Bedburg – Vera Eichner muss kräftig durchschnaufen. Sie beugt sich nach vorne, so, als würde ihr das silberne Kreuz an der Kette um ihren Hals zu schwer. Es fällt ihr nicht leicht, das alles, was ihr im Leben widerfahren ist, so hintereinanderweg zu erzählen, es sich in so geballter Form nochmals zu vergegenwärtigen. Da legt Andrea Wingerath ihre Hand auf das Bein der Freundin. „Ja, das waren schwere Zeiten“, sagen sie. Aus dem Schnaufen wird ein Durchatmen. Vera Eichner lehnt sich zurück. Das silberne Kreuz legt sich auf ihren Brustkorb. Gott hat ihre schwere Lasten auf die Schulter gelegt. Aber er hat ihr auch Andrea Wingerath zur Seite gestellt. Die half ihr tragen.
Sie fanden sich unter 400 Menschen. Es war der erste Berufsschultag. Unter all den angehenden Friseurinnen trafen sich ihre Blicke. „Wir hatten das Gefühl, dass wir uns kennen.“ Sie kamen in eine Klasse. Das bisschen Freizeit, dass ihnen die Ausbildung ließ, verbrachten sie gerne zusammen. Doch ihre Freundschaft fiel ihnen nicht wie eine reife Frucht in den Schoß. Sie mussten sich immer bemühen. „Unsere Freundschaft musste sich durchsetzen“, sagen Andrea Wingerath und Vera Eichner.
Ihre ersten Freunde beäugten die Verbindung durchaus etwas argwöhnisch. Und in der Tat ruhte die Freundschaft auch mal für einige Zeit – einfach so. Doch das wurde durch einen Brief von Vera aus dem Urlaub dann wieder gerade gerückt.
Auch mal unterschiedlicher Meinung
Da war die Geschichte mit dem Polterabend schon schwerer aus der Welt zu schaffen. „Ich hatte mir den falschen Tag notiert“, sagt Andrea Wingerath. „Sie war tatsächlich nicht bei meinem Polterabend“, ist Vera Eichner heute noch entsetzt. Überhaupt, sie hätten durchaus auch mal unterschiedliche Meinungen. Bei der Kindererziehung verfolgten sie nicht immer die gleichen Ansätze. Modefragen werden schon mal kontrovers diskutiert. Aber das müsse unter Freunden gehen. „So wurde unsere Freundschaft über die Jahre nur immer mehr gefestigt“, sagt Andrea Wingerath.
1995 ging es los. Da wurde Vera Eichner die erste schwere Last auf die Schultern gelegt. Krebs. 2004 wurde es noch schwerer. Dieselbe Diagnose an anderer Stelle. 2007 dann schon wieder Krebs. Unerträglich wurde die Last, als wenige Jahre später noch ein familiärer Schicksalsschlag dazukam. „Andrea war immer für mich da, sie hat meine Kinder aufgefangen, sie hat ihre eigene Familie hintangestellt“, sagt Vera Eichner.
Und dennoch, irgendwann einmal machte das alles auch nicht mehr vor ihrer Freundschaft halt, schien auch ihre Beziehung daran zu zerbrechen. „Ich weiß nicht mehr, was mit mir los war. Medikamente können einen Menschen ja auch verändern. Und irgendwie dachte ich, da muss ich jetzt alleine durch. Ich wurde eiskalt“, sucht Vera Eichner nach einer Erklärung. „Unsere Freundschaft wurde auf eine harte Probe gestellt“, sagt Andrea Wingerath. Jetzt schnauft sie durch.
Wie ein Feuer in der Brust
Es muss ein gespenstisches Gespräch gewesen sein. Das mit der Freundschaft wolle sie so nicht mehr, das werde ihr alles zu viel, knallte ihr Vera damals an den Kopf. Noch heute wirkt Andrea Wingerath wie unter Schock, lässt sie die Ereignisse von damals Revue passieren. „Ich habe sehr darunter gelitten. Das brannte wie ein Feuer in meiner Brust.“, sagt sie leise. „Wie sollte ich darauf reagieren?“ Sie zog sich zurück – und wartete ab.
Es brauchte seine Zeit. Irgendwann fand Vera Eichner wieder aus ihrem Loch heraus. Langsam näherten sich die beiden Frauen wieder an. Die tiefen Wunden begannen zu heilen.
Doris Day. Vor allem in ihren Screwball-Komödien meisterte sie jede Hürde mit Charme, Witz und Bravour. Widerstände lächelte sie weg. Ihr „Que sera, sera“ lässt manche Last leichter erscheinen. Doris Day ist ein Lieblingsstar von Vera Eichner. „Ich habe ihr einen Brief geschrieben“, sagt Andrea Wingerath. Sie hat es tatsächlich getan. Sie hat dem Hollywood-Star geschrieben, dass ihre Freundin sie über alles verehrt, dass sie schwere Zeiten durchlebt habe und sie so gerne einmal treffen würde. Die Antwort ließ auf sich warten. Andrea Wingerath befürchtete, es würde bis zum 45. Geburtstag von Vera nicht mehr klappen. Dann kam das Antwortschreiben, gerade noch rechtzeitig. Fans empfange sie leider nicht mehr, schrieb das Büro von Doris Day. Aber es lag ein wunderschönes Bild des Hollywood-Stars bei – mit persönlicher Widmung.
Noch heute, drei Jahre später, schaut sie das Bild immer wieder ungläubig an. Voller Stolz präsentiert Vera Eichner das Geschenk ihrer Freundin für den Fotografen. Aber es ist nicht einfach, die richtige Position zu finden. Immer wieder reflektiert das Kreuz an ihrer Halskette das Sonnenlicht.
