Abo

Exklusiv

Absturz 1959
Wie eine Reichshoferin eines der ersten Opfer der Lufthansa-Geschichte wurde

3 min
Eine junge Frau steigt in den 1950er Jahren aus einem Flugzeug.

Die Flüge zwischen Europa und Südamerika waren in den 1950er Jahren kostspielig und ein echter Marathon mit vielen Zwischenstopps. Hier steigt Waltraut Blatt aus einer Lufthansa-Maschine.

Viel zu tief fliegt der Pilot am 11. Januar 1959 Rio de Janeiro an. Die Maschine explodiert. Mit an Bord: Eine 23-Jährige aus Eckenhagen.

Ach, hätte ich doch nur bei meinen Lieben im Oberbergischen bleiben dürfen, mag sich Waltraut Blatt gedacht haben, als ihr Flugzeug an jenem Sonntagnachmittag viel zu tief aus der Wolkendecke über Rio de Janeiro schießt. Im strömenden Regen ist die Guanabara-Bucht kaum zu erkennen, der weltberühmte Zuckerhut schon gar nicht. Das Fahrwerk der Maschine kracht hart auf den Atlantik und reißt sofort ab.

Maschine mit der Eckenhagenerin an Bord geht in Flammen auf

Aufzeichnungen des Funkverkehrs belegen später, dass der Pilot noch fluchend versucht, die Kontrolle über das Flugzeug zurückzugewinnen, und einen weiteren Funkspruch zum Tower von Rio absetzt. Es ist der letzte. Um Waltraut herum geraten Passagiere in Panik. Die viermotorige Maschine rast auf die Küste zu, dreht sich noch einmal quer und brennt plötzlich lichterloh.

Eine Lockheed "Super Constellation" der Lufthansa im Jahre 1955 in Parkposition auf dem Stuttgarter Flughafen.

Eine solche Lockheed-Maschine des Typs „Super Constellation“ der Lufthansa, hier aufgenommen im Jahr 1955 auf dem Stuttgarter Flughafen, war die Unglücksmaschine..

36 Menschen sterben an diesem 11. Januar 1959 in den Flammen. Auch Waltraut Blatt aus Eckenhagen ist unter den Opfern von Lufthansa-Flug 502. Ihr Leben endet damals mit gerade einmal 23 Jahren im schlammigen Uferbereich am anderen Ende der Welt.

Erinnerungen bei der Familie in Bergneustadt

Über die Lufthansa ist in dieser Woche viel zu lesen. Die Gesellschaft mit dem Kranich feierte am Dienstag ihren 100. Geburtstag. Bei Heidemarie Blum aus Bergneustadt-Neuenothe und ihrem Bruder Reinhard Weuste weckte diese Nachricht aber auch die Erinnerung an das Schicksal ihrer Tante Waltraut – und den ersten Absturz einer Verkehrsmaschine der Lufthansa, am Sonntag vor genau 67 Jahren.

Verliebt in das oberbergische Land

Dabei wollte Waltraut gar nicht in die weite Welt hinaus. 1937 in Siegburg geboren, kommt sie im Krieg nach Oberberg und fühlt sich hier gleich pudelwohl. Sie mag lange Spaziergänge durch das Eckenhääner Land, den Duft der Fichten, den Schatten der Eichen, den Kirchenchor und die weiße Winterlandschaft. Vor allem aber mag sie einen jungen Mann, der sich bei den Schützen engagiert. Natürlich sagt sie sofort zu, als der 1953 den Jungschützenvogel abschießt und sie zu seiner Königin machen will.

Blick auf einen Stoß Luftpostbriefe

Über 50 Briefe schrieb Waltraut Blatt aus Argentinien allein an ihre Eltern. Verschickt wurden sie per Luftpost.

Doch Waltrauts Vater hat andere Pläne mit ihr. Schon seit einigen Jahren leben Waltrauts Onkel und Tante in Argentinien und sie besitzen dort eine ganze Menge: Textilfabrik und großes Haus in Buenos Aires, einen weitläufigen Landsitz für den Sommer, ein eigenes Pferdegut. Nur Kinder, die hat das Paar nicht. Kurzum soll Waltraut als Ersatztochter nach Argentinien, schon im Herbst 1953 hat sie die Reise anzutreten – per Schiff und ziemlich unglücklich, aber Waltrauts Wille zählt für den Vater nicht.

Ich möchte so gerne einmal wieder über die Felder und durch die Wälder von Eckenhagen spazieren.
Waltraut Blatt in einem ihrer Briefe an die Eltern

In den folgenden Jahren schreibt sie ihren Eltern oft. Es sind emotionale Zeilen, die von großem Heimweh berichten. „Ich möchte so gerne einmal wieder über die Felder und durch die Wälder von Eckenhagen spazieren“, heißt es in einem ihrer Briefe, die stets per Luftpost kommen. Was damals niemand ahnt: Auch der Jungschützenkönig bekommt regelmäßig Post aus Argentinien, richtige Liebesbriefe.

Blick auf ein Telegramm aus dem Jahr 1959.

Auch das Original-Telegramm, durch das die Eltern Kenntnis von Waltrauts Tod erhielten, bewahrt die Familie bis heute auf.

Im Oktober 1958 kehrt Waltraut zu einem längeren Urlaub in der Heimat zurück, diesmal mit dem Flugzeug bis Hamburg. Die Reise ist selbst für Gutbetuchte kostspielig und zudem ein echter Marathon, mit Zwischenlandungen in Rio, Dakar, Lissabon und Paris. Daheim berichtet Waltraut, dass sie im nächsten Jahr in Argentinien einen Verehrer heiraten soll. Der Mann ist zwar 30 Jahre älter als die hübsche Oberbergerin, doch auch diesmal scheint dem Vater das Bankkonto wichtiger.

Am 10. Januar 1959 verlässt Waltraut das Elternhaus, in das sie nie zurückkehren wird. Ihre Beerdigung am 25. Januar wird zum Volksauflauf, die Eckenhagener verabschieden ihr Tuttelchen, wie viele sie nannten. Viele Jahrzehnte später wird übrigens der Jungschützenkönig nur einen Steinwurf von Waltrauts Grab entfernt bestattet. Geheiratet hat er nie. Seine Angehörigen legen ihm die Liebesbriefe aus Argentinien mit in den Sarg.