Überfüllte Notaufnahmen in OberbergViele Notfälle sind gar keine

Der Nächste, bitte! Wer nicht mit einer ernsthaften Erkrankung in die Notaufnahme kommt, muss echten Notfällen den Vortritt lassen. Der Andrang in der Waldbröler Notaufnahme ist oft deswegen so groß, weil viele Menschen mit Beschwerden kommen, die auch ein Hausarzt behandeln könnte.
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- Vor kurzem berichteten wir von der Odyssee eines Oberbergers durch überfüllte Notaufnahmen.
- Beleidigungen und körperliche Angriffe sind oft an der Tagesordnung.
- Jetzt berichtet ein Krankenhausmitarbeiter, warum es dort oft lange Wartezeiten gibt.
Waldbröl – Es ist die Ruhe vor dem Sturm. In der Notaufnahme des Kreiskrankenhauses in Waldbröl sind an diesem Samstagmorgen nur wenige Menschen. Es ist kurz vor 10 Uhr, im Wartebereich sind nur ein paar der dunkelroten Polsterstühle besetzt. Manche der Wartenden wollen in der Notaufnahme behandelt werden, andere in der Praxis des kassenärztlichen Notdienstes, der neben dem Warteraum liegt. Doch die meisten Plätze sind leer – zumindest noch.
Rush Hour am Wochenende
Wolfgang Kohl traut der Ruhe nicht. Aus langjähriger Erfahrung weiß der Krankenhausmitarbeiter: Die Zahl der Hilfesuchenden kann schlagartig in die Höhe schnellen. Kohl ist Pflegerischer Leiter der Notaufnahme und arbeitet dort seit 33 Jahren. Er sagt: „Im Grunde weiß man nie, wann der große Andrang kommt.“ Doch wenn der Andrang da ist, sei zumindest eines sicher: Nicht jeder, der auf den Arzt wartet, ist auch tatsächlich ein medizinischer Notfall. Das führe dazu, dass die Notaufnahme vor allem am Wochenende oft überfüllt ist.
Das Manchester-Triage-Sytem
Bei der Ersteinschätzung von Verletzungen kommt in Notaufnahmen das Manchester-Triage-System zum Einsatz – es wurde 1995 als erstes in Manchester eingeführt. Es stuft Patienten in fünf Dringlichkeitskategorien von „sofort“ bis „nicht dringend“ in den Farben von Rot bis Blau ein. Je nachdem, welche Dringlichkeitskategorie der Verletzung zugeordnet wird, variiert die Wartezeit von null bis zehn Minuten in dringenden und bis zu 120 Minuten in nicht dringenden Fällen. (ebu)
Doch wann ist ein Notfall ein Notfall? Kohl berichtet von Fällen, die in der Notaufnahme eigentlich nichts verloren haben: „Manche Leute kommen mit kleinen Beschwerden, die sie bereits seit mehreren Wochen plagen. Die könnten sicher auch noch bis zum Montag warten und dann zum Hausarzt gehen.“ Vor allem manche junge Menschen würden die Notaufnahme mehr als eine Art Service betrachten und nicht als Anlaufstelle für akute, bedrohliche Verletzungen. „Wenn ein junger Mensch nachts betrunken auf dem Heimweg von der Party in die Notaufnahme kommt, weil er sich am Tag zuvor leicht in den Finger geschnitten hat, dann ist das kein Notfall“, sagt Kohl. „Wenn aber jemand kollabiert oder stark blutet, schon.“ Man solle mit gesundem Menschenverstand abwägen, ob ein Besuch in der Notaufnahme wirklich notwendig ist. Denn, und das ist dem erfahrenen Krankenhausmitarbeiter wichtig: „Hier wird jeder behandelt – ob echter Notfall oder nicht.“ Abgelehnt werde niemand.
Beleidigungen und Angriffe auf der Tagesordnung
Das sorgt wiederum dafür, dass es vor allem am Wochenende zu teils langen Wartezeiten kommt. Kohl sagt, das führe auch zu Unmut bei den Hilfesuchenden. Beleidigungen und körperliche Angriffe seien hier an der Tagesordnung. Dabei sei die Vorgehensweise in der Notaufnahme klar geregelt: Wer dorthin kommt, stellt sich und seine Beschwerden an der Anmeldung vor. Dort wird entschieden, ob der Patient zum kassenärztlichen Notdienst weitergeschickt oder als Notfall behandelt wird.
Wer in der Notaufnahme aufgenommen wird, wird dann nach dem sogenannten Manchester-Triage-System eingestuft (siehe Infokasten). Das entscheidet darüber, wie dringlich ein Patient behandelt werden muss. Wer etwa als „nicht dringend“ eingestuft wird, muss mit einer Wartezeit von rund zwei Stunden rechnen. Fälle, die mit „sofort“ oder „sehr dringend“ gekennzeichnet worden sind und dementsprechend sofort oder innerhalb von zehn Minuten behandelt werden müssen, werden weniger dringenden Fällen vorgezogen. „Da stoßen wir dann oft auf Unverständnis“, weiß Kohl. „Und das, obwohl in der Notaufnahme Schilder hängen, die das System erklären.“
Komplette Diagnostik in Waldbröl
Wie und von wem ein Patient behandelt wird, entscheidet sich im sogenannten Stützpunkt, einem separaten Raum. Hier haben Internisten und Chirurgen Zugriff auf die Daten eines jeden Patienten und beschließen, wie er oder sie zu behandeln ist. In der Notaufnahme in Waldbröl werde die komplette Diagnostik durchgeführt, sagt Kohl. „Wenn jemand etwa eine Computertomographie benötigt, sind wir dafür ausgestattet.“ Doch das werde von einigen Menschen auch ausgenutzt. Denn oft dauert es den Patienten zu lange, einen Termin beim Facharzt zu bekommen. „Deswegen kommen die Leute dann halt in die Notaufnahme, um direkt behandelt zu werden.“ Das halte den Betrieb auf und sei nicht Sinn und Zweck einer Notaufnahme.
Die Einführung sogenannter Portalpraxen, die durch die Kassenärztliche Vereinigung und das Krankenhaus gemeinsam betrieben werden und die Patienten dann gezielt an die entsprechende Stelle weiterleiten, begrüßt der Pflegerische Leiter. „Das würde die Abläufe hier regulieren und die Arbeit in der Notaufnahme entlasten.“ Am Wochenende gehe der Andrang meist am Vormittag los. Aber auch sonst, sagte er, „man weiß nie, was als nächstes passiert“.
