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„Meine Mama ist gestorben“Zuflucht im Not-Haus für Kinder und Jugendliche

4 min
Not-Haus Oberberg

Das Not-Haus für Kinder.

  1. "Meine Mama ist gestorben", sagt der Siebenjährige, der nicht mehr nach Hause kann.
  2. Es sind Geschichten vom Aufwachsen zwischen Vernachlässigung und Alkohol.
  3. Es sind nicht alle zu retten.

Oberberg – Es ist 12 Uhr mittags. Tim (alle Namen geändert) deckt den Tisch. Der aufgeweckte Junge ist sieben Jahre jung. Gewissenhaft positioniert er Teller, Besteck und Gläser auf dem großen Holztisch.

Der Raum ist lichtdurchflutet. Auf der einen Stirnseite ein großer Bauernschrank auf der anderen ein gemütliches Sofa. Von hier aus gelangt man über eine Glastür in einen Garten mit Blumen und Bäumen. Der kleine Junge zählt durch: „Heute sind wir zu sechst.“

Bald schon mehr Teller - oder weniger

Tim weiß längst, dass morgen oder schon heute Abend mehr Teller gebraucht werden könnten – oder weniger. Denn Tim lebt seit etwa zwei Wochen im Kinder-Not Haus.

„Meine Mama ist gestorben. Ich war bei ihr, als sie eingeschlafen ist“, erzählt der kleine Knopf. Danach wurde es kompliziert. Tim veränderte sich, seine Umgebung veränderte sich. Das Leben in der Familie wurde zusehends komplizierter. „Ich habe meine Geschwister zu doll geärgert“, so seine eigene Begründung für seinen Umzug in ein neues Zuhause.

Kein Zurück mehr

Was wirklich vorgefallen ist, erzählt niemand. Eines ist jedoch klar: In sein altes Leben führt für Tim erstmal kein Weg. Die nächste Station ist ein Platz im Kinderheim. „Der Bedarf wird immer größer, die Kinder werden immer jünger“, berichtet Hans-Willi Kämmerling, Leiter des Kinder-Not-Hauses, dessen Träger die Caritas-Jugendhilfe-Gesellschaft ist.

Die Kinder kommen hier hin, wenn Eltern überfordert sind. Manche merken das von selbst, bei anderen trifft das Jugendamt die Entscheidung, wenn auch objektiv betrachtet erstmal keine Hoffnung auf Besserung ist und nimmt die Kinder aus den Familien.

Nur Zwischenstation

Das Kinder-Not-Haus ist dabei immer nur eine Zwischenstation. „Vorgesehen ist, dass die Kinder hier zwischen sechs Wochen und drei Monaten verbringen. In der Realität ist von fünf Stunden bis zu 365 Tagen alles dabei gewesen“, berichtet Kämmerling.

Das liege manchmal auch daran, dass es oft gar nicht so einfach sei, die Kinder und Jugendlichen im Anschluss adäquat unter zu bringen.

Auf die schiefe Bahn

Auch Jonas (16) und Lucca (17) leben derzeit im Kinder-Not-Haus. Die beiden Jugendlichen sind irgendwie auf die schiefe Bahn geraten. Lucca hat dafür seine eigene Erklärung: „Meine Eltern haben mir einfach alles verboten. Irgendwann bin ich ausgebrochen.“

Dann begann der Strudel, aus dem ein eigenständiges Entkommen schwierig bis unmöglich ist. Drogen und Alkohol statt Schule und Ausbildung.

Platz zum Durchatmen

Im Kinder-Not-Haus ist bei diesem emotionalen Auf und Ab erstmal ein Platz zum Durchatmen. Insgesamt fünf pädagogische Mitarbeiter und zwei Hauswirtschaftskräfte stehen den Bewohnern zur Seite.

Dabei ist die Mithilfe im Haushalt oft das erste strukturierende Element. Es gibt zwar pädagogische Angebote, die sind jedoch freiwillig.

Zeit zum Zuhören

Diplom-Sozialpädagogin Silke Kowalski hat heute Dienst, gemeinsam mit Tabea Rossi. „Unsere Aufgabe ist es, da zu sein, zuzuhören, Antworten zu geben – da wo wir es können, ohne Vorwurf“, erklärt Kowalski.

Sehr ruhig und mit viel Bedacht nimmt sich die 33-Jährige vor allem eines: Viel Zeit. „Störungen haben Vorrang. Die muss man wahrnehmen und heilen. Kinder haben es verdient gesehen und gehört zu werden.“ 

Seit 2010 gibt es das Kinder-Not-Haus im Oberbergischen mit wechselndem Standort. Ähnlich wie bei einem Frauenhaus ist der Standort geheim, zum Schutz der jungen Bewohner, besonders bei Inkognito-Unterbringungen. Die Kinder sind zwischen sechs und 18 Jahren alt.

Träger der Einrichtung ist die Caritas Jugendhilfe Gesellschaft in Köln. Finanziert wird das Angebot durch die belegenden Jugendämter. Das Haus ist ein Schutzraum, der die Grundbedürfnisse der Kinder sichert. Ziel ist es, die aktuelle Situation zu klären und neue Perspektiven zu schaffen. (nis)

Not-Haus-Leiter Kämmerling sieht die zunehmende Problematik darin, dass die Rollen in den Familien oft nicht klar definiert sind. „Die Kinder, die hier her kommen, sind oft in ihrer Bindungsfähigkeit stark beeinträchtigt. Vernachlässigung ist leider auch ein großes Thema“, weiß er. 

Tim fühlt sich wohl in seinem neuen Zuhause auf Zeit. Stolz zeigt er sein großes Zimmer. „Im Moment habe ich sogar zwei Betten – eines zum Schlafen und eines für meine Spielsachen.“

Spielen in der Küche

Insgesamt gibt es fünf Doppelzimmer und vier Einzelzimmer, teilweise mit eigenem Bad. Ein Aufenthaltsraum mit Gesellschaftsspielen und eine große Küche bietet für alle Platz. 

Heute ist Hauswirtschafterin Rossi hier der Boss. Ihr liegen die Jugendlichen besonders am Herzen. „Die fallen oft durchs Raster. Deshalb ist es mir sehr wichtig, sie an der Hand zu packen und gemeinsam einen Weg zu finden“, erzählt die 50-Jährige. Parallel zu ihrem Beruf hat sie deshalb auch noch die Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin absolviert.

Ein bisschen helfen

Auch Rossi weiß, dass man nicht alle retten kann. „Das tut manchmal sehr weh, aber es gibt eben auch die anderen, denen wir ein bisschen helfen konnten auf ihrem Weg in ein neues Leben.“

Jonas und Lucca würden vieles gerne rückgängig machen aus ihrem bisherigen Leben. „Ich möchte selbst auch mal eine Familie haben und einen Job, ein eigenes Haus, Auto und so“, sagt Jonas. „Einfach mal glücklich sein“, wünscht sich Lucca – ein Traum, der hoffentlich bald in Erfüllung geht.