Erinnerung an Richard Zanders, der vor 120 Jahren durch ein Unglück aus dem Leben gerissen wurde.
GeschichteWarum ganz Bergisch Gladbach um Richard Zanders trauerte

Die Büste von Richard Zanders im Ehrenhain der Papierfabrik Zanders, heute auch Büstengarten genannt.
Copyright: Claus Boelen-Theile
Vor 120 Jahren trug Bergisch Gladbach Trauer. Die Flaggen waren auf halbmast. Bei den Menschen gab es nur ein Thema: der plötzliche Tod des Industriellen Richard Zanders.
Der Papierfabrikant, der bekannteste und wichtigste Bürger der Stadt, war am 28. März 1906 beim Einschießen eines neuen Armeerevolvers, wohl des „Kurzen Reichsrevolvers“, ums Leben gekommen. Richard Zanders wurde nur 45 Jahre alt. Sein gesellschaftliches Engagement wirkt nach bis auf den heutigen Tag. Ohne sein Mäzenatentum und seine Projekte würde Bergisch Gladbach anders aussehen.
Geschehnisse bis heute unklar
Was genau an diesem 28. März geschehen ist, hat sich im Nachhinein nie aufklären lassen. Der Tod von Richard Zanders blieb rätselhaft, Spekulationen über einen Selbstmord gibt es bis auf den heutigen Tag. Mutmaßlich geschah das Unglück in einem Steinbruch nahe der heutigen Kürtener Straße, kurz vor Herrenstrunden, und nicht auf dem Gelände seines Wohnsitzes Haus Lerbach in Sand. Ob er alleine war oder nicht: Dies ist eine unbeantwortet gebliebene Frage. Auch ob es damals eine polizeiliche Untersuchung gab, ist eine im Dunkel der Geschichte liegende Frage.
Die „Bergisch Gladbacher Volkszeitung“, die damals nur dreimal in der Woche erschien, vermeldet das Ereignis vom Tod von Richard Zanders als wichtigste Nachricht der Rubrik „Lokales und Provinzielles“ erst am 31. März: „Beim Einschießen des neuen Revolvers, der den Offizieren in diesen Tagen von der Heeresverwaltung zugestellt worden ist, hat ein bejammernswertes Unglück am Mittwochnachmittag seinem Leben ein jähes Ende bereitet und alle erschüttert, die diese im ersten Augenblicke wie etwas Unglaubliches klingende Kunde vernahmen.“ Als die Zeitung an diesem Samstag erschien, waren schon drei Tage seit dem Unglück vergangen. Der Samstag war bereits der Tag der Beerdigung.

Die Grabstätte von Richard und Anna Zanders.
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Der Verfasser würdigt anschließend die Verdienste des Verstorbenen für die Stadt, von herzgewinnender Liebenswürdigkeit und ritterlicher Gesinnung, die er von seiner unvergessenen Mutter Maria Zanders geerbt habe, ist die Rede; die Kulturmäzenin war 1904 verstorben. Die Stadt, ist sich der Artikelschreiber sicher, werde diesen Verlust kaum überwinden können. Energie, Tatkraft und auch männliches Selbstbewusstsein werden im Nachruf gerühmt. Noch vor wenigen Wochen habe er einer erkrankten Arbeiterin den Dank für 25 Jahre gewissenhaften Wirkens in der Papierfabrik persönlich überreicht.
Zum Tag der Beerdigung hüllt sich die Stadt in schwarz, die Stadtverordneten sind vom Bürgermeister angehalten, an Trauerzug und Beerdigung teilzunehmen. Im Nachruf der Stadt heißt es: „Der im schönsten Mannesalter von 45 Jahren Dahingeraffte hat seiner Vaterstadt, an der er mit rührender Liebe hing, durch seinen Tod einen bitteren Schmerz bereitet und einen Verlust zugefügt, den sie kaum je wird verwinden können. Denn geschmückt mit den herrlichsten Gaben des Geistes und des Herzens und von hinreissender Liebenswürdigkeit des Wesens hat er alle bezaubert, die mit ihm in nähere Berührung kamen.“
Sand auf den Straßen beim Trauerzug
Zur Beerdigung wurde der Verstorbene in der Villa Zanders, im Hause seine Mutter, aufgebahrt. Von dort zog die Trauergemeinde zur Familiengruft auf dem evangelischen Friedhof am Quirlsberg. Zu beiden Seiten der Chaussee hätten die Zanders-Arbeiter Spalier gestanden, schildert die Tageszeitung. Selbst Straßenlaternen habe die Stadt Trauerflor angelegt. Sand wurde auf die Straße gestreut, damit die Eisenräder der Kutschen keine störenden Geräusche machten.
Heute kann Richard Zanders als ein erfolgreicher Geschäftsmann betrachtet werden. Rastlos hat er Projekte angeschoben, die Gartensiedlung Gronauer Wald für seine Fabrikarbeiter und deren Familien bauen lassen, für seine damals kleine Heimatstadt Bergisch Gladbach den Bau des großen Rathauses übernommen, für seine Firma ein repräsentatives Verwaltungsgebäude errichtet. Im Lerbacher Wald ließ er das historische Wasserschloss niederlegen und als eigenen Land- und Wohnsitz Haus Lerbach neu errichten. Prunkvolle, prachtvolle Häuser allesamt, die auch der Außendarstellung des Fabrikanten dienen.

Die Grablege von Familie Zanders.
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Zanders wird sich als Aufsteiger gesehen haben, der mit seinen Bauten seiner begüterten und bald nach der Heirat geadelten Schwiegerfamilie von Siemens nacheiferte. Ein Ruhepol ist nicht zu erkennen im Wirken von Richard Zanders.
Ein Projekt folgt auf das nächste, entspannte Tage wird Zanders nicht gekannt haben. Ludwig Rehse, der Pfarrer der evangelischen Gemeinde in Bergisch Gladbach, geht in seiner Trauerrede auf dieses rastlos scheinende Wirken ein. Der Verstorbene, so sage mancher, habe Gutes nur getan, weil er das Geld dazu gehabt habe, zitiert ihn die „Bergisch Gladbacher Volkszeitung“. Aber er habe es auch aus Liebe zu seiner Heimat getan, schildert Rehse. Wie auch immer man dies interpretieren mag: Unumstritten scheint Zanders auch zu Lebzeiten nicht gewesen zu sein, das kann man diesen Worten entnehmen.
Papierfabrik schon damals ein Koloss
Rund 20 Jahre stand Richard Zanders am Ruder der Papierfabrik, baute sie um und aus und trug mitentscheidend zum Weltruhm der Gladbacher Papiermacher bei. Wer heute über das weitläufige Gelände flaniert, kann leicht ahnen, dass in den Jahrzehnten um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entscheidende Weichen gestellt wurden. Die Papierfabrik muss schon damals wie ein Koloss erschienen sein, der nur mit äußerster Tatkraft zu steuern war. Zanders galt den Gladbachern als ein solcher Kapitän, der die Jahre der Industrialisierung erfolgreich meisterte. Dass Zanders dabei gerne im Mittelpunkt stand, wird auch berichtet. Vielleicht musste man damals so agieren, als eine Art Dirigent seiner Großprojekte.
Von einem lokalen Papierhersteller, einer von vielen, wie man sagen muss, wurde das Unternehmen in der Ära von Richard Zanders zu einem Unternehmen mit internationalem Ruf. Nur ein Beispiel: 1905, ein Jahr vor seinem Tod, hatten er und sein Bruder Hans das repräsentative Verwaltungsgebäude an der Gohrsmühle errichten lassen. Es muss auf die Damaligen wie ein Meisterwerk aus einer fremden Welt gewirkt haben.
Nach seiner Heirat mit Anna Siemens, der Tochter aus der noch größeren Industriellendynastie, lebt das Paar auf dem neu errichteten Lerbacher Landgut, dem Haus Lerbach. Alles scheint harmonisch zu sein, die Ehe glücklich, wenn auch kinderlos. Bis am 28. März 1906 das Unglück geschieht.
