Am äußersten Norden SchwedensOberberger organisiert atemberaubende Extremwanderungen

Grüße vom Pårte-Gletscher: Horst Winkels (links) und Udo Adolphs haben eines ihrer Ziele im schwedischen Sarek-Nationalpark erreicht.
Copyright: Udo Adolphs
Benroth – Jeder weitere Schritt könnte in den Tod führen. 30, 40 Meter tief hat sich die Lullihavagge-Schlucht ins Felsmassiv gefressen, nur ein schmaler Pfad windet sich durch dieses Kerbtal und säumt den Abgrund. Doch es regnet, nass sind die Steine, rutschig das Moos und die Flechten darauf. Udo Adolphs und Horst Winkels wissen sofort, was zu tun ist: Sie kehren um. „Das Abenteuer zu suchen, bedeutet ja nicht, sein Leben zu riskieren“, sagt der Benrother Adolphs.
So ging’s statt durch die Schlucht lieber noch in den Stora-Sjöfallets-Nationalpark. „Dort sind wir dann auf ein paar Gipfel gekraxelt, verrät Udo Adolphs. Gerade ist er mit dem Berkenrother Winkels durch den äußersten Norden Schwedens und mitten durch Lappland gewandert – auf einer Strecke von etwa 110 Kilometern an insgesamt sieben Tagen.

Der schwedische Sarek-Nationalpark lässt keine Wünsche eines Wanderers unerfüllt.
Copyright: Udo Adolphs
„Nur“ 110 Kilometer, denn normal sind für den 66 Jahre alten Adolphs Wanderrouten mit Längen von mindestens 150, ja sogar mehr als 170 Kilometern – „und das inzwischen mit zwei künstlichen Hüftgelenken“, sagt Adolphs und wischt sich lachend den Schweiß von der Stirn.
Während die Sommerhitze das Oberbergische fest im Griff hatte, sind der frühere Mitarbeiter einer Krankenkasse und der aktive Polizist in Schweden bei etwa zwei Grad Celsius am Morgen in ihren Zelten aufgewacht, um dann bei höchstens zwölf Grad einen Fuß vor den anderen zu setzen. „Erfrischend waren die Flüsse, die wir durchwaten mussten“, blickt Horst Winkels zurück. „Das Wasser hatte nämlich etwa fünf Grad.“

Eiskaltes Wasser erwartet die Wanderer auf dem Weg zu ihrem Ziel.
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Sehr lange muss sich Adolphs nicht von der deutschen Hitze plagen lassen: Für nur einen einzigen Tag ist er nach Benroth zurückgehrt. Gerade hat er den rund 25 Kilogramm schweren Wanderrucksack aus- und den Urlaubskoffer vollgepackt: Mit dem Wohnmobil und Ehefrau Ulrike an der Seite geht es zurück in den Sarek-Park, aber diesmal zu einem eher gemütlichen Urlaub. Dort oben ist das Paar bekannt wie bunte Hunde, sogar die örtliche Tageszeitung hat über die Benrother schon geschrieben – kein Wunder, seit dem Jahr 1977 ist Nordschweden das Lieblingsziel der beiden.
Aber auch den Berkenrother Winkels, bereits vor der jüngsten Tour ein erfahrener Wanderer, hat die Leidenschaft für Schweden gepackt. „Traumhaft, diese Natur“, schwärmt der 61-Jährige, der Adolphs zum dritten Mal begleitet hat – und es immer wieder machen würde, „sofern meine Frau das mitmacht“. Ihn habe es fasziniert, Landstriche zu durchschreiten, in denen nur wenige – sehr wenige! – Wanderer unterwegs sind. „Die wilde Natur, das wunderschöne Hochgebirge – solche Anblicke entschädigen für jede Mühe.“

Spektakuläre Aussichten, für die man allerdings manchen eiskalten Fluss durchqueren muss.
Copyright: Udo Adolphs
Start war für die beiden Männer der kleine Ort Kvikkjokk, der am Kungsleden (Königspfad), einem fast 800 Kilometer langen Fernwanderweg liegt. Dieser führt von Hütte zu Hütte und ist damit eher weniger anspruchsvoll. „Da laufen alle her – ein Rotweinwanderweg also“, sagt Adolphs lachend.
Die Glücksbringende Nummer 13
Seit 1977 dokumentiert er auch den Wandel der Natur im Wandel des Klimas: So sei etwa der Pårte-Gletscher im Sarek-Park, einer der größten Gletscher Schwedens, um 30 bis 40 Meter zurückgewichen. Die Wandersaison ist in diesem Teil Skandinaviens übrigens eine sehr kurze: Offiziell beginnt sie am 21. Juni mit dem Markieren der Wege und am 11. August ist sie meist schon wieder vorbei. Zurzeit scheint dort die Sonne am Tag und auch in der Nacht.
Für Udo Adolphs ist es das tiefe Eintauchen in eines der letzten wahren Wildnisgebiete Europas, das ihn immer wieder zurückkehren lässt. Die jüngste Wandertour war die dreizehnte. „Und das ist alles andere als eine Unglückszahl“, betont Adolphs – vor allem mit Blick auf jene weise Entscheidung, die Lullihavagge-Schlucht diesmal links liegen zu lassen und im kommenden Jahr erneut auf die Route zu setzen.
