Diplom-Psychologin Barbara Seybold bietet in Lechenich ein präventives Gruppenangebot für psychisch belastete Jugendliche an.
Psychische BelastungDamit haben Kinder und Jugendliche in Erftstadt besonders zu kämpfen

Diplom-Psychologin Barbara Seybold hat eine Praxis für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in Lechenich.
Copyright: Eva-Maria Zumbé
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Barbara Seybold bietet in ihrer Praxis an der Bonner Straße 58 in Lechenich „#gemeinsamstark“ an, ein Gruppenangebot für psychisch belastete Jugendliche. Eva-Maria Zumbé sprach mit der Diplom-Psychologin über das Angebot, psychische Belastungen bei Kindern und Jugendlichen und Herausforderungen für Therapeutinnen und Therapeuten.
Frau Seybold, mit welchen psychischen Belastungen haben Kinder und Jugendliche derzeit am häufigsten zu kämpfen?
Barbara Seybold: Grundsätzlich gibt es viele verschiedene Belastungsfaktoren wie familiäre Probleme, schulische Schwierigkeiten oder eine unzureichende Integration in die Gruppe der Gleichaltrigen bis hin zu Mobbing. Die Kinder und Jugendlichen wurden außerdem mit der Coronapandemie und ihren Folgen konfrontiert. Zudem sind die Kriege in verschiedenen Teilen der Welt, die damit verbundenen Nachrichten und die spürbaren gesellschaftlichen Veränderungen wie der Klimawandel eine Belastung für viele. Auch ein zu hoher oder inadäquater Medienkonsum kann zu psychischen Belastungen führen. Viele leiden auch unter dem finanziellen Druck, unter dem ihre Eltern stehen.
In unserer Region kommt zudem die Flutkatastrophe 2021 hinzu, deren Folgen Kinder und Jugendliche weiterhin belasten. Ich habe eine Ermächtigung inne, von der Flutkatastrophe betroffene gesetzlich Versicherte zu behandeln, was ich vorrangig tue. Etwa die Hälfte meiner Patientinnen und Patienten kommt im Zusammenhang mit der Flutkatastrophe zu mir.
Das Angebot „#gemeinsamstark“ richtet sich bewusst an Kinder und Jugendliche ohne diagnostizierte Erkrankung. Warum?
Zahlreiche Studien zeigen eine Zunahme der psychischen Belastung von Kindern und Jugendlichen. Bei „#gemeinsamstark“ handelt es sich um ein Präventionsangebot. Das bedeutet, dass bereits bei erhöhter psychischer Belastung – wie häufiger Traurigkeit, starken Sorgen oder viel Stress – gehandelt wird, bevor das Vollbild einer psychischen Erkrankung entsteht. So wissen wir aus Untersuchungen, dass etwa drei Viertel aller psychischen Störungen bereits im Kindes- und Jugendalter beginnen. Ziel ist es deshalb, frühzeitig bei psychischer Belastung einzugreifen, um psychischen Störungen vorzubeugen und die jungen Menschen in ihrer psychischen Gesundheit zu stärken.
Warum wollten Sie das Angebot „#gemeinsamstark“ in Ihrer Praxis umsetzen?
Mithilfe von „#gemeinsamstark“ besteht die Möglichkeit für junge Menschen, bei erhöhter psychischer Belastung – und nicht erst, wenn sie erkrankt sind – leicht zugänglich und anonym gegenüber der Krankenkasse eine kostenlose professionelle Unterstützung zu erhalten und sich im geschützten Rahmen mit Gleichaltrigen auszutauschen. Als ich von dem Angebot der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein erfuhr, war für mich klar, dass ich bei dem Angebot aktiv mitwirken möchte: Es ist mir eine Herzensangelegenheit, junge Menschen hinsichtlich ihrer mentalen Gesundheit zu unterstützen und dazu beizutragen, psychischen Störungen vorzubeugen. Dazu sehe ich spezifische Präventionsangebote als grundlegend an.
Welche Rolle spielt der Austausch in der Gruppe?
Die Kinder und Jugendlichen erleben miteinander Zusammenhalt und können voneinander lernen. Sie machen im geschützten Rahmen die Erfahrung, akzeptiert zu werden und können sich als selbstwirksam erleben, weil sie andere mit Tipps und Erfahrungen unterstützen können. Ihnen wird im geschützten Rahmen häufig bewusst, dass sie mit ihren Belastungen und Problemen nicht allein sind. Das wirkt entlastend und ermutigt sie, sich auch im Alltag mitzuteilen und Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Welche Strategien lernen die Jugendlichen, um besser mit ihren Belastungen umgehen zu können?
Es geht darum, eigene Gefühle, Gedanken und Bedürfnisse genauer kennenzulernen und zu verstehen. Gemeinsam werden dann verschiedene Strategien zum Umgang mit starken Gefühlen und Gedanken sowie zur Problemlösung entwickelt und ausgebaut, etwa: „Was kann ich machen, wenn ich nicht aufhören kann zu grübeln?“ Jugendliche setzen – genau wie Erwachsene – nicht immer Verhaltensweisen ein, die tatsächlich helfen, ihre Bedürfnisse zu erfüllen, ihr Wohlbefinden zu verbessern und ihre Probleme zu lösen.
Ziel ist, dass die Jugendlichen erleben, Herausforderungen durch ihre Fähigkeiten und ihr Handeln erfolgreich zu meistern, und ein besseres Verständnis dafür entwickeln, was ihnen guttut und was nicht. Gemeinsam gehen wir auch auf individuelle Probleme ein. Zum Beispiel können selbstunsichere Jugendliche im geschützten Rahmen selbstsicheres Verhalten üben, indem sie einen kleinen Vortrag halten und Feedback bekommen.
Wo sehen Sie aktuell die größten Lücken in der psychotherapeutischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen?
Die Versorgungslage ist weiter angespannt, was bedeutet, dass Kinder und Jugendliche häufig viele Monate auf einen Psychotherapieplatz warten. Dabei besteht natürlich ein großes Risiko, dass während der Wartezeit die Probleme weiter zunehmen. In meiner Praxis und auch in den kinder- und jugendlichenpsychotherapeutischen Praxen, mit denen ich im Austausch stehe, ist eine Wartezeit von sechs bis zwölf Monaten auf einen ambulanten Therapieplatz die Regel.
Wo liegen die größten Herausforderungen für die Therapeutinnen und Therapeuten?
Die größte Herausforderung ist aktuell die gesundheitspolitische Entwicklung. Der Erweiterte Bewertungsausschuss hat auf Betreiben der gesetzlichen Krankenkassen die Vergütung der ambulanten Psychotherapie zum 1. April 2026 um 4,5 Prozent gesenkt. Dies begründet der GKV-Spitzenverband damit, dass Psychotherapeutinnen und -therapeuten seit 2013 eine übermäßige Honorarsteigerung erhalten hätten. Diese Honorarsteigerung wurde jedoch gerichtlich erstritten, da vorher eine Untervergütung bestand. Auch nach Steigerungen und vor der nun beschlossenen Kürzung bildeten Psychotherapeutinnen und -therapeuten mit Abstand das Schlusslicht unter den ambulant tätigen Facharztgruppen. Das stellen die Krankenkassen häufig anders dar.
Die Psychotherapieausbildung ist sehr teuer, für die Übernahme eines Kassensitzes muss in der Regel viel Geld gezahlt werden und die laufenden Kosten reduzieren sich nicht. Die Kürzungen um 4,5 Prozent sind daher sehr bedrohlich. Kurzfristig kann dies dazu führen, dass Psychotherapeutinnen und -therapeuten mit Kassensitz weniger Psychotherapieplätze für gesetzlich Versicherte bereitstellen können. Weitere geplante Veränderungen wie die Budgetierung werden die Versorgungslage zusätzlich verschlechtern. Wäre dann ein festgelegtes Budget ausgeschöpft, würde Mehrarbeit nicht mehr vergütet. Das würde die bereits angespannte Versorgung psychisch erkrankter Kinder, Jugendlicher und Erwachsener trotz steigender Krankenkassenbeiträge weiter verschlechtern.
Das Angebot
Das Gruppenangebot „#gemeinsamstark“ der KV Nordrhein richtet sich an Kinder und Jugendliche von sechs bis 18 Jahren. Barbara Seybold betreut eine Gruppe von bis zu acht 15- bis 18-Jährigen. Die Teilnehmenden können bis zu zehn Gruppensitzungen wahrnehmen. Kontakt unter 02235/9543444, per E-Mail und hier. Alle Anbietenden des Angebots finden Interessierte hier. (eva)
https://www.kvno.de/praxis/praxismanagement/gemeinsamstark
kontakt@psychotherapie-seybold.de
https://www.psychotherapie-seybold.de/
