Abo

Rhein-Erft-Straßennamen in KölnBrühler Straße zwischen Historie und Aufbruch

4 min
Ein Blick in die Brühler Straße, gesäumt von Geschäften und Wohnhäusern.

Ein Blick in die Brühler Straße in Köln, gesäumt von Geschäften und Wohnhäusern.

Von Nonnen, Eiern und Industriegeschichte: Die rund zwei Kilometer lange Straße in Köln-Raderberg bietet überraschende Einblicke.

Dass viele Menschen aus dem Rhein-Erft-Kreis eine enge Beziehung zu Köln haben, ist ja nun hinlänglich bekannt. Die einen pendeln täglich in die Domstadt, weil sie dort arbeiten, andere verbringen dort ihre Freizeit – im Zoo, am Rhein oder genießen kulturelle Highlights in den Museen und Konzerthäusern. Und alle zwischen Wesseling und Bedburg drücken dem FC die Daumen. Ach ja, und ein gepflegtes Glas Kölsch schmeckt in Köln ohnehin am besten.

Auf ihren Wegen dorthin mag der eine oder andere über etwas Vertrautes stolpern: Straßenschilder, die die Namen von Städten aus dem Rhein-Erft-Kreis tragen. Acht Straßen in Köln verdanken ihnen ihren Namen, nur Bedburg und Erftstadt fehlen – immerhin aber gibt es die Liblarer Straße, die Lechenicher Straße oder den Köttinger Weg. Wir haben uns auf den Weg gemacht und geschaut, was sich hinter den Straßennamen verbirgt, wer dort lebt und arbeitet. Unser dritter Abstecher führt uns zur Brühler Straße nach Raderberg.

Frings verließ Münster, gab dort das Amt des Pfarrers freiwillig auf

Gackernd und gluckend versuchen vier Hühner alltäglich dahinterzukommen, wo der Eingang zu ihrem Stall ist, obwohl ihnen die Pforte ins Gehege bekannt sein sollte. „Strohdumm“, kommentiert Thomas Frings lachend, „jeden Tag ist es dasselbe, dass sie den Eingang nicht wiederfinden“. Aber immerhin sind er und seine Mitmieterinnen und Mitmieter mit frischen Eiern versorgt.

Frings, pensionierter Pfarrer, lebt in einem besonderen Haus auf einem besonderen Gelände. Mitten in Köln an der Brühler Straße im Stadtteil Raderberg, einem Teil von Rodenkirchen, wohnt er in einem Rektoratsgebäude auf einem Klostergelände, das ihm die Nonnen des Benediktinerinnen-Ordens vermieten. Und das in einer diversen und vielfältigen Hausgemeinschaft, die man auf einem Klostergelände kaum vermutet hätte. „Seit 2017 bin ich Mieter bei den Nonnen, davor war ich in Münster als Pfarrer tätig“, erzählt Frings, während er sein Fahrrad aus dem Hausflur holt. Frings verließ Münster, gab dort das Amt des Pfarrers freiwillig, aber nicht leichtfertig auf.

Ehemaliger Pfarrer und Mieter der Benediktinerinnen: Thomas Frings auf dem kleinen Balkon des Rektoratsgebäudes mit Blick auf das imposante Kloster und Kirchengebäude.

Ehemaliger Pfarrer und Mieter der Benediktinerinnen: Thomas Frings auf dem kleinen Balkon des Rektoratsgebäudes mit Blick auf das imposante Kloster und Kirchengebäude.

Nunmehr in Köln gestrandet, wurde Frings von den Benediktinerinnen aufgenommen. Obwohl er dem eigentlichen Dienst der Kirche vorerst den Rücken gekehrt hat, unterstützt er dennoch die Nonnen und übernimmt rund ein Viertel der Gottesdienste. Die Benediktinerinnen seien ein aufgeweckter Konvent, erzählt Frings. Es gebe eine Bibliothek, jede Schwester hat ihr eigenes Zimmer.

Das Gelände umfasst einen Garten mit Mirabellen, Zwetschgen, Heilkräutern. Es gibt „Klosterapfelsaft“ und Honigbienen, um die sich die imkernden Schwestern ebenso kümmern, wie um die, richtig gelesen, Kühe. Die in der Brühler Straße grasenden Kühe gehören einem Bauern aus der Eifel. Sie haben eine großzügige Wiese im Schatten des ehrwürdigen Backsteinbaus der Kirche und grasen hinter einer Mauer im Klostergarten, geschützt vor der öffentlichen Betriebsamkeit.

Im Tympanon des Portals des Benediktinerinnenklosters ist die Anbetung des Lammes dargestellt, eine Szene aus der Offenbarung des Johannes.

Im Tympanon des Portals des Benediktinerinnenklosters ist die Anbetung des Lammes dargestellt, eine Szene aus der Offenbarung des Johannes.

Die Ruhe inmitten der Großstadt kommt den Benediktinerinnen entgegen, die bewusst einfach leben, sich dem Glauben, Beten und Arbeiten widmen und in deren Zentrum die Nähe und Liebe Gottes steht.  Als um Punkt 17 Uhr die Glocken läuten, erklärt Thomas Frings: „Nun ist die Vesper. Die Glocke, die man hört, wird immer von einer Benediktinerin von Hand geläutet.“

Frings, Großneffe von Josef Kardinal Frings und Enkel von Heinrich Frings, lebt hier gerne. „Es ist ein in sich geschlossener, aber weltoffener Ort“, sagt er, bevor er übrige Kuchenreste des Besuchs den vier Hühnern gibt.

Zwischen Industriehöfen und Handwerksbetrieben lugen alte Backsteingemäuer hervor

Zurück auf der Brühler Straße wird man unweigerlich in den Trubel der Stadtwelt geworfen. Auf den rund 2175 Metern, die die Brühler Straße messen soll, bildet die klösterliche Ruhe eher eine Ausnahme. Denn was mit einer Baustelle und einem trostlosen neungeschossigen Bau beginnt, entlässt den Spaziergänger stadtauswärts mit der großen Militäranlage der Bundeswehr. Dazwischen wird gewohnt, es gibt einen Hundesalon, zwei Eisdielen, Pizzaläden, Kfz-Werkstätten, ein Yogastudio, Lidl.

Dennoch: Zwischen den Industriehöfen und Handwerksbetrieben lugen alte Backsteingemäuer hervor. Betritt man so manche Gewerbeareale, die heute von Chemie-, Öl- oder Kfz-Betrieben genutzt werden, staunt man nicht schlecht über die alten Industriefenster, die Verzierungen an den Gemäuern und die Patina, die nur die vorangeschrittene Zeit erschaffen kann. In dem Gebäude, wo heute ein Schmierölbetrieb ist, war laut einer Mitarbeiterin einst eine Schule.

Spuren der Vergangenheit: Die gewerblich genutzten Areale bergen alte Industrietüren und -fenster.

Spuren der Vergangenheit: Die gewerblich genutzten Areale bergen alte Industrietüren und -fenster.

Das 1873 erbaute Gebäude wurde im Krieg zu 95 Prozent zerstört. Übrig blieb allein ein Gebäudeteil, der ebenso hoch ist, dass man ihn von der Brühler Straße aus erspähen kann. So vermag man kaum zu glauben, dass es sich um die ehemalige katholische Schule Raderthal handeln muss, deren Schüler kein Geringerer als der Schriftsteller Heinrich Böll war.

Für dieses Areal sieht die Stadt Köln nun eine neue Bebauung vor, hauptsächlich, um neuen Wohnraum zu schaffen: Zwischen der Brühler Straße 210–212 und der Raderthaler Straße soll also bald ein neues Quartier entstehen, darunter rund 240 Wohnungen. Hinzu kommen sollen Gewerbeflächen, ein modernes Gesundheitszentrum, Grünflächen ebenso wie Raum für Kultur und Kreativität. Ob die alten Backsteingemäuer bleiben dürfen, ist dem Visualisierungsplan nicht genau zu entnehmen. Was bleibt, sind die gluckenden Klosterhühner ein paar hundert Meter weiter, die den Weg ins Gehege inzwischen gefunden haben.