Leichlingen – „Es lohnt sich einfach nicht mehr“, sagt Kerstin Conrads vom Gut Nesselrath. Nach langen Überlegungen ist die Familie zu dem Schluss gekommen, die Milchwirtschaft aufzugeben.
Kühe hätten seit jeher zum Bild des Hofes gehört. „Ich bin jetzt aber glücklich, dass wir die Entscheidung gefällt haben“, sagt Conrads.
Die fehlende wirtschaftliche Perspektive gekoppelt mit permanenter Präsenz am Hof sei eine große Belastung gewesen. „365 Tage im Jahr ist man gebunden und muss morgens und abends zum Melken“, erläutert die Landwirtin. Das ist nun vorbei.
Derzeit wird in Deutschland und Europa weitaus mehr Milch produziert als im Vorjahr. „Es liegt aber nicht allein an der Abschaffung der Milchquote, dass es den Bauern so schlecht geht“, erläutert Bernhard Rüb von der Landwirtschaftskammer Nordrhein Westfalen.
In den 80er-Jahren führte die damalige Europäische Gemeinschaft eine Quotenregelung ein, die die Melkleistung in den Mitgliedstaaten regelte. Im April vergangenen Jahres lief die Regelung aus. Die Bauern konnten von nun an so viel melken, wie sie wollten.
Ein Grund für die Misere der Bauern ist laut Rüb die Globalisierung des Marktes. Die Bauern stünden in einem scharfen internationalen Wettbewerb. „Das ganze Gerede von Regionalisierung bringt nichts. Wenn der eine weniger melkt, melkt der andere eben mehr“, erläutert der Kammer-Pressesprecher.
Überproduktion
Die Milchwirtschaft schon lange aufgegeben hat der Leichlinger Landwirt Bernd Sesterhenn, auch wenn er noch immer die Melkmaschine hat. Wirtschaftliche Erwägungen führten auch bei ihm zum Aus: Milchwirtschaft? Lieber nicht! Auch wenn viel Herzblut in der Arbeit mit den Kühen gesteckt habe. Damit ist er nicht alleine: Von 2000 bis 2015 haben in Leichlingen von 20 Milchviehhaltern zwölf Höfe ihre Tiere abgeschafft.
„Melken mache zurzeit einfach keinen Spaß“, so Sesterhenn. Die Bauern täten Geld dabei. Auch er sieht in der globalisierten Welt und in der Marktmacht der Lebensmittelketten in Deutschland die Hauptprobleme. „Es wird weltweit zu viel Milch produziert“, so Sesterhenn.
Ob das jedoch in naher Zukunft besser wird, bezweifelt Sesterhenn. „Momentan gibt es eine Überproduktion, weil Russland gar nichts mehr abnimmt.“ Auch in China ist der Absatz wieder stark zurückgegangen, nachdem sich für europäische Bauern im Zuge des chinesischen Milchpulverskandals gute Absatzmärkte aufgetan hätten.
Hinzu kommt, dass die Milchwirtschaft mit Lebewesen arbeitet. „Kühe sind keine Maschinen. Sie sind nicht steuerbar und bringen erst nach zwei Jahren überhaupt Geld. Zudem muss eine Kuh jedes Jahr ein Kalb bekommen.
Große Vielfalt
Nach Sesterhenns Einschätzung kann ein Familienbetrieb ungefähr 120 Kühe bewirtschaften. „Das ist das Limit. Wenn sie mehr machen wollen, müssten sie einen Mitarbeiter einstellen“, sagt der Leichlinger. Das koste jedoch den Gewinn, den ein Unternehmen mit 60 Kühen erwirtschaften könnte. Die großen Betriebe setzten deswegen alle auf außerfamiliäre Mitarbeiter und hätten große Investitionen in Kuhstall, Güllelager, Kühe und Milchquote gemacht. Im Moment gäben vor allem die großen Unternehmen in Ostdeutschland auf. Die Familienbetriebe im Rheinland hielten dagegen noch durch, aber auch ihnen könnte langfristig die Puste ausgehen. Sie hätten jedoch bessere Chancen, weil sie oft noch ein zweites Standbein hätten. Um sich der schwierigen wirtschaftlichen Entwicklung entgegen zu stellen, setzten auch viele Betriebe in Leichlingen auf unterschiedliche Vertriebswege, wie Direktvermarktung, Gästezimmer oder Blumenfelder zum Selbstpflücken.
Trotz der Schwierigkeiten der Bauern ist Sesterhenn begeistert von der Vielzahl der landwirtschaftlicher Produkte in der Blütenstadt. Es gebe Käse, Äpfel, Erdbeeren, Schafe und Gemüse. „Bis auf weißen Spargel können wir hier alles abdecken.“ Auch Schweinemast gebe es in Leichlingen nicht.