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„Zwei Frauen, ein Dönermesser“Darum wurde der Imbiss „Frechener Grill“ bundesweit bekannt

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Auf dem Bild sind vier Frauen vor einem großen Foto eines Döner-Spießes zu sehen.

Victoria Jung, Songül und Berivan Kilic und Nina Hermann (v.l.), die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Frechen, bei der Ausstellung.

Seit 35 Jahren steht Songül Kilic an der Hauptstraße 26 hinter der Theke.  Tochter Berivan thematisiert die Familiengeschichte in einer Ausstellung.

Hinter der Theke dreht sich der Spieß, in der Auslage liegen Salat und Gemüse, dazu die bekannten Saucen. Auf einer alten Tafel sind die Gerichte notiert, im Kühlschrank stapeln sich Ayran und Softdrinks. Auf den ersten Blick wirkt der Frechener Grill wie ein ganz normaler Dönerimbiss.

Doch seit einiger Zeit sieht man, dass hier mehr passiert als nur der Verkauf von Döner und Pommes: An den Wänden hängen Fotografien aus dem Alltag im Laden, daneben ein Vorhang aus synthetischem Stoff mit Dönerspießen. Bedruckte LKW-Planen zeigen ein Porträts von Berivan Kilic und ihrer Mutter. Auf vielen Bildern ist Songül Kilic bei der Arbeit zu sehen, neben ihr ihre Tochter, die sie unterstützt.

Postkarten mit Fotos aus der Familiengeschichte auf dem Tresen

Auf dem Tresen liegen Postkarten mit Fotos aus der Familiengeschichte. An der Wand hängen Döner-Papiertaschen mit dem bekannten Döner-Kebab-Logo. Doch statt dem klassischen Dönerverkäufer sieht man ihre Mutter am Spieß stehen. Sie alle gehören zu der Kunstausstellung „Zwei Frauen. Ein Dönermesser“, die Berivan Kilic gemeinsam mit der Fotografin Victoria Jung im September ins Leben gerufen hat und die aktuell in dem Imibss zu sehen ist.

Auf dem Bild ist eine Dönertüte zu sehen.

Zur Ausstellung gehören auch Dönertüten mit dem Porträt von Songül Kilic.

Die Planung dauerte nur wenige Tage. „Das war sehr spontan“, sagt die 31-Jährige. Den Familienbetrieb gibt es seit Mai 1990. Seitdem steht Songül Kilic fast jeden Tag im Laden. Als sie anfing, war Döner in Deutschland noch weitgehend unbekannt. Eigentlich wollte sie einmal Kindergärtnerin werden, doch das Leben führte sie an den Grill. Daneben führt sie das Team und gelegentlich backt sie auch noch Desserts. Ihr Mann Aydin, mit dem sie seit 40 Jahren verheiratet ist, kümmert sich hinter den Kulissen um das Fleisch am Spieß. Das wird noch selbst Schicht für Schicht vorbereitet.

Auf dem Bild ist eine Mutter mit ihrem erwachsenen Sohn vor zwei Dönerspießen zu sehen.

Songül Kilic mit ihrem Sohn Cem hinter der Theke des Frechener Grill.

„Ohne sie funktioniert hier nichts“, sagt ihre Tochter Berivan über ihre Mutter. Sie hat einen Master in Politikwissenschaft und arbeitet heute als Referentin für Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit bei einer Bildungsinitiative in Hanau. Ihr Studium führte sie nach Duisburg, Paris und Washington. „Meine Mutter hat mich dabei immer empowered“, sagt sie.

Früher schämte sie sich für den Beruf ihrer Eltern, ein Foto von ihr im Eingangsbereich sollte ihre Mutter damals abhängen. Auch der 39-jährige Sohn Cem arbeitet im Familienbetrieb mit hinter der Theke. Für die Ausstellung hat Berivan die gemeinsame Geschichte aufgeschrieben – ihre Sicht auf die Arbeit in einer überwiegend männlich geprägten Branche. Für sie ist die Arbeit ihrer Mutter eine Form von feministischer Widerstandspraxis.

Frechen: Die Reaktionen auf die Ausstellung haben Mutter und Tochter überwältigt

In ihrem Text geht es auch um die Einwanderungsgeschichte der Familie, die aus kurdischen Provinz Dersim in Ostanatolien stammt, und um die Chancen, die sie im Unterschied zu ihrer Mutter hatte. Die Fotografien dazu steuerte Victoria Jung bei. Aus Text und Bildern entstand die Idee, den Dönerladen selbst in einen Ausstellungsraum zu verwandeln. So schafft sie es, dass Kundinnen und Kunden einen ganz neuen Blick auf die Arbeit vor dem Dönerspieß werfen.

Die Reaktionen haben Mutter und Tochter überwältigt. „Ich dachte am Anfang, das ist vielleicht gute Werbung, aber es war so viel mehr“, sagt Songül Kilic. „Ich wusste gar nicht, dass meine Arbeit so wertgeschätzt wird.“ Plötzlich kamen Leute aus anderen Städten. „Alle waren wirklich gerührt“, erzählt Berivan Kilic.

Stammkunden des Döner-Imbisses hatten Tränen in den Augen

Stammkundinnen und Stammkunden hatten teilweise Tränen in den Augen beim Lesen der Geschichte, manche brachten Blumen, die heute im Laden stehen. Viele suchen das Gespräch mit Songül Kilic. Das Interesse an den beiden Frauen im Dönerladen blieb nicht lokal begrenzt. Das ARD-Morgenmagazin berichtete, der Account der „Tagesschau“ verbreitete den Beitrag bei Instagram weiter.

Auch überregionale Medien griffen die Geschichte auf, und das Jugend- und Kulturfestival „PopUp“ der Stadt Frechen nahm die Ausstellung ins Programm auf. Der Erfolg der Ausstellung zeigt, dass sich auch im Alltag und hinter auf den ersten Blick vielleicht gewöhnlichen Berufen und Menschen, Geschichten befinden, die es sich zu erzählen lohnt.

Eigentlich sollte alles zum Jahresende beendet sein. Doch nun hängt die Ausstellung auch im Januar noch an den Wänden. Eine Fortsetzung ist bereits geplant. „Wir haben die Wände – die wollen wir auch bespielen“, sagt Berivan Kilic und lächelt. Was genau kommen soll, will sie noch nicht verraten. Nur eines hat sich schon geändert: Ihr Kinderfoto hängt inzwischen wieder im Laden.