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Prozess um früheres Nümbrechter TV-PaarVersuchter Mord oder Denkzettel?

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Die Angeklagte vor dem Landgericht

Nümbrecht/Bonn – Von dem alten Glanz ist nichts mehr da. Von dem glücklichen Ehepaar, jahrelang TV-Stars in einer Reality-Soap, ist nur noch das gemeinsame Scheitern übrig. Finstere Blicke, bleiche Gesichter in einem erbittert geführten und dennoch leidenschaftslosen Prozess, wo jeder – nach über drei Jahren – nur seine Wahrheit bestätigt haben möchte.

Gestern sahen sich beide im Bonner Landgericht wieder: Die frühere Arzthelferin, 56 Jahre alt, in dicker Wollweste und grauem Schal, das schüttere Haar zum Pferdeschwanz gebunden. Und der Polizeibeamte, 54 Jahre alt, kurzärmelig, kurzer Haarschnitt, mit versteinertem Ausdruck: Das Paar saß sich gegenüber – und würdigte sich dennoch keines Blickes.

Hochgefährlicher Pillen-Cocktail

Im Sommer 2016 soll die Mutter von sechs Kindern ihrem Ehemann einen hochgefährlichen Pillen-Cocktail in den Fruchtsaft gemischt haben. Dafür hatte das Amtsgericht Waldbröl sie im Oktober 2018 wegen gefährlicher Körperverletzung zu einem Jahr und drei Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Eine Tötungsabsicht, so das erstinstanzliche Urteil, sei ihr nicht nachzuweisen gewesen.

(Hier lesen Sie mehr: Prozessauftakt gegen mutmaßliche Giftmischerin in Waldbröl, Archivartikel)

Davon aber geht der Polizeibeamte aus. Er ist überzeugt, dass seine Ex-Frau ihn für eine Liebesaffäre abstrafen und ihn mit dem kontaminierten Saft töten wollte. Deswegen ist der 54-Jährige in Berufung gegangen. Vier Jahre Haft hatte die Nebenklage beantragt und ein Schmerzensgeld über 15 000 Euro. Gewünscht hatte sich der Polizist auch wie schon im ersten Prozess, dass der Fall vor dem Bonner Schwurgericht verhandelt wird. Aber die Anträge wurden damals wie heute abgelehnt. So rollt jetzt die Berufungskammer den Fall erneut auf.

„Ich habe meinen Mann nie töten wollen“, erklärte die Frau mit matter, brüchiger Stimme. „Oder, dass er einen Schaden erleidet.“

Alles getrunken

An dem Wochenende sei er zur Geburtstagsfeier einer Freundin gefahren. Nach seiner Rückkehr habe er unentwegt weiter SMS-Kontakt mit ihr gehabt. Ihre Bitte, den aggressiven Klingelton leiser zu stellen, habe er abgelehnt. Darüber sei sie sehr gekränkt gewesen. Sie habe ihn schläfrig machen wollen, um endlich Ruhe zu haben.

Die Frau räumte ein, sechs Tabletten eines starken Beruhigungsmedikamentes in den Saft gemischt zu haben. Als ihr Mann sich über den weißen Bodensatz wunderte, habe sie erklärt, dass sei wohl der Rest eines Eiweißshakes. Dann habe er alles getrunken.

„Ein Wunder,  dass der Mann überlebte”

Als es ihm auch am nächsten Tag noch schlecht ging, habe sie es mit der Angst bekommen und ihn zum Arzt bringen wollen. Das habe er abgelehnt. Erst als Freunde vorbeikamen, riefen sie einen Krankenwagen. In der Klinik dann die Diagnose: Im Blut fanden die Toxikologen nicht nur das Beruhigungsmittel, sondern auch Spuren von zwei weiteren starken Schmerzmedikamenten sowie Schlaftabletten. Ein tödlicher Mix, so der Gutachter im ersten Prozess. Es sei ein Wunder, dass der Mann das überlebt habe. Deswegen, so der Fachmann, könnten die Medikamente nicht alle gleichzeitig im Saft gewesen sein.

Der Prozess war in der Vergangenheit auch in der Öffentlichkeit ausgetragen worden, zum Beispiel durch Auftritte des Polizisten in einer RTL-Fernsehshow auch nach dem Waldbröler Urteil. Deshalb mahnte die Kammervorsitzende Anke Klatte alle Prozessbeteiligten: „Jeder sollte darüber nachdenken, wie viel man aus dem Verfahren nach außen bringt und es dadurch unnötig anheizt.“ Aber natürlich müsse das jeder für sich selbst entscheiden. Für die Aufklärung des kapitalen Giftfalls sind weitere drei Verhandlungstage angesetzt.