Leichlingen – Im blauen Licht schimmert die Folie, die Möbel und Figuren wie in einer verlassenen Wohnung bedeckt. Das Publikum darf in den Raum, schwatzt und lacht noch, sucht sich Plätze. Doch auf der Bühne, zwischen den gespenstischen Requisiten, sitzt bereits einer. Michael Kohlhaas wartet. Er bewegt das Bein, er nickt mit dem Kopf. Immer wieder klickt das silberne Feuerzeug. Endlich: die Flamme. Sie bringt das Spiel in Gang – und bietet gleichzeitig eine Vorausschau auf das Feuer, das kommen wird.
Die beiden Köpfe der Bühne Cipolla, Sebastian Kautz und Gero John, führen im Schloss Eicherhof Heinrich von Kleists Novelle „Michael Kohlhaas“ auf. Benannt nach dem Zauberer Cipolla aus Thomas Manns „Mario und der Zauberer“, machen sich die Künstler den Zauber wahrlich zu eigen. Ihr Figurentheater zeigt bestürzend expressive Masken. Selbst bei den kleinsten Puppen gelingt es den Zuschauenden mühelos, den Schauspieler Kautz, der bewegt und spricht, nicht mehr als solchen wahrzunehmen. Doch Kautz, der für Regie, Bühnenbau und Spielfassung zuständig ist, bricht bewusst immer wieder die üblichen Regeln, die Wände des Theaters auf. Kohlhaas lässt er dem Musiker ein zischendes „Psch!“ zurufen, im Publikum gibt es ein erstes Erschrecken, „Oh Gott“ murmelt jemand leise.
Zeugen des Tribunals
Immer wieder wird das Publikum bei der Vorstellung der städtischen Reihe „Kultur im Schloss“ einbezogen, von den Figuren angesprochen. Vor dem Tribunal müssen sich alle erheben. Kohlhaas wehrt sich entnervt gegen den Schauspieler, der ihn führt, und der kleine Mönch Luther versucht, dem Lichttechniker Anweisungen zu geben.
Begleitet wird das Spiel von Gero John, der ein Geschichten erzählendes Cello, Keyboard und Vokalisationen mit einer Loop-Aufnahmetechnik vervielfältigt und so mehrstimmige Melodien aufbaut. Die ernste Handlung des Pferdehändlers Kohlhaas, der sich ungerecht behandelt sieht und zu einem Kriegszug der Selbstjustiz aufbricht, wird regelmäßig unterbrochen von humorigen Nebenfiguren. In mancher Absurdität bleibt einem das Lachen dennoch im Halse stecken. Das papageienhaft wiederholte „Abgelehnt!“ des hässlich-arroganten Richters lässt selbst im Zuschauerraum das Blut hochkochen.
Schrecklich anzusehen ist der Tanz des Kohlhaas mit seiner toten Frau. Dann kommt auch sie, wie zuvor der tote Knecht, in die Tonne. Und das Kreuz gleich hinterher. Beim lauten Knall des Deckels schrecken manche im Publikum nahezu von ihren Sitzen hoch. Unheimlich echt scheint die Hand der Leiche noch einmal zu winken. Dann beginnt Kohl-haas’ Wahnsinn. Die Selbstverletzung der Figur bei Stroboskoplicht ist kaum auszuhalten. In der darauf folgenden Finsternis finden die Augen nur ein schimmerndes Kreuz, die Ohren hören Luthers beschwörende Stimme – mit ostdeutschem Dialekt. Kohlhaas erscheint als übertriebener Dramatiker, als sein Fall im Tribunal verhandelt wird. Und man stellt fest: Die Selbstjustiz, ihre Gratwanderung zwischen eigenem Recht und blinder Skrupellosigkeit, ist wieder aktueller denn je. Ein drittes Mal schlägt laut die Totenglocke, als Kohlhaas unter die Erde gebracht wird. Doch die Frage bleibt im Raum stehen: Wie konnte es so weit kommen?