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Bergisch GladbachKI des IT-Unternehmens WindSoftTech erobert den Tante-Emma-Laden

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Der Männer stehen auf der Kassierer-Seite an einer Supermarkt-Kasse und bedienen das Display. Auf dem Band liegen Obst und Gemüse

An der Kasse sorgt die Kamera für Klarheit – wie das funktioniert, erklärt WindSoftTech-Geschäftsführer Ihsani Sahbaz einem Supermarkt-Mitarbeiter.

Der IT-Spezialist aus Bergisch Gladbach-Refrath hat eine Kassensoftware für kleine Supermärkte entwickelt. Die Kunden, Händlerinnen und Händler mit Migrationshintergrund, kommen überwiegend aus dem ethnischen Lebensmitteleinzelhandel.

Wer an der Fleischtheke eines kleinen Supermarkts steht und gehacktes Fleisch bestellt, der denkt vermutlich nicht an Künstliche Intelligenz (KI). Und die Kundin in diesem Laden, wenn sie mit Koriander im Einkaufskorb an der Kasse steht, wahrscheinlich auch nicht. Der Bergisch Gladbacher Unternehmer Ihsani Sahbaz schon. Der Geschäftsführer des IT-Unternehmens WindSoftTech GmbH erklärt, warum: „Die Kamera erkennt automatisch, was auf der Waage liegt. Ist es Koriander? Oder Petersilie?“ Und auch an der Fleischtheke identifiziert die KI automatisch mithilfe einer Kamera an der Waage, ob es sich um Rindergehacktes oder um Lammfleisch handelt.

Für Sahbaz ist das mehr als Spielerei. „Die KI funktioniert auch ohne den Menschen im Lebensmitteleinzelhandel“, sagt er und sei damit auch ein Mittel gegen den Fachkräftemangel. Somit könnten hier verstärkt Menschen mit weniger Kompetenzen beschäftigt werden, erklärt er. „Es passieren keine Fehler und der Inhaber vermeidet Verlust.“ Aber das Software-System aus seinem Haus könne noch so viel mehr, sagt er. Was genau, kann er auch anhand einer über 30 Seiten starken Info-Broschüre zeigen und erklären, und das in verschiedenen Sprachen, individuell für den Kunden.

Kleine Supermärkte betreiben meist Inhaber mit Migrationshintergrund

Der IT-Experte, 1977 in der Türkei geboren und seit 2007 in Deutschland, hat das Unternehmen aus einer nüchternen Beobachtung heraus aufgebaut: Der Lebensmitteleinzelhandel jenseits der großen Ketten wird überwiegend von Inhabern mit Migrationshintergrund betrieben. Türkische Familienbetriebe, bulgarische Märkte, sri-lankische Feinkostläden, russische Spezialitätenhändler. Diese Betriebe stünden häufig vor einem strukturellen Problem, erklärt er: Während die großen Handelsketten über eigene IT-Abteilungen und maßgeschneiderte, geschlossene Systeme verfügen, sind kleinere Händler mit Migrationshintergrund bei der Digitalisierung häufig auf sich allein gestellt. „Keine Zeit, kein Investitionskapital, kein Know-how, keine Information – und eigentlich komplett außen vor bei diesem Thema“, beschreibt Sahbaz die Ausgangslage seiner Zielgruppe.

Seit 2011 entwickelt die Refrather WindSoftTech Kassensoftware für den Handel. Rund 90 Prozent ihrer Kunden sind Ladeninhaber mit Migrationshintergrund, so Sahbaz. Für sie hat er das ISS-Pos-Kassensystem, Kernprodukt des Unternehmens, entwickelt. Das modulare System ist seinen Angaben zufolge inzwischen über tausend Mal in Deutschland installiert und verarbeitet täglich rund 250.000 Kassenbons.

Das Kassensystem ist modular aufgebaut, das Basissystem ist vielfältig zu erweitern

Das System sei ein „Ökosystem wie Legosteine“, so Sahbaz: Man kann mit einem einfachen Kassensystem starten und schrittweise erweitern, je nachdem was der Betrieb braucht. An der Basis stehen Kassensoftware, Warenwirtschaft und ein Backoffice-System, die unabhängig vom Internet lokal laufen. Darüber hinaus bietet das System weitere Schnittstellen zu mehr als 20 Drittanbietern, darunter SAP, Odoo, Datev und das im deutschen Lebensmittelhandel verbreitete ERP-System Orgasoft. Damit kann ein Betrieb Unternehmensbereiche wie Beschaffung, Produktion, Materialwirtschaft, Vertrieb, Finanzen und Personalwesen integrieren.

Für den Lebensmittelhandel hat WindSoftTech zudem eigene Lösungen entwickelt. Dazu gehört die KI-gestützte Produkterkennung: Wie beim Bezahlen an der Kasse, wo eine Kamera die Obst- und Gemüsesorten automatisch erkennt, ohne dass das Personal die Artikelnummern auswendig kennen muss, wird auch der Wareneingang teilautomatisiert. Hier liest die Software Lieferantenrechnungen per KI aus und vergleicht die Einkaufspreise automatisch mit den bisherigen Werten im System. Preisänderungen werden sofort sichtbar markiert. Mit viel Zeitersparnis, so Sahbaz, bei der Bearbeitung – von durchschnittlich rund zwei Stunden auf nur noch ein bis zwei Minuten.

Extras sollen Händlerinnen und Händlern das Leben leichter machen

Weitere Extras sollen Händlerinnen und Händlern das Leben leichter machen: digital steuerbare Preisetiketten für die Produkte im Regal, integrierte Kundenkarten- und Rabattsysteme sowie eine ChatGPT-Funktion für Umsatzanalysen und Formulierungshilfen bei der Geschäftskorrespondenz. Die Verwaltung läuft per Mobilapp, Preise lassen sich via Smartphone von überall ändern, inklusive automatischer Anpassung an der Kasse und auf den digitalen Regaletiketten. Alles im Handumdrehen.

Der Techniksupport ist dreisprachig: Deutsch, Türkisch, Englisch, auf Wunsch auch Arabisch. Erreichbar ist das Team auf allen Kanälen, so Sahbaz– und das rund um die Uhr. Nach ISS Pos geht demnächst eine zweite Plattform an den Start. Shopnow24 heißt der digitale Vertriebskanal für angeschlossene Märkte. Er soll dem stationären Lebensmittelhandel ermöglichen, ohne große Investitionen auch online zu verkaufen.

Die Fachmesse EuroCIS in Düsseldorf war ein Wachstumsbeschleuniger

Auch damit will WindSoftTech nun in die Offensive gehen. Lange seien Neukunden fast ausschließlich über Empfehlungen gekommen, erzählt der Geschäftsführer. Seit sich das Unternehmen im vergangenen Jahr aber auf der Düsseldorfer EuroCIS, der europäischen Fachmesse für Technologie im Handel, präsentiert hat, habe sich das geändert. Das wachsende Interesse an dem Kassensystem aus Bergisch Gladbach wird auch beim Umsatz sichtbar. Lag der 2024 noch bei rund zwei Millionen Euro, rechnet Sahbaz für 2026 mit drei Millionen. Aktuell hat der Betrieb 15 Mitarbeitende, darunter fünf Softwareentwickler und ein Projektmanagement- und Serviceteam.

Der IT-Experte hat Informatik und Statistik studiert sowie einen Abschluss in Produktmanagement und Marketing. In seiner Doktorarbeit habe er sich mit Künstlicher Intelligenz beschäftigt, erzählt er. Dass er in Bergisch Gladbach sein neues Zuhause gefunden hat, hat persönliche Gründe. Die Frau seiner Familie lebt hier. Und die Stadt, sagt er, gefällt ihm einfach.