Digitale SommersynodeEvangelische Kirche startet von Krise in eine neue Zukunft

Vor gut 125 Teilnehmern sprach am Freitagabend auch der neue Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Dr. Thorsten Latzel.
Copyright: Siegbert Dierke
Oberberg – Singen vor offenen Fenstern, Live-Übertragungen im Internet, Kirchentüren als Schwarzes Brett, Zoom-Synoden, Gottesdienste unter freiem Himmel, warme Socken und dicke Mützen: Ist das die Zukunft der Kirche? Warum nicht! Die Zeit der Krise haben die Gemeinden im Evangelischen Kirchenkreis An der Agger genutzt, um sich neu zu erfinden, um neue Formen der Gemeinschaft zu finden, auf neue Art den Glauben zu leben. „Kirche nach Corona: Re-Start, Neustart, Integration“ war dann auch der große Titel der Sommersynode am Freitagabend, die – natürlich – digital stattgefunden hat.
Kirchenaustritte zwingen zu Veränderungen
Aber nicht nur Corona zwingt die evangelische Kirche zu Veränderungen, auch die Zahl von jährlich 25 000 bis 30 000 Austritten verlangt ein Reagieren. Wie das aussehen könnte, das gilt es zu erarbeiten. Erste Ansätze dazu gab Gastredner Dr. Thorsten Latzel, neuer Präses der Evangelischen Kirche, den 125 Teilnehmern der Synode um Superintendent Michael Braun mit auf den Weg. So forderte Latzel zum einen, die Presbyterien deutlich von der Verwaltungsarbeit zu entlasten und diese dem Kirchenkreis zu überlassen. Zum anderen will er bestehende Strukturen aufbrechen: „Warum sollte weiterhin der erste Wohnsitz über die Zugehörigkeit zur Kirchengemeinde entscheiden?“, fragte der 50-Jährige etwa.
Schutzkonzept
Zu den weiteren Aufgaben, die der Evangelische Kirchenkreis An der Agger kurzfristig angehen will, gehört die Entwicklung von Konzepten zum Schutz gegen sexualisierte Gewalt, insbesondere gegen Kinder und Jugendliche. Diakoniepfarrer Thomas Ruffler erinnerte eindringlich daran, dass diese Aufgabe seit dem Inkrafttreten des entsprechenden Kirchengesetzes am 1. Januar verbindlich sei und rief die Versammelten auf, sich zu beteiligen. (höh)
Denn: „Die Volkskirche mit selbstverständlicher Zugehörigkeit, die gibt es nicht mehr.“ Doch wisse er auch, dass die evangelische Kirche immer schon strukturkonservativ gewesen sei und an alten Formen festhalte. „Dabei haben wir kein Erkennungsproblem, sondern ein Umsetzungsproblem“, spielte Latzel darauf an, dass Mängel oft schon vor Jahrzehnten ausgemacht, jedoch noch immer nicht gelöst worden seien.
Entscheidung über Pfarrstellen startet im August
Der Kirchenkreis an der Agger muss sich ohnehin neu aufstellen: Bis 2030 wird die Zahl der Pfarrstellen von derzeit 34 auf 26 sinken. Die Arbeit an dieser Entwicklung werde am 28. August beginnen, kündigte Superintendent Braun an. Die Synode indes stehe passgenau an der Stelle zwischen dem Abebben der Corona-Krise und ersten Schritten in die Normalität. „Eine große Erleichterung: Denn Kirche passiert vor Ort, in der Begegnung mit Menschen.“ Jedoch müsse sie mit rasanten Veränderungen in der Gesellschaft Schritt halten. „Aber Kirche kann digital, das wissen wir heute.“
Wie lebendig die Gemeinden im Kreisgebiet sind, davon zeugten die Berichte von Pfarrer Gernot Ratajek-Greier (Drabenderhöhe), der „keine Lust mehr hat, die Gläubigen als Kacheln“ auf dem Computerbildschirm zu sehen, von Karin Thomas (Holpe-Morsbach), Maik Sommer (Müllenbach-Marienheide) und Stefanie Eschbach (Wipperfürth). Die Geistlichen bewiesen ihrerseits hohe Flexibilität: Nicht nur während der Pandemie, sondern auch bei der Synode: So lieferte Maik Sommer seinen Bericht nicht nur aus dem Urlaub, sondern auch aus dem Familienbus.
Gottesdienste an ungewöhnlichen Orten
Für die Wipperfürther Kirche am Markt berichtete Pfarrerin Eschbach von Gottesdiensten nicht nur draußen, sondern auch an ungewöhnlichen Orten, die zunehmend Anklang gefunden hätten. Eigentlich brauche man nicht viel, um Menschen auf neuen Wegen zu erreichen: „Mut zu verrückten Ideen, Strom, warme Socken und dicke Mützen.“
