NotunterkunftFrechener Familie soll Wohnung nach 30 Jahren verlassen

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Die Notunterkünfte sollen geräumt werden. Irmgard Sibilis, hier mit Tochter Petra und Sohn Peter, fürchtet um ihr Zuhause.

Die Notunterkünfte sollen geräumt werden. Irmgard Sibilis, hier mit Tochter Petra und Sohn Peter, fürchtet um ihr Zuhause.

  • Seit 30 Jahren wohnt Irmgard Sibilis in einem Haus am Rosmarweg in Frechen. Nun soll sie ausziehen.
  • Die Stadt plant dort eine Unterkunft für 500 Flüchtlinge.
  • Ein Stadtsprecher macht der Familie nun aber ein wenig Hoffnung.

Frechen-Grube Carl – Irmgard Sibilis sitzt in ihrem Sessel im Wohnzimmer. Die 87-Jährige hat schon viel Leid erlebt. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war sie gerade 16. Viel zu früh musste sie damals erwachsen werden.

Auch später trafen sie immer wieder Schicksalsschläge: Vor acht Jahren starb einer ihrer Söhne bei einem Arbeitsunfall. Und erst vor sechs Wochen trug sie ihren Ehemann Horst zu Grabe, mit dem sie mehr als 50 Jahre verheiratet war.

Und was ihr nun wohl bevorsteht, treibt ihr wieder die Tränen in die Augen. Von der Stadt hat sie – für sie völlig überraschend – einen Brief bekommen, dass sie ihr Zuhause demnächst zu verlassen habe.

Seit 30 Jahren wohnt sie in dem Haus am Rosmarweg 231. Damals hatte die Caritas dieses und eine Reihe weiterer Gebäude abseits der zu dieser Zeit noch existierenden Brikettfabrik Grube Carl als Notunterkunft errichten lassen.

Drei von Irmgard Sibilis’ Söhnen halfen bei dem Hausbau mit. Nach dessen Fertigstellung durfte die achtköpfige Familie dort einziehen und die vier Schlafzimmer, die Küche, das Wohnzimmer und die zwei Bäder bewohnen. Nach dem Tod des Vaters leben jetzt nur noch der 45-jährige Sohn Peter und seine Mutter dort.

Kündigung im besten Amtsdeutsch

In dem Brief, den die Sibilis’ bereits Mitte Februar vom Sozialamt bekommen haben, kündigt die Stadt in bestem Amtsdeutsch „den Widerruf Ihrer Einweisung in die Notunterkunft“ an. Mit anderen Worten: Irmgard und Peter Sibilis sollen zu einem noch nicht näher benannten Termin das Haus räumen und sich nun eine neue Bleibe suchen. „Ich werde Ihnen in den nächsten [sic!] eine Wohnung anbieten“, heißt es in dem Schreiben. Ob dieses Angebot in Tagen, Wochen oder vielleicht erst Monaten zu erwarten ist, bleibt offen.

„Doch wo soll meine Mutter denn hin?“, fragt Sohn Peter. Treppensteigen könne sie nicht mehr, vielmehr ist sie auch bei ebenerdigen Strecken auf eine Gehhilfe angewiesen. „Wir bezahlen hier nur eine Nutzungsgebühr von 120 Euro, damit kommen wir gerade so hin“, sagt der 45-Jährige. Seine Mutter bekomme nur eine kleine Rente, er selbst beziehe seit etwa einem halben Jahr Krankengeld.

Die Ärzte hätten bei ihm im vergangenen Jahr eine lebensbedrohliche Erkrankung diagnostiziert. Eine reguläre Miete könnten sich die beiden nicht leisten. Zudem müsse seine Mutter rund um die Uhr betreut werden.

Das gehe nur, weil seine Schwester Petra mit ihrer Familie in unmittelbarer Nachbarschaft wohne, in einem neueren Acht-Familien-Haus. So können sich die beiden abwechseln. Während Peter Sibilis arbeitet oder, wie zuletzt, zur Behandlung in der Klinik ist, passt die Schwester auf die Mutter auf.

Wohnraum für 500 Flüchtlinge geplant

Die Notunterkünfte sollen geräumt werden. Irmgard Sibilis, hier mit Tochter Petra und Sohn Peter, fürchtet um ihr Zuhause.

Die Notunterkünfte sollen geräumt werden. Irmgard Sibilis, hier mit Tochter Petra und Sohn Peter, fürchtet um ihr Zuhause.

Vor zwei Jahren konnten die Eltern noch goldene Hochzeit feiern. Damals sei Bürgermeister Hans Willi Meier zum Gratulieren vorbeigekommen und habe bei der Gelegenheit versprochen, dass die Familie sich keine Sorgen machen müsse: In den nächsten fünf bis zehn Jahren müssten sie hier nicht weg, soll der Verwaltungschef versichert haben. „Aber das haben wir natürlich nicht schriftlich“, sagt Peter Sibilis und schaut resigniert ins Leere.

Allerdings konnte der damalige Bürgermeister auch noch nicht absehen, dass die Verwaltung kurz darauf händeringend nach Unterbringungsmöglichkeiten für Flüchtlinge würde suchen müssen. Auf dem Gelände am Rosmarweg, wo in den alten Notunterkünften nach Auskunft der Stadt zurzeit noch sieben Menschen leben, soll durch Abriss und Neubau Wohnraum für rund 500 Flüchtlinge entstehen. So hat es der Stadtrat in seiner Sondersitzung am 8. März beschlossen.

Keine Antwort vom Bürgermeister

In einem Antwortschreiben hatte sich Familie Sibilis vor über einem Monat an Bürgermeisterin Susanne Stupp gewandt und um Hilfe gebeten. „Doch wir haben nie eine Antwort erhalten“, sagt Peter Sibilis enttäuscht. Auch habe es das „persönliche Gespräch vor Ort“, von dem in dem städtischen Ankündigungsbrief die Rede ist, nie gegeben. Auf Anfrage dieser Zeitung allerdings macht Stadtsprecher Thorsten Friedmann der Familie ein wenig Hoffnung, weiterhin in der Nähe wohnen zu können: „Die Leute müssen sich darauf einstellen, dass sie zumindest auf dem Gelände umziehen müssen.“

Die Pläne

Seit mehr als 30 Jahren stehen die Notunterkünfte am Rosmarweg. Familien wohnen dort zum Teil schon in der dritten Generation. Mitte 2014 wurden dort bereits erste Container für Asylbewerber aufgestellt. Die GWG will im Auftrag der Stadt die alten Häuser abreißen und Platz für rund 500 Flüchtlinge schaffen. Sieben heutige Bewohner müssen dazu umgesiedelt werden.

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