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Seltene Tiere in OberbergWie die Schwarze Glücksspinne zum Altweibersommer beiträgt

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Schwarze_Glücksspinne

Vor schillernden Tautröpfchen spinnt die Glücksspinne ihre zarten Fäden. 

Oberberg – Wenn es nicht so trocken ist wie in diesem Sommer, beklagen viele Oberberger gern die atlantischen Luftmassen, die zwischen Bergisch Gladbach und Bergneustadt erstmals auf ein vertikales Hindernis treffen und uns die überdurchschnittlich zahlreichen Niederschläge bringen. Dankend werden dann die eher seltenen, stabilen Hochdruckgebiete entgegengenommen, wie sie immer noch relativ zuverlässig während des sogenannten „Altweibersommers“ auftreten. Aber was hat diese meteorologische Singularität mit alten Weibern zu tun?

Wer an sonnigen Spätsommer- oder Herbsttagen durch die Natur streift, den werden zuweilen zarte Fäden im Gesicht kitzeln, die wie von Geisterhand bewegt durch die Luft schweben. Einst orakelte man, es handle sich um die Fäden der nordischen Schicksalsgöttinnen. Weniger transzendente Erklärungen beschrieben das Phänomen als durch die Luft segelnde Algen.

Flugfäden von Spinnen erinnerte an graues Haar alter Frauen

Die Wahrheit ist, dass junge Spinnen diese Fäden produzieren und daran durch die Luft schweben. Dieser Flugfaden erinnerte die Menschen früher an das graue Haar alter Frauen. Von ihnen hat der Altweibersommer wahrscheinlich seine Bezeichnung.

Der Spinnenflug, auch Ballooning oder Luftschiffen genannt, erlaubt es den Jungspinnen, ihre überfüllte Kinderstube, in der die Nahrung knapp wird, zu verlassen. So können sie sich durch den Wind in die Luft heben und über größere Entfernungen tragen lassen.

Vor allem junge und leichte Spinnen wagen den Flug

Dazu beginnen sie an exponierten Stellen wie eine Ballerina zu trippeln, bevor sie aus ihren Spinnwarzen am Hinterleib Fäden in die Luft schießen, die sich fächerartig aufspreizen. An diesem Segel hängend, kann die Spinne in Höhen von einigen Kilometern gehoben und über sehr große Distanzen davongetragen werden.

Bei günstigen Winden gelangen die Aeronauten sogar in den Jetstream, der sie über ganze Ozeane tragen kann. Auf einer solchen Reise ist die Überlebenswahrscheinlichkeit allerdings gering. 2018 wurde von britischen Spinnenkundlern, den Arachnologen, ein ähnliches Verhalten auch bei Windstille festgestellt, bei der die Spinnen das elektrostatische Feld der Luft nutzen.

Schwarze Glücksspinne ist nur zwei Milimeter groß

Unter den 100.000 bekannten Spinnenarten sind es vorwiegend junge und damit sehr leichte Spinnen, die ihren Flug von besonders windigen Stellen aus starten. Es gibt aber auch kleine Arten, die noch als voll entwickelte Exemplare den äolischen Transport nutzen. So wie die Schwarze Glücksspinne (Erigone atra), deren Name an einen Kriminalroman erinnert und die oft einfach nur Zwergspinne genannt wird.

Streng genommen ist sie innerhalb der Familie der Baldachinspinnen (Linyphiidae) nur eine von mehreren Spezies aus der Unterfamilie der Zwergspinnen. Die Arten innerhalb der Gattung Erigone können nur anhand der Geschlechtsorgane sicher unterschieden werden.

Spinnenseide ist außerordentlich hoch entwickeltes Material

Mit zierlichen zwei Millimetern Größe wird die Schwarze Glücksspinne als recht possierliche Art wahrgenommen. Der nackt glänzende Vorderkörper, den Spinnenkundler anders als bei Menschen und Insekten nicht Thorax, sondern Prosoma nennen, und der mit kurzen Haaren bedeckte Hinterleib, das Opisthosoma, sind einheitlich dunkelbraun. Die Beine sind etwas heller. Die Geschlechter unterscheiden sich durch die stark erhöhte Augenregion des Männchens.

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Wie die meisten Spinnen jagt die Art Insekten. Auch dafür nutzt sie ihre Spinnenseide. Dabei handelt es sich um ein außerordentlich hoch entwickeltes Material, welches die Evolution hervorgebracht hat. Wissenschaftler versuchen seit Jahrzehnten erfolglos ein Material zu entwickeln, das der Spinnenseide in Gewicht und Stabilität nahekommt.

Schwarze Glücksspinne auch in bergischer Kulturlandschaft unterwegs

Außer in sehr trockenen Gegenden kommt die Schwarze Glücksspinne in fast allen terrestrischen Habitaten vor. Man trifft sie in Auwäldern, Gebirgen und Siedlungen an. Sie hat jedoch einen Hang zu Lebensräumen, die vom Wasser geprägt sind, wie Küsten, Binnengewässer, Moore und Feuchtwiesen. Durch ihre clevere Verbreitungsstrategie konnten sich die Tiere beinahe weltweit ausbreiten.

Die unzähligen, sich durch die Luft fortbewegenden Individuen der Schwarzen Glücksspinne tragen maßgeblich zum Altweibersommer bei. Bei bestem Wanderwetter wird so die Bergische Kulturlandschaft durch die bizarren Schwebefäden um eine faszinierende Naturerscheinung bereichert.