Die Leiden der Bahá'í unter dem Terrorregime des Iran waren Thema einer Veranstaltung im Bahá'í-Forum in Overath
Iran-RegimeDie Unterdrückung der Bahá'í war Thema in Overath

Yeganeh Agatu (links) und Isabel Schayani.
Copyright: Christoph Konkulewski
Die Königsberger Straße in Overath unaufgeregte Adresse im Bergischen Land. Im Bahá'í-Forum drängen sich die Menschen. Vorne sitzt eine junge Frau, zierlich, klares Gesicht. Sie heißt Yeganeh Agatu. Sie ist Musiklehrerin. Sie war Gefangene.
Mit einem humanitären Visum der Bundesrepublik Deutschland konnte sie nach Köln kommen. Sie ist da, um zu Protokoll zu geben, was das Regime in Teheran verbergen will. Neben ihr sitzt die Journalistin Isabel Schayani.
Sie ist Übersetzerin an diesem Abend und ihre Freundin. Das Phänomen, über das Yeganeh spricht, ist die systematische Vernichtung einer Existenz. Seit der islamischen Revolution 1979 sind die Bahá'í im Iran der permanenten Verfolgung ausgesetzt.
Größte religiöse Minderheit im Iran
Sie sind mit rund 300.000 Mitgliedern die größte religiöse Minderheit des Landes, aber die Verfassung verweigert ihnen jegliche Anerkennung. Das Regime betrachtet sie als „unreine Abtrünnige“. Was das bedeutet, zeigt der Abend in Overath jenseits der großen politischen Nachrichten. Es ist die Bürokratie des Hasses im Alltag.
Yeganeh spricht ruhig. Ihre Stimme zittert nicht. Sie erzählt von Schildern an Friseursalons in Isfahan: „Kein Eintritt für Bahá'í“. Sie erzählt von ihrer Mutter, die wegen schwerer Schulterschmerzen zur Physiotherapie musste. Als die Praxis erfuhr, dass die Tochter im Gefängnis sitzt, weil sie Bahá'í ist, folgte zwei Tage später der Anruf: Die Behandlung wird abgebrochen. Das Regime möchte die Mitglieder der Religion sozial ersticken. Bahá'í dürfen nicht studieren. Sie fliegen von den staatlichen Schulen.
Viele Verbote
Viele Berufe sind ihnen untersagt, besonders dort, wo sie mit Nahrungsmitteln oder Muslimen in Berührung kommen könnten, wegen des Stigmas der Unreinheit. Yeganehs Vater, ein Automechaniker, darf seit 35 Jahren nicht mehr legal arbeiten. In Städten wie Rafsanjan werden die Garagen von Bahá'í, die dort beispielsweise heimlich Kühlschränke reparierten, vom Staat amtlich verplombt. Das Ziel ist der wirtschaftliche Ruin.
Ein Kind der Bahá'í lernt früh die wichtigste Lektion: Du darfst keine Wünsche haben. Weder Arzt noch Leistungssportler stehen als Lebensentwurf zur Auswahl. Das eigentliche Trauma beginnt jedoch mit dem Klingeln an der Tür. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Es bedeutet Hausdurchsuchung. Bei Yeganeh nahmen die Maskierten alles mit, sogar die privaten Fotoalben.
Herabwürdigung im Unterricht
Zehn Jahre gemeinsame Erinnerungen mit ihrem Mann Fuad gelöscht. Bis heute, im sicheren Köln, zucken beide zusammen, wenn der Paketbote klingelt. „Unsere Seelen erschrecken jedes Mal“ formuliert die junge Frau. Die Diskriminierung ist institutionell. In der neunten Klasse würdigte die Koranlehrerin die junge Yeganeh vor der gesamten Klasse der Schule herab, nannte sie eine Ungläubige.
Weil das Mädchen widersprach, durfte sie einen Monat nicht mehr kommen. Mit 17 Jahren folgte die erste Festnahme. Das Verbrechen: Eine kleine Aktion zum Weltnichtrauchertag in einem Park, Jugendliche wollten gemeinsam zeichnen. Der Vernehmungsbeamte, in Iran nennen sie diese Männer Basdschu, Verhörer und Folterknechte in Personalunion, sagte ihr unverblümt: „Wir wollen, dass alle Jugendlichen in unserem Land abhängig von Zigaretten sind, das geht dich nichts an.“
In die Einzelhaft
Das Ergebnis für die Minderjährige: zehn Tage Isolationshaft. Ein Raum ohne Fenster, ohne Uhr, ohne Toilette. Zwei Schritte vor, zwei Schritte zur Seite. Fünf Kilo Gewichtsverlust in zehn Tagen. Mit 21 Jahren die zweite Festnahme. Die Gruppe hatte Zigarettenstummel aufgesammelt und Wasser für Straßenkatzen aufgestellt. Das Urteil des Revolutionsgerichts: zwei Jahre und vier Monate Haft wegen „Agitation gegen die Islamische Republik“.
Im Herbst 2023 schlug das Regime zum dritten Mal zu. Um 6.30 Uhr morgens stürmten acht maskierte Männer und eine Frau die 70-Quadratmeter-Wohnung. Sie trugen Handschuhe – um sich nicht an den „unreinen“ Bahá'í zu beschmutzen. Sie verwüsteten alles. Yeganeh wurde abgeführt, ihr Mann blieb im Trümmerfeld zurück.
Brutale Gewalt
Zusammen mit neun anderen Frauen wurde sie in die Untersuchungshaft verbracht. Diesmal war die Gewalt brutaler. Das Regime stand unter dem Eindruck der landesweiten Proteste und reagierte mit maximaler Härte. Die Methode zur Erpressung von Geständnissen war perfide.
Die Augen permanent verbunden, der Körper im Ganzkörperschleier. Die Wärter hielten ein Glas mit kochendem Wasser so nah unter die Augenbinde, dass der heiße Dampf die Haut verbrannte. Wer nicht unterschrieb, wurde mit eiskaltem Wasser übergossen. Danach die Drohung mit dem elektrischen Stuhl: „Du bist nass, das leitet gut.“
Bei der letzten Vernehmung trat der Beamte stundenlang gegen Yeganehs Stuhl, bis dieser an der Wand stand, und schlug ihren Kopf schließlich direkt gegen das Mauerwerk. Der konstruierte Vorwurf: Spionage für Israel, das Standardurteil für Bahá'í, da sich ihre internationale Zentrale in Haifa befindet, historisch bedingt lange vor der Gründung des Staates Israel.
Zehn Jahre Haft
Nach der Untersuchungshaft folgte das Urteil: zehn Jahre Gefängnis, Enteignung des gesamten Besitzes, Autos, Wohnungen. Alles floss in die Kassen des islamischen Fonds. Seit sieben Monaten sitzen die anderen neun Frauen nun im Frauengefängnis Doulatabad in Isfahan. Yeganeh schildert den Verlust der Identität. Politische Gefangene und Schwerkriminelle teilen sich die Zellen. Es gibt keine Privatsphäre, kein Abschalten der Kameras, kein Erlöschen des Lichts.
Wer weinen will, tut es vor den Augen aller. Die medizinische Versorgung besteht aus der unkontrollierten Vergabe von Beruhigungsmitteln; viele sterben an einer Überdosis. Yeganeh berichtet von den Plastiklatschen, die sich alle Gefangenen teilen müssen, weil eigene Schuhe verboten sind. „Meine Freundinnen werden zehn Jahre lang keine eigenen Schuhe tragen“, sagt sie.
Der Satz wirkt auch bei den Zuhörern. Trotz der allgegenwärtigen Angst vor dem Lautsprecher, der die Namen zur nächsten Vernehmung aufruft, versuchten die Frauen, die Würde zu behalten. Sie tanzten heimlich, machten Yoga, sangen. Zum Schluss des Abends liest Yeganeh ein Dokument vor. Es stammt von einer Namensvetterin, einer 21-jährigen Mitgefangenen, die zusammen mit ihrer Mutter in Doulatabad festsitzt. Geschrieben kurz vor dem Antritt der zehnjährigen Haftstrafe.
Appelle der Überlebenden
Ein Brief an die Freiheit, den Yeganeh auf Persisch vorträgt. Ihre Freundin liest den deutschen Text. Es ist eine Liste der alltäglichen Freiheiten, die im Gefängnis sterben: „Genießt du statt meiner, wie die Blätter der Bäume gelb werden. Trink du an meiner Stelle Tee aus einem Glas. Iss Pizza. Lauf du statt mir über die Felder. Geh in ein Geschäft und wähle selbst aus, was du kaufen willst. Zieh Schuhe an statt mir. Tanz an meiner Stelle. Schminke dich. Umarme die Kinder. Lebe an meiner Stelle, kämpfe an meiner Stelle. Ich bin weit weg, genau deshalb, damit du nah an allem sein kannst, was du liebst.“
Der Appell der Überlebenden in Overath benötigte keine weiteren Fragen. Die nackten Tatsachen reichen aus. Wenn die Freiheit zur Pflicht wird, für die zu sprechen, die keine Stimme mehr haben, dann war dieser Abend der Anfang. Langes Schweigen, Tränen in den Augen der Zuhörer, nur langsam kehrte die familiäre, freundliche Atmosphäre an diesem Abend zurück.
