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Interview

„Kosten werden verlagert, Sicherheit leidet“
Verkehrsexperten warnen vor Führerschein-Plänen des Bundesverkehrsministers

6 min
Eine Fahrschülerin übt an einem Fahrsimulator.

Außer einigen Stunden am Fahrsimulator, die allerdings auch nicht umsonst zu haben sind, sehen Fahrlehrer Christian Kreuzer aus Overath und die Leiterin des Verkehrskollegs Leverkusen, Tatjana Contzen, in den Führerschein-Plänen des Verkehrsministers etliche Gefahren für die Sicherheit. 

Was laut Fahrlehrer und Ausbilder passieren könnte, wenn die Führerschein-Pläne des Bundesverkehrsministers durchkommen.

Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder möchte den Führerschein billiger machen. Das klingt zunächst verlockend. Verkehrsexperten und Fahrlehrer-Ausbilder warnen jedoch vor den Folgen. Mit dem Overather Fahrlehrer und Dozent am Verkehrskolleg Leverkusen, Christian Kreuzer, sowie der Leiterin des Verkehrskollegs Leverkusen, Tatjana Contzen, hat Guido Wagner gesprochen.

Schneller und günstiger zum Führerschein. Das klingt in einer Zeit, in der vieles immer teurer wird, doch gar nicht schlecht.

Christian Kreuzer: Kurzfristig ja. Aber die geplanten Änderungen klingen nur populär – langfristig werden sie schaden.

Christian Kreuzer steht an einem Fahrschulauto.

Spricht Klartext: Christian Kreuzer ist Fahrlehrer in Overath und Dozent am Verkehrskolleg Leverkusen, Christian Kreuzer.

Inwiefern?

Tatjana Contzen: Die Pläne sehen unter anderem eine Laienausbildung, beispielsweise durch Eltern, nach den ersten Stunden durch die Fahrlehrerin oder den Fahrlehrer vor — also Ausbildung außerhalb des professionellen Systems, angeblich günstiger und einfacher. Das wird als Ersparnis verkauft.

Leiterin des Verkehrskollegs Leverkusen, Tantjana Contzen, blättert in einem Gesetzestext.

Sieht die Führerschein-Pläne von Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder kritisch: die Leiterin des Verkehrskollegs Leverkusen, Tantjana Contzen.

Und warum ist das problematisch?

Kreuzer: Weil es gefährlich ist. Das zeigen nicht nur die Unfallquoten von Fahranfängern in Ländern wie Österreich, wo es solche Ausbildungsformen gibt, sondern auch Versicherer signalisieren bereits, dass sie bei solcher Ausbildung die Beiträge massiv anheben müssten.

Contzen: Ich habe ein Kind, das mit 17 den Führerschein gemacht hat. Und ich bin hintüber gefallen, was mein Auto mehr kostet, jetzt nur weil mein Sohn damit fährt. Und mein Sohn hat ja nach dem derzeitigen System eine vollwertige Ausbildung genossen.

Kreuzer: Das heißt, die vielleicht 1000 Euro, die man in den Fahrstunden nach den Schnieder-Plänen gegebenenfalls spart, steckt man dann in die Versicherung. Die Kosten würden nur verlagert, nicht gesenkt – und die Sicherheit leidet.

Lässt sich das belegen?

Kreuzer: Ja. In Österreich gibt es ein Modell mit Laienausbildung – dort verunglücken deutlich mehr junge Fahrer tödlich als in Deutschland. In Deutschland gibt es im Schnitt 4,4 tödlich verunglückte Verkehrsfahranfänger pro eine Million Einwohner. In Österreich ist man bei fast 7. Die Niederlande führen genau deshalb eine professionelle Ausbildung nach deutschem Vorbild ein.

Warum setzt man in Österreich trotzdem auf Laienausbildung?

Kreuzer: Nicht aus Überzeugung, sondern aus Mangel an Fahrlehrern. Eine Notlösung, weil es dort bezogen auf die Fahrschüler zehnmal weniger Fahrlehrer als bei uns in Deutschland gibt.

Contzen: Wenn man dann 50 bis 70 Kilometer fahren muss, um eine Fahrschule zu erreichen, wird die Führerscheinausbildung schon schwierig. Dabei ist es aber nicht mal sicher, dass man viele Fahrstunden spart, wenn ein Teil durch Laienausbildung erfolgt.

Warum das denn nicht?

Contzen: Weil ich nach der Laienausbildung als Fahrlehrer in der Regel einige Fehler wieder rauskriegen muss, die sich die Schüler angeeignet haben. Am Ende spare ich durch die Laienausbildung vielleicht drei bis vier Stunden – also etwa 200 bis 300 Euro. Das entspricht kaum den Erwartungen, die politisch geweckt werden.

Kann denn das vorgesehene selbstständige Lernen des theoretischen Wissens Kosten sparen?

Contzen: Auch heute werden schon Apps eingesetzt, mit denen man lernen und sich auf die theoretische Prüfung vorbereiten kann. Dabei geht es dann aber ausschließlich darum, auf bestimmte Fragen die richtigen Antworten zu geben. In unserem theoretischen Unterricht erarbeiten wir aber mit den Schülern zusammen komplexe Zusammenhänge und erklären, welche Fahrfehler zu welchen Folgen führen können. Das kann eine App so nicht vermitteln. Die kontrolliert am Ende nur, hat jemand die richtige Antwort gegeben oder nicht. Das ist ja auch der Grund dafür, warum die skandinavischen Länder, die in den Schulen sehr früh mit der Digitalisierung begonnen haben, heute wieder stärker auf die direkte Interaktion zwischen Lehrer und Schüler setzen.

Kreuzer: Was der Wegfall von theoretischem Präsenzunterricht für Folgen hätte, hätte man gut vorab wissenschaftlich untersuchen lassen können. Dafür verfügt das Bundesverkehrsministerium doch über die Bundesanstalt für Straßenwesen. Soweit ich weiß, ist das aber nicht geschehen.

Was ist mit dem Plan, die Schülerinnen und Schüler erste praktische Erfahrung am Fahrsimulator sammeln zu lassen?

Contzen: Der Simulator ist sinnvoll für Grundlagen, etwa die ersten sechs Fahrstunden.

Kreuzer: Aber natürlich kostet auch so ein Fahrsimulator – und ich muss ihn zugänglich machen und dafür Personal dort hinsetzen. Auch wir haben uns in der Fahrschule einen angeschafft, aber zum Null-Tarif gibt's auch die Ausbildung an ihm nicht – und er deckt nur einen Teil der Ausbildung ab.

Ist es aus Ihrer Sicht möglich, an den Sonderfahrten-Pflichtstunden bei der praktischen Ausbildung Abstriche zu machen?

Kreuzer: Aktuell sprechen wir beim Autoführerschein von fünf Stunden auf der Landstraße, vier auf der Autobahn und drei bei Nacht. So, wohin will man das jetzt entwickeln? Aus Erfahrung weiß ich: Nach 90 Minuten Autobahn, also zwei Fahrstunden, fühlt sich kein Fahrschüler sicher. Ich sehe nicht, wie man hier sinnvoll reduzieren kann.

Contzen: Und wenn wir uns die Pflichtstunden auf Landstraßen anschauen: Etwa 60 Prozent der tödlichen Unfälle junger Fahrer passieren auf Landstraßen, meist nachts. Gerade dort zu sparen, ist schwer nachvollziehbar.

Haben Sie als Fahrschulausbilder und -inhaber nicht auch Sorge um Ihre Einkünfte?

Kreuzer: Vielleicht noch nicht mal. Erfahrungsgemäß kann jemand ohne die entsprechende Ausbildung nicht alles so beibringen, wie es notwendig wäre, einen sicheren Fahrer hervorzubringen. Über die vielen Kilometer der Laienausbildung festigt sich dies dann. Zur Vorbereitung auf die Prüfung muss abschließend in dieser Konzeptidee immer noch die Fahrschule besucht und auf eine Prüfung vorbereitet werden.

Diese falschen Angewohnheiten zu ändern, kann genau so viele und eventuell sogar mehr Fahrstunden brauchen, um jemand bereit für eine Prüfung zu machen. Diese Begleiter müsste man als Fahrschule erst mal schulen, um halbwegs etwas Brauchbares hervorzubringen. Unter diesen Gesichtspunkten braucht sich eine Fahrschule nicht zu sehr Sorgen machen. Es geht hier vielmehr um Sicherheit im Straßenverkehr.

Kosten zu reduzieren, kann auch eine Ambition sein und ist im Grunde auch wünschenswert. Die Stellschrauben, an denen man versucht zu drehen, sind aber die falschen. Objektiv betrachtet, ist der Führerschein auch nicht übermäßig teuer geworden.

Viele Menschen empfinden das anders. . .

Kreuzer: Klar, sagen Leute: Ich habe damals ja nur 600 Mark bezahlt. Ja, stimmt, das war 1970, wo die Regeln anders waren, wo der Verkehr anders war, wo die Unfallzahlen höher waren. Gleichzeitig haben wir die Zahl der Verkehrstoten seit den 1970er-Jahren um etwa 90 Prozent reduziert – auch durch bessere Ausbildung.

Warum sollte dann ausgerechnet der Bundesverkehrsminister solch eine positive Entwicklung verändern wollen?

Kreuzer: Meines Erachtens sind das vor allem politische Gründe: Er versucht offenbar Wähler zurückzugewinnen und wird von besonderen Unternehmern beraten, die primär auf Gewinn aus sind – dabei wird aber das Thema Verkehrssicherheit nicht ernst genug betrachtet.

Wem könnte eine solche Reform denn nützen?

Kreuzer: Das sind Unternehmer, deren geringste Ambition eine vernünftige Führerscheinausbildung ist. Es geht da rein ums Geldverdienen. Die haben da ein gutes Konzept erdacht, um Geld zu verdienen. Aber es ist alles andere als gut, um Verkehrssicherheit zu fördern. Und das kann auch nicht im Interesse des Verkehrsministeriums sein.

Contzen: Der Verkehrsminister hat selbst leider sehr deutlich gemacht: Es geht primär darum, für jeden den Führerschein zugänglich zu machen – und nicht um Verkehrssicherheit. Aber auch volkswirtschaftlich greift das zu kurz: Mehr Unfälle verursachen am Ende auch höhere Kosten – bei gleichzeitig sinkender Sicherheit.