger anstrengenden Lehrerberuf, wie er sagt. Für die Leistung seiner hauptberuflichen Kollegen im Rettungsdienst habe er großen Respekt.
