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SelbstständigkeitWarum die Wirtschaft mehr weibliche Impulse braucht

4 min
Eine Gruppe Frauen sitzt im Halbkreis und lächelt in Richtung Kamera.

Auf Zanders fand die Veranstaltung „Founding her Way“ statt.

Eine Veranstaltung für Existenzgründerinnen macht Frauen Mut, an sich zu glauben.

Mit einer großen Holzschublade tritt Ronny Strasser am Ende der Veranstaltung vor die rund 100 Frauen – Existenzgründerinnen und solche, die es werden wollen, und die zur Veranstaltung „Founding her Way“auf das Zanders-Areal gekommen sind. Im Publikum auch die Erste stellvertretende Bürgermeisterin Brigitta Opiela und Angela von Boetticher, Ehefrau des Rheinisch-Bergischen Landrates sowie Laura Kreutz, Gattin des Gladbacher Bürgermeisters. „Ich hoffe, dass ihr den Mut habt, Eure Ideen aus der Schublade zu holen“, sagt die Start-up Community Managerin Strasser und fasst damit das wichtigste Thema des Abends bildlich zusammen: Den meisten Frauen fehle es nicht an Können, nicht an Ideen, sondern am Mut, an sich und ihre Idee zu glauben und sie konsequent in die Tat umzusetzen.

Erstmals hatte Start-Raum GL, Ansprechpartner für Start-ups und Gründungsinteressierte, eine Initiative des Rheinisch-Bergischen Technologie-Zentrums und der Rheinisch-Bergischen Wirtschaftsförderungsgesellschaft, eine derartige Veranstaltung organisiert – und der Erfolg gab den Organisatorinnen recht. Ein von Marie Duske geleitetes Podiumsgespräch zeigt „Macherinnen“ auf Augenhöhe, die sich trotz ihrer beruflichen Erfolge nicht scheuen, auch von Rückschlägen, Zweifeln und Kraftanstrengungen zu sprechen, aber vor allem den Frauen im Plenum viel Mut machen, an sich selbst zu glauben.

Andere Selbsteinschätzung bei Frau und Mann

„Männer bewerben sich, wenn sie fünf von zehn geforderten Kriterien erfüllen“, berichtet Judith Klaßen, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Bergisch Gladbach, von ihren Erfahrungen, „Frauen nicht einmal bei neun oder sogar allen, weil sie sich selbst infrage stellen“.

Ähnliches hat auch Nicole Blum, Gründungsberaterin von Gateway, Gründungsnetz e.V., erfahren. „Manche Männer stellen mir mit stolzgeschwellter Brust den zwanzigsten neuen Müsliriegel vor. Gleichzeitig kommen Frauen mit den tollsten Ideen, denken aber, sie seien noch nicht so weit.“ Damit nicht weiterhin viele Frauen hinter ihren Fähigkeiten zurückblieben, müssten sie „einander die Türen öffnen“, appelliert sie daran, Netzwerke aufzubauen oder zu nutzen.

Berichte von Rückschlägen

„Es ist nicht immer alles glatt gelaufen“, blickt Andrea Schmitz, die mit Hoffloh eine Plattform für Hofflohmärkte gründete, bereits auf ihre zweite Initiative zurück. „Aber man lernt auf dem Weg.“ Schon mit 24 Jahren hat sich Dana Hamacher mit Success 4 Log als Logistikerin selbstständig gemacht. „Ich wollte ein paar Sachen anders machen als meine Eltern“, schildert sie ihren Antrieb. Auch wenn es ein permanentes Lernen sei, sollte man sich nicht alles schon im Vorfeld „zerdenken“, warnt sie. „Man denkt sich vieles kaputt.“

Wissenschaftlerin Evelyn Wolf, Geschäftsführerin von Wolf Innovation, spricht auch von den Härten ihrer schon einige Zeit zurückliegenden Geschäftsgründung: Pure Naivität habe am Anfang gestanden: „Ich habe es zu 100 Prozent unterschätzt, was es heißt, in der Businesswelt Fuß zu fassen“, sagt sie über die Vergangenheit. Anders als damals, existiere heute aber „eine tolle Gründer-Infrastruktur“. Man müsse es wagen. Die eigentliche Schwierigkeit sei, am Markt erfolgreich zu sein. Frauennetzwerke seien auch Macht-Netzwerke: Das richtige Netzwerk könne entscheidend sein.

Gründungsnaivität gehört dazu

„Eine gewisse Grundnaivität muss man haben“, ist Dr. Claudia Mika, CEO von Temos International überzeugt. Mit dem Unternehmen, das medizinische Einrichtungen bei ihrer Zertifizierung begleitet, sei man direkt auf dem Weltmarkt unterwegs gewesen. Die Corona-Pandemie habe das Geschäft von heute auf morgen zum Erliegen gebracht: „Wir wussten nicht, wie wir die Mitarbeiter bezahlen sollten.“ Und nachdenklich setzt Mika hinzu: „Wenn ich vorher gewusst hätte, was das bedeutet, hätte ich mich wahrscheinlich gleich in mein Schneckenhaus zurückgezogen.“ Aber ihre Disziplin habe ihr geholfen.

Was würden die erfolgreichen Gründerinnen im Rückblick anders machen? Das will eine junge Frau aus dem Publikum wissen. „Ich würde noch mehr reden, rausgehen, Expertisen einholen und mich nicht mehr so klein machen“, sagt Innenarchitektin Cora Hanquet, Gründerin von Raum 3. Kurz: Auf die Stärken fokussieren, nicht auf die Schwächen.

Mit diesem Impuls gehen die Frauen in die zahlreichen Workshops rund um das Thema der Selbstständigkeit. „Dieses Format würde ich am liebsten regelmäßig veranstalten“, freut sich Ronny Strasser über das positive Feedback der Frauen. Denn die Diversität mache den Unterschied: „Die Wirtschaft braucht auch den Impuls der Frauen.“