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Sommerfrische und WinterfreudenDas Gasthaus am Galgenberg

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Der Felsenkeller nach seinem Wiederaufbau 1932: Links oberhalb des Fußwegs ist der Tanzpavillon zu sehen. Auf Höhe der Baumwipfel ist ein kleiner Pavillon zu erkennen, von dort aus führte eine Rutsche hinunter in den Hof.

Wipperfürth – Mit dieser Wette sicherte sich der Wirt so manches Bier an einem heißen Tag: Wenn immer ein Fremder in seine Gartenwirtschaft kam, wettete Josef Riesener mit ihm, dass er sekundenlang in die grelle Sonne schauen könne, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Die Wette gewann Riesener immer. Kein Wunder, denn das Auge, mit dem er in die Sonne blickte, war aus Glas. „Das war der Humor meines Großvaters“, erinnert sich Elke Schüttrichkeit, geborene Riesener.

Josef Riesener war der Wirt des Felsenkellers, das Auge hatte der gelernte Malermeister im Ersten Weltkrieg eingebüßt. Riesener, Jahrgang 1885, betrieb die Wirtschaft am Galgenberg mit Leidenschaft und in seiner Freizeit und „steckte immer mehr Geld hinein, als er damit verdiente“, erinnert sich seine Enkeltochter. Sie hat dem Felsenkeller ein Familienalbum gewidmet, akribisch vermerkte sie Namen und Aufnahmedaten auf den Bildern. Das Album zeigt die Geschichte des Gasthofs am Galgenberg anhand privater Fotos.

Fantasie und Feierei

Josef Riesner verwirklicht am steilen Hang des Galgenbergs einen Jugendtraum: Ein Gasthaus für ausgelassene Feiern, gebaut mit Fantasie. Der Malermeister hat in Wipperfürth ein gut gehendes Geschäft und kann es sich dadurch leisten, an seinem Lokal zahlreiche Aus- und Umbauten vorzunehmen: Im Winter führt eine Rodelbahn vom Gasthaus hinunter bis zur Gladbacher Straße. Hinter der Wirtschaft baut Riesener einen Pavillon an den Berghang. Hoch über dem Haus können die Gäste im Rund sitzen. Hinunter geht es rasant per Rutsche. Wieder ein paar Meter weiter steht der Tanzpavillon, ebenfalls an den Hang gebaut. Doch die wahre Attraktion verbirgt sich im Hang hinter dem Haus: Drei Räume, in den Fels geschlagen. Die Weinfeste, die Riesener hier veranstaltet, gelten Zeitgenossen als legendär. „Man konnte feiern, ohne dass die Nachbarn gestört waren“, sagt Elke Schüttrichkeit mit einem Lachen. Über den Ursprung der drei Räume im Felsen kursieren lange Zeit wilde Spekulationen.

Bunkeranlagen seien es, oder der Eingang zu einem Tunnelsystem, das bis unter den Klosterberg reiche. „Das ist natürlich nicht richtig“, stellt Erich Kahl vom Heimat- und Geschichtsverein klar. „Bei den Räumen handelt es sich um Lagerräume der Brauerei Karl Causemann“, hat Kahl herausgefunden. Und auch in der BLZ vom 6.Mai 1953 sind die Felsenkammern Thema: „Von der Brauerei blieb später nur das Bierlager stehen“. Wirt Riesener nutzt die Gerüchte als Werbung für sein Lokal. Auf einer Postkarte aus dem Jahr 1931 wirbt er: „Ein Felsengang führte bis zum Klosterberg, ist heute eingefallen.“

Der Wirt nutzt die Gerüchte um einen geheimen Gang

Klar ist, dass die Räume dem Felsenkeller seinen Namen gaben. Josef Riesener kauft den Bau am Galgenberg Anfang des 20. Jahrhunderts. In der BLZ von 1953 ist das Jahr 1913 genannt. Ab 1924 eröffnet der Betrieb der Gastwirtschaft. Die Familie lebt damals im ersten Stock direkt über der Schankstube. 1931 brennt das Haus nieder. „Meine Mutter war mit der Großmutter in der Allerheiligenandacht, als das Feuer ausbrach“, erinnert sich Elke Schüttrichkeit. In der Familie wird noch jahrelang die Anekdote erzählt, dass der Großvater während des Feuers kopflos die Federbetten aus dem Fenster geworfen habe, um „wenigstens etwas vor den Flammen zu retten“, so Elke Schüttrichkeit. Josef Riesener gibt nicht auf.

Binnen eines Jahres steht das Gasthaus wieder, größer und moderner als zuvor. Zur Neueröffnung lässt er mit den Worten werben: „Erstes Sommerlokal am Platz, mit waldiger Umgebung. Eine Sehenswürdigkeit des Bergischen Landes.“ Eine Gastwirtschaft bleibt der Felsenkeller bis Mitte der 1970er Jahre, berichtet Elke Schüttrichkeit. Heute ist das Gebäude ein Wohnhaus. Die ausgefallenen Ideen von Josef Riesener aber müssen schon in den 1950er Jahren teilweise abgerissen werden. Wirt Josef Riesener stirbt 1954, in seinem Nachruf wird ihm ein „arbeitsames Leben“ bescheinigt. Der Malermeister und Gastwirt aus Leidenschaft hat Wipperfürth über mehr als 20 Jahre eine unverwechselbare Attraktion gegeben.