Plötzlich UropaWie ein Sinziger durch die Flut eine neue Familie fand

Herbert Wagner hat durch die Flut seine Besitztümer verloren – aber auch eine neue Familie gewonnen.
Copyright: Meike Böschemeyer
Sinzig – Wasser. Überall Wasser. Herbert Wagner kämpft um sein Leben, er schwimmt in einem riesigen Meer ins Unendliche – und wacht dann auf. Immer wieder hat er diesen Traum, seit ihm in einer Nacht das Wasser seine bisherige Existenz geraubt hat. Es war die Nacht zum 15. Juli, als in Sinzig die sonst so liebliche Ahr zum alles verschlingenden Ungetüm wurde.
Herbert Wagner ist 84 Jahre alt, 40 Jahre hat er in der 18.000-Einwohner-Stadt in einer Hochparterrewohnung in der Hohenstaufenstraße gelebt, hat sie immer behalten, auch wenn er oft monate- oder jahrelang im Ausland zu tun hatte. „Man muss eine Basis haben“, sagt er. „Ich habe immer locker dahingelebt, habe mich da wohl gefühlt. Das hat schlagartig aufgehört in jener Nacht zwischen 2 und 3 Uhr.“
Rentner sah die Ahr vom Balkon aus als Sturzflut heranschießen
Der Rentner saß zu dieser späten Stunde noch am Wohnzimmertisch, als er plötzlich ein Donnern und Dröhnen hörte. „Ich wollte es nicht wahrhaben“, erzählt er, wie es auch andere von der Flut Betroffene berichten, die nicht glauben wollten, dass dieses Flüsslein solch eine Gewalt entwickeln kann. Der Pegel Altenahr zeigt normalerweise 50 bis 60 Zentimeter an, am 15. Juli wurden 7 Meter gemessen - Höchststand. Wagner leuchtete vom Balkon aus mit der Taschenlampe nach draußen und sah die Ahr wie eine Sturzflut heranschießen.
Er richtete den Lichtstrahl ein zweites Mal in die Dunkelheit – kein Irrtum, das Wasser raste an der Haustür vorbei, „vier Meter hoch“, schätzt er. Die auf der Rückseite des Sechsparteienhauses liegenden Garagen, über denen sich die Balkone mit Blick aufs 30, 40 Meter entfernte Flusstal befinden, waren vollgelaufen, die Tore eingedrückt wie Pappkartons.
Seine zwei Autos, ein Polo und ein abgemeldeter Audi, nur noch Schrott. Inzwischen hatte das Hochwasser seine Wohnung erreicht, es stand hier 70 Zentimeter hoch. „Du musst raus“, befahl er sich und flüchtete zu einem Freund, der im Dachgeschoss wohnt. Dort verbrachte er den Rest der Nacht.
Immer wieder kommen die Erinnerungen an die Flunacht zurück
Herbert Wagner wurde 1937 im Saarland geboren, wollte Fernmeldetechniker werden, wurde dann aber Konditor. In diesem Beruf hielt es ihn jedoch nicht lange, er arbeitete als Fahrlehrer, danach im Hotelfach und brachte sich schließlich als Autodidakt das Tennisspielen bei, so gut, dass er Tennislehrer wurde und dank des weißen Sports viel herumkam.
Seine vor 20 Jahren gestorbene Frau hat ihn immer begleitet. Man sieht ihm das Reisen noch an, er ist braun gebrannt, trägt Goldkettchen um den Hals, hat Schnauzbart, und die weißen Haare sind länger, als man es von einem, der bald 85 Jahre alt wird, gewohnt ist. Er hat sich immer fit gehalten, „nie geraucht, vielleicht mal ein Bier, und viel Rennrad gefahren“. Vorbei, das Alter fordert seinen Tribut, er braucht mittlerweile einen Stock als Gehhilfe.
Wagner unterrichtete Tennis im Saarland, im nahen Frankreich, dann in Sinzig, Remagen, Wachtberg, und wenn es sich anbot, übernahm er bei den Vereinen auch die Gastronomie in den Clubhäusern. Etwa beim 1900 gegründeten Tennis-Klub Grün-Weiß Bad Godesberg, dessen Anlage im Stadtpark liegt. In der Nachbarschaft steht das Kleine Theater, „nach den Vorstellungen kamen die Schauspieler gern zum Feiern zu uns“.
In den 70erjahren ging es nach Spanien. „Ach, Ampuriabrava“, schwärmt er und hebt die Hand, als wolle er diese Erinnerung an schöne Zeiten festhalten. Die Ferienkolonie mit einem Netz von Kanälen und Bootsstegen vor den Häusern wurde 1967 im Golf von Roses angelegt. Die deutschen Gäste spielten gerne Tennis, und Herbert Wagner wurde ihr Lehrer.
Während er von Spanien erzählt, schieben sich langsam wieder die Bilder von der Katastrophe vors innere Auge: „An der Tür schwappte mir das Wasser der Ahr entgegen“, sagt er, und die sonst so feste Stimme scheint ihm zu brechen.
In einer Notunterkunft in der Rheinhalle musste 84-Jährigen unterkommen
Nach der Nacht bei dem Mitbewohner im Dachgeschoss schaut sich Herbert Wagner seine Wohnung an, das Wasser ist fast fort, aber überall Schlamm, die Kleidung in den Schränken, sein Ledermantel, der Smoking, die Pelze seiner Frau – unbrauchbar. „Und dieser Gestank ...“ Er schließt die Tür und lässt sich zur Rheinhalle nach Remagen bringen, in der eine Notunterkunft für Obdachlose eingerichtet wurde. Der alte Mann bekommt dort ein Feldbett.
Wer in heute die Hohenstaufenstraße fährt, findet in Wagners Briefkasten Post, die niemand mehr abholt. An der Hauswand Schlammspritzer, die meisten Fenster sind offen. Ein Dauerbrummen von Bohr- und Schleifmaschinen ist zu hören, in vielen Häusern wird gearbeitet, eine gebrechliche alte Frau kratzt in einem Flur die Spuren der Katastrophennacht mit einem Spachtel ab, ihr Sohn kippt Brackwasser in eine Mülltonne.
„Danke an alle Helfer“ hat jemand in blauen Großbuchstaben auf eine Garage gepinselt. Vor einem Einfamilienhaus türmen sich Baumstümpfe und Äste, vor einem anderen steht ein Tisch mit Mineralwasserflaschen. „Für alle“, fordert eine Notiz auf einem Papierzettel auf, sich zu bedienen.
Familie aus Remagen bietet Obdach in ihrem Wohnwagen an
In der Nacht, als Herbert Wagner seine alte Wohnung verlor, wurde die Familie Lopez in Remagen-Kripp von Feuerwehrsirenen geweckt, durch offene Fenster ihres Hauses in einer gepflegten Neubaugegend zog der Geruch von Dieselöl; er kam von der Ahr, die 500 Meter Luftlinie entfernt ist. „Es stank bestialisch“, erinnert sich Alexandra Lopez. Sie und ihre Liebsten hatten in jenen Stunden Glück, in Kripp mäandert die Ahr in einer breiten Mündung in den Rhein, deswegen wurde der Ort vom Hochwasser verschont.
Am nächsten Morgen erfuhren sie von der Katastrophe in der Nachbarschaft: „Die armen Menschen, die alles verloren haben“. Im Familienrat wird beschlossen: „Wir müssen helfen“. Alexandra Lopez ruft bei der Stadtverwaltung Remagen an und bietet für eine obdachlose Familie eine Übernachtungsmöglichkeit: Sie könnte im Wohnwagen neben dem Eigenheim unterkommen und im Haus Dusche und Toilette nutzen, Verpflegung wäre auch gesichert, so das Angebot. Die Antwort der Stadt: „Mit einer Familie können wir nicht dienen, wohl aber mit einem 84-Jährigen, der sich selbst das Butterbrot schmieren kann“.
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Nach viel Verlust eine neue Familie gewonnen
Die fünf Lopez – neben der Mutter, die als Integrationskraft an einer Schule arbeitet, Vater Tomas, Vertriebsleiter bei einem Zement- und Baustoffhersteller, die Töchter Emma (17), Amelie (13) und Leticia (11) – holten den Rentner in der Rheinhalle ab, man beschnupperte sich und fand sich sympathisch. „Wo soll er denn hin als Alleinstehender? Er müsste doch in ein Pflegeheim!“ Eine Alternative, die für Familie Lopez nicht infrage kommt. So wurde Herbert Wagner plötzlich Uropa. Emma räumte für ihn ihr Zimmer im Erdgeschoss, das Haus wird jetzt umgebaut und um einen Raum erweitert, in dem dann Emma ihr Reich haben wird.
Der neue Mitbewohner hat es sich auf der Terrasse gemütlich gemacht, blickt auf den kleinen Pool, auf dem ein Plastiktierchen dümpelt, Hund Pepe, ein einjähriger Appenzeller, tollt herum und will bespaßt werden. Herbert Wagner blinzelt zufrieden in die Sonne. Natürlich sind die Bilder der Nacht nicht verschwunden, auch nicht, dass Plünderer aus seiner Wohnung den Ehering, der auf dem Wohnzimmertisch lag, und einen Pelzmantel seiner Frau geklaut haben. Dafür sei er sehr beschenkt worden, sagt er dankbar. Mit einer neuen Familie.



