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Interview zum Jubiläum Familie Kessmann pflegt Brauchtum der Siebenbürger Sachsen

Die bunten Trachten gehören dazu. Auch die jungen Leute tragen sie gern (v.l.): Jana, Julian, Mara, Horst und Birgit Kessmann beim großen Siebenbürger-Treffen in Dinkelsbühl.

Die bunten Trachten gehören dazu. Auch die jungen Leute tragen sie gern (v.l.): Jana, Julian, Mara, Horst und Birgit Kessmann beim großen Siebenbürger-Treffen in Dinkelsbühl.

Wiehl – Die Kreisgruppe der Siebenbürger Sachsen Wiehl/Bielstein feiert am Wochenende ihr 30-jähriges Bestehen. Reiner Thies sprach mit dem Vorsitzenden Horst Kessmann und seiner Familie darüber, wie es ist, nicht nur eine Heimat zu haben.

Sie leben seit mehr als 25 Jahren in Oberberg. Was verbindet Sie noch mit Siebenbürgen?

Horst Kessmann: Ich habe sehr lebhafte Erinnerungen an Siebenbürgen, an das freie Leben meiner Kindheit und Jugend. Wir mussten in der Landwirtschaft helfen, aber wir konnten viel Zeit in der Natur verbringen. Es gab nicht den Termindruck, den wir heute unseren Kindern aufbürden.

Birgit Kessmann: Wir sind einfach auf die Straße gegangen und haben die anderen Kinder getroffen.

Jubiläumsfeier

Die Kreisgruppe der Siebenbürger Sachsen Wiehl/Bielstein wurde 1988 gegründet und hatte zunächst 60 Mitglieder. Nach der Übernahme der Kreisgruppe Nümbrecht im Jahr darauf waren es bereits 160 Mitglieder, heute sind es etwa 250 Männer, Frauen und Kinder. Zum Vereinsleben tragen ein Frauentreff und mehrere Kulturgruppen bei, nämlich Theater- und Tanzgruppen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie der Projektchor.

Das Fest zum 30-jährigen Bestehen in der Wiehltalhalle wird am Samstag, 16. Juni, um 11 Uhr mit einem Festgottesdienst eröffnet. Nach ersten Grußworten, Tanzvorführungen und dem Mittagessen wird das Programm um 14 Uhr fortgesetzt mit weiteren Grußworten sowie Lied- und Tanzbeiträgen. Um 16.15 Uhr tritt die Jugendtheatergruppe auf, um 17 Uhr die Erwachsentanzgruppe und um 17.20 Uhr die Erwachsenentheatergruppe, bevor der Festtag um 18 Uhr endet. (tie)

Horst Kessmann: Es gab eine dörfliche Geborgenheit. Wir Kinder bekamen auch am anderen Ende des Dorfs immer etwas zu essen und zu trinken. Diese Gemeinschaft versuchen wir in der Kreisgruppe wieder hervorzubringen. Es ist einfach schön, wenn 17-Jährige und 70-Jährige zusammen Zeit verbringen und feiern.

Waren Sie von Anfang an dabei in der hiesigen Landsmannschaft?

Birgit Kessmann: Nein, das Interesse bei unseren Eltern am Brauchtum war in den 1990ern nicht so groß, sie waren eher passive Mitglieder der Kreisgruppe. Nach einem mühsamen Anfang in Deutschland habe ich dann in der Schule vor allem nicht-siebenbürgische Freunde gehabt.

Horst Kessmann: Ich hatte schon durch meine fünf Geschwister vor allem siebenbürgische Kontakte. Erst über die Kinder hat sich mein oberbergischer Bekanntenkreis vergrößert.

Fahren Sie noch häufiger nach Rumänien?

Horst Kessmann: Als junges Paar waren wir häufiger dort, waren Wandern in den Karpaten und haben weite Teile Siebenbürgens nachträglich für uns entdeckt. 2008 waren wir dann erstmals mit den Kindern dort, und haben danach noch zweimal längere Urlaube verbracht.

Wie kamen Sie dann in die Kreisgruppe

?

Horst Kessmann: Wir wurden immer wieder angesprochen, ob wir nicht bei der Tanzgruppe mitmachen wollen. Schließlich haben wir uns überreden lassen. Das Tanzen war uns aus der Jugend noch sehr vertraut, und dann hat es auch menschlich auf Anhieb gut gepasst. Wir haben daraufhin neue Leute hinzugeholt, so dass aus vier wieder zehn Paare geworden sind. 2015 wollte meine Vorgängerin Erika Hamlischer dann im Vorstand einen Generationswechsel anstoßen und hat mich gefragt, ob ich den Vorsitz übernehme. Neben mir sind dann noch eine ganze Reihe jüngere Leute in den Vorstand gegangen, so dass er auf einen Schlag 20 Jahre jünger war. Wir haben dann zusammen einiges auf die Beine gestellt. Meine Frau und ich hatten uns vorher schon im Oberbantenberger Turnverein engagiert. Wenn wir ein Amt übernehmen, dann legen wir uns auch ins Zeug.

Warum engagieren Sie sich in der Kreisgruppe?

Horst Kessmann: Ich habe in mir eine Art Pflichtgefühl entdeckt, eine Verantwortung für ein Brauchtum, das unsere Vorfahren in Siebenbürgen 800 Jahre lang aufrecht erhalten haben. Ebenso wichtig ist der Spaß an der Sache, am Kronenfest und am Katharinenball. Da wird immer viel getanzt, nicht nur Volkstanz, sondern auch Discofox und Techno.

Drabenderhöhe ist eine deutschlandweit einmalige Hochburg des siebenbürgischen Brauchtums und liegt nur ein paar Kilometer entfernt. Wozu muss es in Bielstein eine eigene Kreisgruppe geben?

Horst Kessmann: Tatsächlich gibt es keine weitere Stadt in Deutschland neben Wiehl, die zwei Kreisgruppen hat. In Oberberg kommt noch die Gummersbacher Kreisgruppe dazu. 1988, als die Bielsteiner Gruppe gegründet wurde, waren die siebenbürgischen Veranstaltungen in Drabenderhöhe oft völlig überlaufen, so dass viele keinen Platz im Saal bekamen. Die Gründung der neuen Gruppe wurde von der Drabenderhöher Vorsitzenden Enni Janesch positiv begleitet. Eine Rivalität, wie oft vermutet, gibt es nicht. Inzwischen ist der Andrang bei den Brauchtumsveranstaltungen stark zurückgegangen, der demografische Wandel trifft uns hart. Heute würden wir nicht mehr einen Katharinenball am gleichen Abend veranstalten, und uns wechselseitig die Gäste wegnehmen. Wir gehen auch selbst gern zu den Festen in Drabenderhöhe. Aber wenn man einmal eine eigene Kreisgruppe hat, dann gibt man sie nicht so schnell wieder auf. Ob wir in 20 Jahren nicht doch mal in einer großen Gruppe zusammenkommen, kann man nicht ausschließen.

Ein wesentlicher Teil der siebenbürgischen Kultur ist die Sprache. Hat sie eine Zukunft?

Horst Kessmann: Meine Frau und ich sprechen zu Hause nur Sächsisch miteinander. Die Kinder verstehen das meiste, sprechen es aber nicht. Unser Theaterstück beim Katharinenball haben wir auch schon in Hochdeutsch gespielt. Mundarttheater werden wir weiterhin machen. Das Problem ist: Die Mundart ist hinderlich, wenn man einheimische Oberberger ins Boot holen will. Die siebenbürgisch-sächsische Sprache wird nur überleben, wenn sie im Alltag gepflegt wird. Und das wird auf Dauer wohl nicht gelingen.

Was hält die nächste Generation vom Brauchtum?

Jana Kessmann: Ich helfe meiner Mutter bei der Leitung der beiden Kindertanzgruppen. Ich scheue mich nicht, Tracht zu tragen. Es ist schön zu zeigen, dass man einen anderen Hintergrund hat als die meisten. Meine kleine Schwester war von Anfang gern dabei, und auch mein älterer Bruder kann sich inzwischen damit anfreunden.