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Zweiter WeltkriegLebensgefahr auch nach Kriegsende

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Oberberg – „Wir freuten uns mit den armen Menschen, die sich nach jahrelangem Hungern wieder sattessen konnten.“ So verständnisvoll wie der Ründerother Apotheker Karl Gissinger äußerten sich nur wenige Oberberger angesichts der Plünderungen, die sich nach Ende der Kampfhandlungen abspielten.

Mit dem Einmarsch der Amerikaner hatten diese auch alle ausländischen Zwangsarbeiter aus den Industriebetrieben befreit. Gissinger sah ausgemergelte Zwangsarbeiter, die ein Lebensmittellager leerräumten.

Gustav Fehling aus Gummersbach schreibt am 22. April an seinen Sohn: „Kaum hatte der Amerikaner die Stadt besetzt, schon trat der Mob in Tätigkeit und plünderte fast sämtliche Geschäfte und große Lager, die zum Teil in Fabrikgebäuden untergebracht waren. Leider waren es nicht nur Ausländer, die plünderten, sondern auch viele deutsche Volksgenossen.“

In Wiehl etwa räumten nicht nur die am selben Tag freigelassenen Polen der Achsenfabrik, sondern auch Einheimische ein Sammellager in der Postbaracke des Wiehler Bahnhofs aus. „Dort waren Feldpostpäckchen und Pakete gelagert, die nicht mehr zugestellt werden konnte“, erinnert sich Johannes Osberghaus in Dieter Langes Buch „Kriegsende in Oberberg“.

Die über Jahre geknechteten Zwangsarbeiter feierten ihre Befreiung nicht nur ausgelassen, „sondern plünderten mit offensichtlichem Einverständnis der Besatzungssoldaten die Geschäfte, Lebensmittel- und Warenlager, die es in jeder größeren Ortschaft gab“, heißt es in Band 3 der „Oberbergischen Geschichte“. Neben den Vorräten örtlicher Fabriken wurde auch in den zahlreichen Depots gestohlen, die aus Köln, Wuppertal oder Bonn ins Oberbergische ausgelagert worden waren.

Einwohner organisieren ihren Schutz selbst

Die amerikanischen Besatzer reagierten zunächst mit Verständnis auf die Plünderungen, setzten der illegalen Selbstbedienung, an der sich immer mehr Einheimische beteiligten, aber bald ein Ende. Sie erließen eine strenge Ausgangssperre: Nur zwischen 8 und 10 Uhr und von 15 bis 17 Uhr durften man die Straßen betreten. Auch die GIs konnten der Versuchung nicht immer widerstehen. Bei Hausdurchsuchungen ließen sie Fotoapparate und Uhren mitgehen. Insgesamt aber wird ihnen von den Zeitzeugen ein korrektes Verhalten bescheinigt.

Immer öfter werden nach Ende der Kämpfe um Oberberg Zwischenfälle mit tödlichem Ausgang gemeldet: In der Nacht zum 25. April wird nahe Gimborn ein amerikanischer Wachsoldat angeschossen und tödlich verletzt. US-Soldaten nehmen drei Russen fest, die ein Spinnstofflager in der Hülsenbuscher Schule geplündert hatten und bringen sie ins nahe gelegene Amtshaus.

Noch in der Nacht werden sie von sechs bewaffneten Landsleuten befreit. Den Bauern wird das Vieh auf den Weiden geschlachtet, Bewohner in ihren Häusern überfallen oder am helllichten Tag auf der Straße überfallen. Frauen werden vergewaltigt.

Gut 7200 Zwangsarbeiter gab es im Oberbergischen, als die Kämpfe am 14. April 1945 endeten. Nur die wenigsten von ihnen konnten – wie die Franzosen – sofort die Heimreise antreten. In den letzten Kriegstagen waren allein 500 von den Kölner Ford-Werken auf das Gelände der Textilfabrik nach Gummersbach-Dümmlinghausen gebracht worden.

Ende April ordnete die Militärregierung an, dass alle verbliebenden Ausländer in zwei Großlagern bei der Achsenfabrik in Wiehl und bei Schmidt&Clemens in Berghausen zusammengefasst werden sollten. Mitte Mai wurde die Order Stalins bekannt, wonach alle in Russland Geborenen in ein einziges Lager gebracht werden sollten. Wer noch nicht im Lager in Berghausen war, kam nun dorthin.

Im Mai/Juni wurde im Leppetal bei Würden ein Zentrallager für 8000 sowjetische Bürger eingerichtet, die aus Köln, Düsseldorf und Wuppertal hergebracht wurden. Vor allem von hier aus starteten immer wieder Bewaffnete zu Überfällen auf Bauernhöfe in der Nähe.

Dabei wurde nicht nur Vieh geraubt, sondern auch einzelne Überfallene erschossen. Allein in der Gemeinde Gimborn wurden bis August 146 Raubüberfälle registriert, in Wipperfürth sogar 210; insgesamt wurden dabei neun Einheimische getötet. Viele Polen und Russen, denen während der Nazi-Herrschaft übel mitgespielt worden war, nahmen nun grausame Rache. Niemand ist mehr sicher: Am 30. April dringen vier Ausländer – vermutlich Russen – in den Keller des Hauses von Karl Schulte in Wasserfuhr ein. Er wird wach, geht nachsehen – später findet sein Sohn ihn mit schweren Kopfverletzungen im Keller; er stirbt Wochen später im Krankenhaus.

Die Oberberger sind den Übergriffen ausgesetzt, hilflos und unbewaffnet, denn ihre Waffen hatten die Amerikaner aus Angst vor Anschlägen einkassiert. Bitten um stärkeren Schutz verhallten ungehört.

Die Einheimischen griffen schließlich zur Selbsthilfe: Bauern in einsamen Landstrichen und Bewohner kleiner Orte organisierten Schutzpatrouillen, die nachts Streife gingen. Tauchten Russen auf, wurde mit Brandhörnen und Trillerpfeifen Alarm geschlagen.

Manche Zwangsarbeiter schützten Deutsche

Kreisarchivar Gerhard Pomykaj warnt aber vor einer undifferenzierten Betrachtung der Zwangsarbeiter. Straftaten seien vor allem von denen begangen worden, die kurz nach Kriegsende nach Oberberg verlegt wurden: „Die waren in den Fabriken im Ruhrgebiet dermaßen schikaniert worden, denen waren die Menschen in Oberberg völlig egal.“ Zwischen den Zwangsarbeitern in Oberberg und ihren „Arbeitgebern“ habe oft ein besseres Verhältnis geherrscht.

Wipperfürths damaliger Bürgermeister Jakob Krudewig berichtet sogar von Zwangsarbeitern, die sich – auch unter Einsatz des eigenen Lebens – schützend vor deutsche Familien stellten, von denen sie während des Krieges gut behandelt worden waren.

Die Lage entspannte sich, als die ehemaligen Zwangsarbeiter ab Mitte Juli erst nach Siegen verlegt wurden und dann in ihre Heimat zurückkehren konnten.