Weihnachten vor 75 Jahren: Was tat sich 1946, nur anderthalb Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, rund um das Christfest? Wir haben den oberbergischen Lokalteil aus dem Redaktionsarchiv geholt und in ihm geblättert. Der Inhalt wirft interessante Schlaglichter auf den Alltag damals.
„Wünsche sind zollfrei“, beginnt ein Vorwort des Lokalteils vom 17. Dezember 1946, „und von dieser Freiheit haben die großen und kleinen Menschen seit Generationen besonders in der Adventszeit immer ausgiebigen Gebrauch gemacht. Aber nie zuvor sind die Wünsche an sich so bescheiden gewesen wie heutzutage, und das besonders Tragische ist, dass diese Wünsche auch noch nie zuvor so geringe Aussicht auf Erfüllung hatten.“
Und weiter: „Sicher hat sich noch nie eine Frau in normalen Zeiten so inbrünstig einen neuen Pelzmantel gewünscht wie heute ein Paar derbe Schuhe für ihren Jüngsten oder ein warmes Strickkleid für das Töchterlein. Eine andere einsame Mutter würde ihr ganzes Glück darin finden, wenn sie ihren fern hinter Stacheldraht festgehaltenen Jungen nur einmal für eine Stunde in die Arme schließen könnte.“
Was weg ist, ist weg? Das gab es nicht. Der Wert von Dingen, heute vielfach gar nicht mehr geschätzt, war ein ganz anderer, wie auch diese Zeitungsannonce zeigt: „Lederhandschuh, schwarz, am Mittwochabend in der Kaiserstr. verloren. Abzugeben geg. Belohnung...“
Auf der Suche nach ihren Taschen befanden sich mindestens zwei Männer, wie diese Anzeigen vom 20. Dezember 1946 bezeugen: „Diejenige Person, die am 30. 11. 46 mit d. Frühzug von Gummersbach nach Köln fuhr, bitte ich, die vertauschte Aktentasche gegen Koffer mit Inh. bei Janssen (...) abzuholen.“
Daneben diese Anzeige: „Der Herr, welch. am Freitag, d. 13. 12. aus d. Zuge Köln-Gummersbach (Ankunft 20.10 Uhr) Aktentasche a. Kunststoff mit wichtigen Papieren mitnahm, wird gebeten, diese innerh. 8 Tagen bei L. & C. Steinmüller, Gummersbach, abzugeben, andernfalls Anzeige erst. wird.“
Auf der Suche war so mancher Mann und manche Frau, wie wir den privaten Anzeigen entnehmen können: „Welch. Edeldenkende würde eine nicht mehr benutzte Lesebrille einem 72j. Flüchtling käuflich überlassen?“
Oder: „Schlafzimmer, Küche, Küchenherd, Chaiselongue od. Couch u. guterh. Kinderwagen zu kauf. ges.“
Oder: „Zwei Freundinnen v. Lande, Ww. ohne Kind, kath., 29 J., sowie eine Dame, 30 J., kath., suchen die Bekanntsch. je eines kath. guten Mannes im Alter v. 29-35 J. zw. spät. Heirat. Zuschrift mit Bild erbeten.“
Auch Menschen von auswärts wandten sich mit Gesuchen an die oberbergischen Zeitungsleser: „Obgfr. Fritz Krehs, Feldp.-Nr. L 38 076, lag im Febr. 45 im Lazarett Bensberg (Fußverwund.). Soll nach Attendorn verlegt worden sein. Welch. Kamerad k. über sein Schicksal Ausk. geben?“, fragte Maria Krehs aus Mittelfranken. Solche Gesuche nach Informationen über Vermisste gab es auch Ende 1946 noch in großer Zahl.
Das Aufleben der örtlichen Geschäftswelt spiegelt sich ebenfalls in Annoncen vom 20. Dezember 1946 wider. Das Gummersbacher Geschäft E. Kwiet, das 1973 dem Neubau des Einkaufszentrums Bergischer Hof weichen musste, annonciert:
„E. Kwiet, Gummersbach, Kaufhaus in Eisenwaren, Herde, Öfen, Haus- und Küchengeräte, Geräte für Feld und Garten. Demnächst: Porzellan-, Glas-, Korb-, Leder- und Spinnstoffwaren.“
Gleich darunter: „Einen neuen Hut für Felle kannst erwerben, jedoch den alten lasse reinigen und färben. Gerh. Bremicker, Hutpresserei. Gummersbach, Geschäftszeit nur donnerstags und freitags.“
Bescheidene Weihnachtsfreuden dann in der Heiligabend-Ausgabe: „Waldbröl. Über 150 Kinder von Ostvertriebenen waren Gäste einer hier stationierten belgischen Einheit. Glückliche Gesichter dankten den Gastgebern, die den Kleinen eine frohe Weihnachtsfeier bei selbst eingespartem Kakao und Kuchen bereiteten.“
Unter der Überschrift „Unsere Leser wüssten gern . . .“ gab es in derselben Ausgabe kritische Fragen. Die Leser, so hieß es in einer Aufzählung, wollten demnach gern wissen,
„... warum Lehrer täglich Schulspeisungssuppe in Kannen heimtragen, was doch den Kindern streng verboten ist?
... warum Schulkinder benachbarter Kreise 13 bis 16 Tafeln Schokolade erhielten und unsere Kleinen bisher nur eine?
... warum die 500 Waldbröler Hollenbergschüler nach meist sehr weitem Schulweg frieren sollen, während kleine behördliche Büros oft geradezu unerträglich überheizt sind.“
