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ArmutWie die Odenthaler im            19. Jahrhundert lebten

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Das Foto zeigt Kinder beim Waschen am Wassertrog

Dieses mit KI-Hilfe entstandene Foto zeigt den Alltag von Kindern im 19. Jahrhundert in Odenthal

Norbert Knappe hat ein Buch über das Leben der Menschen in Odenthal  im 19. Jahrhundert geschrieben. Geschöpft hat er dabei auch aus seiner Familiengeschichte.

Klirrend kalt ist die Nacht, in der Peter Müller aufbricht. Der Weg unbeleuchtet und holprig, die Strecke von Grimberg hinunter nach Odenthal lang – und die Angst geht mit. Denn Peter Müller will Hilfe holen. Sohn Gottfried liegt fiebernd mit Leibschmerzen im Bett, alle Hausmittel haben versagt. Jetzt kann nur noch ein Arzt helfen, und der nächste Mediziner praktiziert im mehr als fünf Kilometer entfernten Odenthal.

Zeitreise ins 19. Jahrhundert

Das Leben in der dörflichen Gemeinde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war hart und unterschied sich in fast allen Lebensbereichen fundamental vom heutigen Alltag. Mit seinem jüngsten Buch „Odenthal im 19. Jahrhundert. Leben und Arbeit im Bergischen Land. Entbehrung und Alltag“ nimmt Autor Norbert Knappe seine Leser mit auf eine Zeitreise in eine verschwundene Welt. Am Beispiel seiner eigenen Familie, die nachweislich seit dem späten 17. Jahrhundert in Odenthal ansässig war, zeigt er das entbehrungsreiche Leben auf dem Land ab 1850 und verbindet persönliche Familiengeschichte mit dem gesellschaftlichen Umfeld der Zeit.

Das Foto zeigt Erwachsene und Kinder bei der Feldarbeit

Feldarbeit, wie hier die Kartoffelernte, gehörte zum Alltag.

Zwischen rauem Land, täglichem Mühsal und allgegenwärtigen Gefahren, denen man mit tiefem Glauben zu begegnen suchte, lebt die siebenköpfige Familie Müller in Grimberg. Vater Peter verdient seinen Lohn als Pulverer in den Pulvermühlen des Helenentals, ein gefährlicher Brotverdienst – jeder Gang zur Arbeit kann der letzte sein. Mutter Anna trägt die Verantwortung für Haus, Hof, die fünf Kinder „und auch das fragile Gleichgewicht zwischen Hoffnung und Verzweiflung“, sagt Urenkel Norbert Knappe.

Das vorliegende Buch mische überprüfbare historische Fakten mit erzählerischer Freiheit, erklärt er: „Dialoge, private Szenen und innere Monologe sind fiktiv, stützen sich aber auf die dokumentierte Lebensrealität der Zeit und auf das wertvolle Erinnerungsvermögen meiner unvergesslichen Oma Maria Christina Müller.“ Und so darf man mitfiebern mit dem kleinen, kranken Gottfried und freut sich, dass er die Krankheit übersteht. Anders als viele seiner Altersgenossen in einer Epoche, in der die Kindersterblichkeit in deutschen Landen erschreckend hoch war. Auch wenn seine Rettung das Familienbudget extrem strapaziert und anschließend Schmalhans Küchenmeister ist.

Das Foto zeigt eine Explosion in einer Pulvermühle.

Die Pulvermühlen waren gefährliche Arbeitsstätten.

Einer romantisierenden, verklärenden Darstellung, wie die mit Hilfe Künstlicher Intelligenz erzeugten Bilder im Buch nahelegen könnten, mit denen Knappe seine Geschichte zwar sehr anschaulich, aber auch etwas weichgespült illustriert, entgeht Knappe, indem er die halb-fiktive Familiengeschichte immer wieder durch kurze historische Einschübe zu den Realitäten der Zeit unterbricht.

Fakten zur politischen Situation, zur Industrialisierung, zur Sterblichkeit oder den Arbeitsbedingungen in den Pulvermühlen ordnen die familiären Szenen in den großen historischen Kontext ein. Authentizität verleiht der Geschichte auch die geringe Scheu Knappes, drastisch von den in vielen Erinnerungen eher ausgeklammerten Dingen des damals recht primitiven Lebens zu schreiben, die das Bild aber erst komplettieren - von notdürftiger Körperhygiene, von Läusen und lästigen nächtlichen Toilettengängen zum Plumpsklo, von der mühseligen und geruchsintensiven Leerung der Grube mit Eimer und Schaufel, die aber dennoch, so anrüchig sie auch war, Segen brachte: als unverzichtbarer Dünger für die kargen Böden.

Keine Verklärung der Vergangenheit

Kein Zweifel: „Der Blick zurück ist dabei keine Verklärung. Das Leben war hart, Verluste gehörten zum Alltag und Chancen waren ungleich verteilt“, so der Autor. Doch in der unfreiwilligen Beschränkung habe auch eine Form der Klarheit gelegen, meint er. „Die Genügsamkeit, geboren aus der Notwendigkeit, trug eine Würde in sich, die heute verloren zu gehen scheint im Überfluss, in der ständigen Verfügbarkeit sowie im Drang nach immer mehr.“

Norbert Knappe: Odenthal im 19. Jahrhundert. Leben und Arbeit im Bergischen Land. Entbehrung und Alltag, 17 Euro, ISBN: 978-3-9827953-3-1, erhältlich im Altenberger Dom-Laden und im Buchhandel.