Bergisch Gladbacher Aufbauhilfe für ButschaIm Linienbus trotz Krieg zurück ins Leben finden

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Menschen stehen im Halbkreis vor einer Reihe von Bussen. Ein Kameramann hält das Geschehen fest.

Startklar: Am Morgen nach Ankunft des Hilfskonvois nimmt Butschas Bürgermeister Anatolii Fedoruk (5.v.r.) die neuen Buslinien mit den Gästen in Betrieb.

Hilfskonvoi in Bergisch Gladbachs Partnerstadt Butscha: In loser Folge zeigen wir, wie die Hilfe in der Ukraine angekommen ist. Teil 3.

Die deutsche Anzeigetafel, auf der im vorigen Herbst „Busse für Butscha“ zu lesen war, ist überklebt. Auf Ukrainisch steht jetzt dort an der Front der Linienbusse, wohin der jeweilige Bus fährt und eine Nummer. Gleich vier neue Buslinien hat die Stadt Butscha einrichten können, nachdem sie im vergangenen Jahr elf Linienbusse aus ihrer Partnerstadt Bergisch Gladbach und zwei weitere aus Dresden gespendet bekommen hatte.

Vier Busse stehen unter Fahnen auf einem Platz.

Vier Buslinien hat die Stadt Butscha mit den Fahrzeugen aus Deutschland eingerichtet.

Selbst eine eigene städtische Bustransportgesellschaft hat die Stadt dafür gegründet, die Fahrer mit eigenen Käppis und Westen ausgestattet. „Für uns ist das ein weiterer Schritt bei der Rückkehr zu mehr Normalität“, sagt Anatolii Fedoruk. „Mit den Buslinien fängt eine neue Zeit für uns an.“ Der Bürgermeister von Butscha hat das Busprojekt vergangenes Jahr mit angeschoben, nachdem die russischen Besatzer etliche Busse zerstört oder beim Abzug mitgenommen hatten.

Eigentlich sollte mit Bussen aus Bergisch Gladbach die Linie nach Kiew wiedereröffnet werden

Eigentlich hatten Fedoruk und seine Mitstreiter mit den Bussen aus der Partnerstadt die Buslinie ins 25 Kilometer südöstlich liegende Kiew wiederbeleben wollen. „Aber auf Kiewer Stadtgebiet hapert es noch an der Lizenzierung“, erläutert er.

Da die Busse aber nicht ungenutzt bleiben sollten, plante man im Rathaus von Butscha mehrere Buslinien in die umliegenden ebenfalls noch zur Stadt Butscha gehörenden Orte. Am Tag nach der Ankunft des sechsten Bergisch Gladbacher Hilfskonvois wurden die Linien zusammen mit den Konvoifahrern, die erstmals bis in die 2000 Kilometer entfernte Partnerstadt durchgefahren waren, offiziell in Betrieb genommen. Mit eigenem Fahrer.

Ein Mann sitzt mit Käppi und Weste am Steuer eines Linienbusses in Butscha.

Hilfskonvoifahrer Arne Meinhardt, der seit Studienzeiten auch einen Busführerschein besitzt, steuert den Linienbus durch Butscha.

Arne Meinhardt, der im Oktober auch einen der Linienbusse bis zur Übergabe an die Fahrer aus Butscha in Görlitz gesteuert hatte, durfte zur Jungfernfahrt der Linie 101 an Steuer. Dafür statteten ihn die Fahrer der neuen Linie sogar mit Käppi und Weste der neuen Busgesellschaft aus. Dass ein Videoteam der örtlichen Medien die Tour begleitete, verstand sich fast schon von selbst.

Für uns ist das ein weiterer Schritt bei der Rückkehr zu mehr Normalität.
Anatolii Fedrouk, Bürgermeister von Butscha

Direkt am kurz zuvor eingeweihten Bergisch Gladbacher Platz in Butscha ist der Busbahnhof der neuen Linien.

„Wir haben zwei Busse für jede Linie“, erläutert Butschas Bürgermeister Fedoruk, nachdem er mit seinem Bergisch Gladbacher Amtskollegen Frank Stein im Bus Platz genommen hat und Arne Meinhardt die Türen schließt.

Eine Gruppe von Männern steht beziehungsweise hockt auf einem Platz. Hinter ihnen stehen Busse unterschiedlicher Linien.

Das Team des sechsten Bergisch Gladbacher Hilfskonvois nach Butscha mit Butschas Bürgermeister Anatolii Fedoruk (7.v.l., stehend), weiteren Vertretern der Stadt Butscha und den Busfahrern der neuen Buslinien (hockend).

Dann geht’s quer durch die Stadt, in der zahlreiche Dächer auffällig neu sind. „Die waren bei unserem ersten Besuch im August teilweise noch zerstört“, erinnert sich Bergisch Gladbachs Feuerwehrchef Jörg Köhler an seinen ersten Besuch in Butscha. Mit Bürgermeister Frank Stein war er im August mit der Bahn hierhergereist.

Die Russen haben vor allem auf die Dächer gezielt, weil die am leichtesten zu zerstören sind und der Schaden am größten ist, wenn es dann von oben ins Haus reinregnet.
Jörg Köhler, Leiter der Bergisch Gladbacher Feuerwehr

Warum gerade die Dächer zerstört waren? „Die Russen haben vor allem auf die Dächer gezielt, weil die am leichtesten zu zerstören sind und der Schaden am größten ist, wenn es dann von oben ins Haus reinregnet“, weiß Köhler.

Aus diesem Grund waren bereits im vergangenen Herbst drei Dächer von Schulen und Kitas mit Hilfe einer Spende aus dem Sponsorenlauf der Grundschulen in Kippekausen und In der Auen repariert worden. Weitere Schnellabdichtungen für Dächer waren mit Bergisch Gladbacher Hilfskonvois auf die Reise nach Butscha gegangen.

Wiederaufbau als Teil der psychischen Verarbeitung des Krieges

Von den Zerstörungen während der russischen Besatzung ist im Stadtkern von Butscha kaum noch etwas zu sehen, fast überall wurden Schäden ausgebessert, Gebäude gestrichen und schöner herausgeputzt als sie vorher waren. „Das ist auch ein Teil der Verarbeitung“, sagt Hajo Kunz, der in der Bergisch Gladbacher Feuerwehr in der psychosozialen Unterstützung (PSU) von Feuerwehrleuten nach belastenden Einsätzen engagiert ist.

Sein Hilfskonvoikollege Arne Meinhardt steuert derweil den Linienbus wieder Richtung Zentrale am „Bergisch Gladbacher Platz“. Über den rollt gerade ein Lkw mit Tieflader, der einen Panzer in die Ukraine gebracht hat. Auch das ist Alltag in Butscha.


Havarierten Bus wieder flott gemacht

Zwei Männer schauen in den Motorraum eines Busses.

Schauen in den Motorraum des Busses, der bei der Überführung mehrfach liegen blieb: (v.l.) Anantolii Fedoruk und Jörg Köhler.

In den Motorraum des Busses, den er bei der Überführung mit in Richtung Butscha gesteuert hatte, wollte Gladbachs Feuerwehrchef beim Besuch in der Partnerstadt aber doch unbedingt nochmal schauen. Schließlich war ausgerechnet der leistungsstarke Überlandbus bei der Überführung im Oktober ein Wackelkandidat gewesen. Während die übrigen, zuvor im Stadtverkehr eingesetzten Busse zwar langsam, aber doch zuverlässig in Richtung Butscha schnurrten, blieb das Langstreckenfahrzeug noch in Deutschland zum ersten Mal liegen: Die Keilriemen waren gerissen. Mit einem Truck-Service und eigenem Feuerwehr-Know-how wurde er zwar wieder flott gemacht, blieb aber auf den 2000 Kilometern noch ein paarmal liegen. „Jetzt sind die Keilriemen anders montiert – und der Bus läuft“, erklärte Butschas Bürgermeister Anatolii Fedoruk beim Blick in den Motorraum. (wg)


Nächste Folge: „Ich habe keine Minute gezögert mitzufahren“ – ein Blick hinter die Kulissen des sechsten und bislang aufwendigsten Bergisch Gladbacher Hilfskonvois nach Butscha.

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