Schloss HomburgUlrike Folkerts liest Grass zu musikalischer Begleitung
Nümbrecht – „Mein Ohr war hellwach“, das ist einer der ersten Sätze in dieser außergewöhnlichen Lesung. Und er beschreibt treffend, was auch das Publikum empfindet. Hellwach verfolgen die Zuhörer die bildhafte Sprache des Nobelpreisträgers Günter Grass’, der mit der den Erzählungen und lakonischen Beobachtungen der „Blechtrommel“-Hauptfigur Oskar Matzerath Weltliteratur geschrieben hat.
Ulrike Folkerts in der Rolle des Oskar liest diesen Satz in der Neuen Orangerie auf Schloss Homburg. Die Schauspielerin ist bekannt aus dem „Tatort“, seit 1989 verkörpert sie Lena Odenthal, die in Ludwigshafen ermittelt. In Nümbrecht wird sie begleitet von dem Rezitator Clemens von Ramin und von einer silbern schimmernden Snare Drum. Daneben ein ganzes Schlagwerk-Arsenal. Stefan Weinzierl arbeitet sich an Pauken, Becken, Vibrafon und Marimba ab, um den Passagen aus dem Buch von 1959 einen dramatischen Klangrahmen zu geben.
Folkerts und von Ramin wirken, als würden sie selbst in den Text eingesogen. Eine Einladung an die Zuhörer, sich mit ihnen auf die Reise in die skurrile Gedankenwelt des kleinwüchsigen Protagonisten zu begeben. Die Donnerschläge auf der Pauke, die Tonfolgen auf dem Marimbaphon, das durchdringende Klingen des Vibraphons, erzeugt von einem in seine Musik versunkenen Stefan Weinzierl, holen immer wieder in die Wirklichkeit zurück. Die Klänge erinnern daran, dass hier doch nur eine, wenn auch durch die Kriegsthematik hochaktuelle, Geschichte erzählt wird.
Es ist gerade diese Aktualität, die Ulrike Folkerts gereizt hat: „Ich finde es, besonders im Hinblick auf das aktuelle Geschehen in der Welt, sehr wichtig, sich mit diesem Stoff wieder und neu auseinanderzusetzen. Das Buch hat mich durch seine ungeschönten Schilderungen einer schrecklichen Realität sehr berührt.“
Die Lesung fand ihren Weg durch Clemens von Ramin nach Nümbrecht. Der Hamburger pflegt schon länger Kontakt zu Schloss Homburg und schlug dessen Museumsdirektorin, Dr. Gudrun Sievers-Flägel, das Gastspiel vor. Sievers-Flägel war begeistert. „Ich finde die Sprache dieses Buches faszinierend.“ Und dann erzählt die gebürtige Schleswig-Holsteinerin, dass sie tatsächlich sogar einen sehr persönlichen Bezug zu Günter Grass hat: „Meine Mutter Ursula war im letzten Kriegsjahr in seiner Klasse.“
