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„Wenn ich schreibe, bin ich frei“Marienheiderin will mit ihren Geschichten Mut machen

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Das Positive sehen will Brigitte Sahr im Leben und im Schreiben. Und nicht „dem ewigen Grübelkopp“ nachgeben.

Marienheide – „Wenn ich schreibe, bin ich wirklich frei!“ Es kostet Brigitte Sahr unendliche Mühe, den Satz zu artikulieren, der einer der wichtigsten in ihrem Leben ist. Frei von der Last des Körpers, der sie schon ihr ganzes Leben lang einschränkt und seit Jahren daran hindert, die Enge ihrer Wohnung in Marienheide zu verlassen, weil die Treppe unüberwindlich ist. Frei von der Qual, so viel zu sagen zu haben und die Worte kaum über die Lippen zu bringen.

Die Tasten ihres Laptops sind für die 70-Jährige das Tor zu phantastischen Welten, in denen sie sich schwerelos bewegen kann, zu magischen Orten und poetischen Reflexionen über das Leben, zu imaginären Reisen über alle Grenzen hinweg. Deshalb schreibt Brigitte Sahr. Heitere, tröstliche Geschichten, Märchen, Gedichte und Aphorismen, in denen sie auch das eigene Schicksal verarbeitet.

Brigitte Sahr: Behindert durch Vorurteile

Von Geburt an leidet Brigitte Sahr an einer Cerebralparese mit schweren Spasmen und Sprachstörung. So hilft der Laptop auch bei der Kommunikation im Alltag, wenn das Sprechen zu scheitern droht. „Die Behinderung hat mich zwar in vielen Dingen gebremst, doch wirklich ,behindert’ haben mich die ewigen Vorurteile“, schreibt sie und schildert die vielen Kämpfe, die sie für ein selbständiges Leben geführt hat.

„Ich war ja das Sorgenkind. Immer hieß es: Das kannst du sowieso nicht“, erzählt sie von ihrer Kindheit in Engelskirchen. Dem Besuch der Realschule für Körperbehinderte in Köln folgte das Abitur. Danach ein Sprachtherapie - und Psychologiestudium in Köln – „da musste ich zwei Stunden mit dem Professor diskutieren, um ihn zu überzeugen, dass ich doch in der Lage sein werde, den Beruf ausüben zu können“.

„Die schönste Zeit meines Lebens“

Bis 2005 war sie als Ergotherapeutin angestellt in der Klinik in Marienheide – „das war die schönste Zeit meines Lebens“, sagt sie und strahlt. In dieser Zeit hat sie auch ihr erstes Märchen geschrieben, für einen Patienten, der sich beinahe aufgegeben hätte und der dann doch neuen Mut fasste. Mut brauchte sie selbst, als es ihr dann gesundheitlich längere Zeit schlecht ging und sie schließlich eine Erwerbsminderungsrente bekam.

„Meine Gedanken waren stets an die Klinik ,gefesselt’, ich habe lange gebraucht, den Verlust meiner Arbeit zu verarbeiten“, sagt Brigitte Sahr. Das tat sie schließlich mit ihrem Gedicht „Das Ende war erst der Anfang“, in dem sie beschreibt, wie die Gedanken zur Ruhe kommen, sie zum ersten Mal beginnt, „nur sich selbst zu leben“ und die Rente als Chance begreift, „endlich in die Freiheit gehen zu können“. Denn Freiheit bedeutet ihr alles. Deshalb lehnt Brigitte Sahr es bis heute ab, eine Pflegestufe und damit eine Haushaltshilfe zu beantragen, obwohl sie sich nach mehreren Beinbrüchen nur mühevoll innerhalb der Wohnung bewegt.

Zwei Bücher bereits veröffentlicht

Hilfsbereite Nachbarn holen die Post, kaufen für sie ein.„Alles andere mache ich selbst“, sagt sie stolz, und ergänzt: „Ich war mein ganzes Leben lang abhängig. Das will ich nicht mehr.“ Auch um diesen Satz muss sie lange kämpfen, bis er über ihre Lippen kommt.

Also schreibt sie. Zwei schmale Bücher hat sie veröffentlicht, die inzwischen vergriffen sind. „Wenn ich schreibe, dann habe ich keinen Hunger, keine Schmerzen, keinen Mangel, keine Sehnsüchte, keine Bedürfnisse.“ Und dann sagt Brigitte Sahr noch einen wichtigen Satz: „Wenn ich schreibe, bin ich ganz heil.“ Deshalb ist sie heute ein fröhlicher Mensch. Eine Frau, die das Schöne, das Positive im Leben sehen und nicht „dem ewigen Grübelkopp“ nachgeben will. Wenn sich dieser angesichts von Last und Leiden, von Krisen und Krieg aufdrängen will, schreibt sie dagegen an.

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Mit ihren Geschichten und Gedichten will Brigitte Sahr auch anderen Menschen Mut machen, und sie hofft, dass sie gelesen, vorgelesen oder auch gepostet werden. Eine Auswahl steht auf ihrer Homepage.