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Amputation drohtBergisch Gladbacher Präsident hat den Karneval geprägt und das Knie zertrümmert

Lesezeit 7 Minuten
Der Präsident der Großen Gladbacher KG, Alexander Pfister, sitzt an einem Tisch mit seiner neuen Präsidentenkappe zum elfjährigen Amtsjubiläum. Auf dem Tisch: weitere Kappen teils aus den 20er Jahren (l.) und von seinem Vor-Vorgänger Franz Heinrich Krey

Alexander Pfister mit seiner neuen Präsidentenkappe und historischen der Großen Gladbacher KG.

Seit elf Jahren ist Alexander Pfister Präsident der Großen Gladbacher KG: Er prägte eine neue Ära, hat viele Erfolge und doch eine große Sorge.

Samstagabend bei der Löwen-Party. Eigentlich könnte Alexander Pfister wunschlos glücklich sein: Die Bude ist voll, die Stimmung phänomenal und die Karnevalsgesellschaft der Großen Gladbacher, die er nun seit jecken elf Jahren als Präsident prägt, hat sich in dieser Zeit weiterentwickelt und ist gewachsen, dass es eine wahre Freude sein dürfte.

Im Raum steht nun eine mögliche Amputation des Unterschenkels

Wären da nicht die Krücken neben dem Präsidenten, die ihn stets an jenen frühen Morgen des 27. Novembers 2022 erinnern, an dem er einen Streit schlichten wollte, angerempelt wurde und so schwer stürzte, dass sein Knie zertrümmert wurde.

Nach der Session steht ein neuer Arzttermin an, selbst eine Amputation des Unterschenkels steht im Raum. Aber darüber möchte der 46-Jährige eigentlich gar nicht reden. Zurzeit fesselt ihn einfach die Session. Aber: „Hätte ich nicht meine Familie, ich wäre nicht mehr hier“, sagt er ruhig. „Und ich bin dem lieben Gott dankbar, dass ich es so weit geschafft habe.“

Mein großer Traum wäre, ein standesgemäßes Quartier für die Große Gladbacher zu finden – da bin ich dran . . .
Alexander Pfister, seit 2013 Präsident der Großen Gladbacher

Der Karneval ist seit jeher sein Leben. Drei seiner Tanten hatten Gaststätten, eine den „Kradepohl“. Mit zwei Jahren ging der kleine Alexander das erste Mal im Zug mit bei den „Kradepohls Mädche un Junge“.

Mit 17 Jahren trat er gemeinsam mit Jörg Volberg in die Große Gladbacher und deren Prinzengarde ein. Acht Jahre lang war Pfister Schatzmeister der Prinzengarde, wurde 2010 dann Prinz im Dreigestirn, das die Prinzengarde anlässlich ihres 44-jährigen Bestehens stellte.

Als Wolfgang Bosbach einen Nachfolger suchte, kam seine Stunde

Als Wolfgang Bosbach einen Nachfolger als Präsident der Großen Gladbacher suchte, sollte eigentlich jemand anderes übernehmen. Doch der erkrankte kurzfristig. Die Proklamation übernahm Bosbach noch einmal selbst, für die Sitzungsleitung der Herrensitzung aber wurde Alexander Pfister gefragt, der als Prinz gezeigt hatte, dass er reden konnte. Und er überzeugte. Noch im selben Jahr wurde er zum neuen Präsidenten der Großen Gladbacher gewählt.

Der gebürtige Gladbacher und überzeugte Gronauer kennt den Karneval durch und durch und möchte ihn doch auch in die Zukunft führen. Dazu hat er nicht nur die Kostümsitzung wieder ins Leben gerufen und zusammen mit Axel Müller eine eigene Kinder-Party aus der Taufe gehoben. Zur Zukunft zählt für ihn stets auch, weitere junge Menschen für die KG zu gewinnen. Und Pfister kennt viele Menschen in Gladbach, und vermutlich noch mehr kennen ihn. Die KG wächst.

Der neue Präsident will neue Menschen gewinnen und zusammenbringen

Doch Pfister will nicht nur Masse, sondern vor allem die Menschen auch zusammenbringen. „Deshalb habe ich offene Stammtische ins Leben gerufen, auf denen man sich einfach kennenlernen und in Kontakt bleiben kann“, sagt der 46-Jährige. Das helfe auch den Kontakt und Zusammenhalt der verschiedenen Säulen der Großen Gladbacher, die Aktiven, den Senat, die Prinzengarde und die Strunde-Pänz, zu denen ja auch nochmal an die doppelte Zahl von Eltern gehöre, zu stärken. Die Große Gladbacher startete zudem mit einem Team bei „Rund um Köln“, nimmt mit einer Gruppe am Stadtlauf teil.

Zu runden Geburtstagen gibt's zudem für Mitglieder ein Geschenk. „96 Prozent schaffe ich selbst zu besuchen“, sagt der Präsident. Zum Zusammenhalt gehören auch einheitliche Kleidungsstücke und Gebrauchsgegenstände mit dem Emblem der Großen Gladbacher. Mehr als 25 davon hat Pfister in seiner Amtszeit kreiert: von der Gürtelschnalle mit Große-Gladbacher-Emblem bis zum Poloshirt.

Wohltätigkeitsveranstaltungen oder so, würde ich sofort machen, aber ich weiß, wo ich herkomme. Hier in Gladbach schlägt mein Herz.
Alexander Pfister auf die Frage, ob er schon einmal an ein Engagement in Köln gedacht hat.

Zu sehen sind die Großen Gladbacher bei vielen Veranstaltungen, der Kontakt zu anderen Gesellschaften ist Pfister ein Herzensanliegen. Und wenn irgendwo Not am Mann ist oder eine Benefizaktion ansteht, springt er auch gerne als Moderator ein. Die Resonanz ist – wie jüngst bei seinem Debüt als Sitzungspräsident bei der DRK-Sitzung in Rösrath – stets enorm.

Ob er denn nicht auch mal an ein Engagement in Köln gedacht hat? Pfister schüttelt den Kopf: „Ich bin Gläbbisch und stolzer Gronauer, das ist mir wichtig. Wohltätigkeitsveranstaltungen oder so, würde ich sofort machen, aber ich weiß, wo ich herkomme. Hier in Gladbach schlägt mein Herz.“ Er dementiert aber nicht, dass es schon Offerten von jenseits der Kölner Stadtgrenze gab.

Eine Damensitzung hat auch er noch nicht bei der „Großen“ realisiert

Was ihm hier bislang noch nicht gelungen ist? Vielen fiele darauf wohl wenig ein. Pfister selbst weiß jedoch: „Eine Damensitzung der Großen Gladbacher.“ Aber bislang sehe er einfach nicht, wie sich das – insbesondere angesichts der jüngsten enormen Preissteigerungen – umsetzen ließe. „Und wir haben auch schon 13 Veranstaltungen jede Session. Für noch eine fehlen dann auch der Großen Gladbacher die Mittel und die Menschen, die das stemmen könnten.“

Dabei lässt Pfister keinen Zweifel daran: „Der Karneval und die Große Gladbacher – das ist mein Herz und mein Leben und glücklicherweise auch das meiner Familie, Eltern und Schwiegereltern, sonst ginge das auch nicht so.“

Irgendwie ist das ganze Jahr über Karneval bei uns.
Alexander Pfister zur Karnevalsbegeisterung auch seiner Familie

Beide Kinder, Marie (15) und Magdalena (12), tanzen bei den Strunde-Pänz, deren Organisatorische Leiterin Mutter Melanie Pfister ist.

„Irgendwie ist das ganze Jahr über Karneval bei uns“, sagt Alexander Pfister und lächelt.

Seit drei Wochen kann er erstmals seit über einem Jahr wieder alleine duschen

Er rückt auf dem Stuhl nach vorne. Auch das Sitzen ist nicht immer leicht. Und durch die Behandlung der Sturzverletzung haben sich neue Einschränkungen ergeben. Doch Pfister bemüht sich immer das Positive zu sehen: Immerhin könne er seit drei Wochen nun allein duschen ... Spricht's und bringt das Gespräch wieder auf den Karneval zurück.

Auch wenn's bei der Proklamation aus Zeitnot im Programm nur ein kurzer Punkt war: Die Präsidentenkappe, die er überreicht bekam und die nun seine alte Prinzenkappe ersetzt (siehe „Schlaglichter aus elf Jahren im Präsidentenamt“) bedeutet ihm viel. Auch die Prinzenkappen des verstorbenen Ehrenpräsidenten und Brauchtumsvater schlechthin, Franz Heinrich Krey, hat er vermacht bekommen. „Und diese Kappe der Großen Gladbacher ist sogar noch von 1927.“

Vermutlich wird er nie wieder richtig laufen, nie mehr Skifahren können

Dass er vermutlich nie wieder richtig laufen, nie mehr Skifahren, mit den Kindern unbeschwert schwimmengehen kann, das schmerzt ihn. Dass sein Vater seit anderthalb Jahren allein das Haus ausbaut, das sie eigentlich zusammen machen wollten, ebenso.

Dabei sei die Hilfsbereitschaft der Menschen seit seinem Unglück ungebrochen, so Pfister. „Du bist nur so hilflos, wenn du für alles jemanden fragen musst.“

Karneval ist für Alexander Pfister neben der Familie großer Mutmacher

Wegen nicht enden wollender Arzt- und Reha-Termine zu resignieren, ist jedoch Alexander Pfisters Sache nicht. „Meine Tante Sophie hat immer gesagt: Das Schlimmste ist, wenn du es am Kopf hast. Aber ich bin ja glücklicherweise nicht auf den Kopf gefallen.“

Und so plant Alexander Pfister auch im elften Jahr seiner Präsidentschaft und trotz anstehender entscheidender Arzttermine weiter für den Karneval. „Mein großer Traum wäre, ein standesgemäßes Quartier für die Große Gladbacher zu finden – da bin ich dran ...“, sagt er und lächelt.

Der Karneval ist für Alexander Pfister neben seiner Familie auch ein großer Mutmacher.


Schlaglichter aus elf Jahren als Präsident

2013 springt Alexander Pfister, der 2010 Prinz im Gladbacher Dreigestirn war, für den erkrankten Präsidenten ein und leitet erstmals die Herrensitzung. Die Resonanz ist überwältigend. Noch im selben Jahr wird Pfister zum Präsidenten der Großen Gladbacher KG gewählt.

2014 Für seine erste Proklamation als Präsident lässt sich Pfister – an alte Tradition anknüpfend – einen Frack schneidern. Als Präsidentenkappe wählt er seine Prinzenkappe.

„Das hat er ganz prima gemacht“, lobt die Premiere auch Ehrenpräsident Wolfgang Bosbach. In der Folgezeit setzt Pfister als Präsident nicht allein in der Moderation Akzente. Er führt die Kostümsitzung wieder ein, gewinnt 181 neue Mitglieder für die Karnevalsgesellschaft (aktuelle Mitgliederzahl 443), integriert sie und schafft Verbindendes für die verschiedenen Gruppierungen durch unterschiedlichste Aktionen, vom Stammtisch bis zum grün-rot-weißen Lappenfrack, den auch eine neu gegründete Fußgruppe trägt.

2020: Auch in der Corona-Zeit hält der Präsident die Mitglieder mit dem Vorstand zusammen. Es gibt Feierpakete für zu Hause und an Karnevalssonntag ging die Große Gladbacher als Zoch-Ersatz auf Sendung.

2023: Ausgerechnet in der Session, als das Jubiläums-Dreigestirn der Großen Gladbacher endlich durchstarten kann, ist Präsident und Jungfrau-Ehemann Pfister nach einem Sturz infolge einer Rempelei schwer verletzt, beißt trotzdem die Zähne zusammen und macht alle Veranstaltungen mit Bravour.

Die Krücken begleiten ihn bis heute – und die Sorge, wie es gesundheitlich weitergeht. (wg)

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