Erftstadt-Lechenich – Es war ein Zufallsfund vom Dachboden, der Torsten Junker 2002 nach dem Tod seines Großvaters in die Hände fiel. Otto Junker, ein begeisterter Amateurfilmer, hatte mit Theo Minten in den Jahren 1965 bis 1969 das Alltagsleben in Lechenich und den Orten Ahrem, Herrig, Blessem, Konradsheim, Erp, Dorweiler und Pingsdorf mit der Kamera beobachtet.
Das Filmfragment war über die Jahre in Vergessenheit geraten, jetzt erlebte es „als einzigartiges Zeitzeugnis“ in einer Neubearbeitung unter dem Titel „Lechenich auf 8 mm – Erinnerungen an die 60er Jahre“ in der Aula des Gymnasiums Lechenich seine Premiere. Der Andrang war riesig, schließlich handelte es sich um „ein Projekt, das seinesgleichen sucht“, wie Bürgermeister Volker Erner stolz konstatierte. Otto Junker, der am Lechenicher Markt ein Geschäft für Gardinen und Bekleidung führte, war in der Politik und in verschiedenen Vereinen aktiv; Bäckermeister Theo Minten engagierte sich im Männergesangverein und in der Narrenzunft. Die beiden Insider sollten zum 150-jährigen Bestehen des Kreises Euskirchen 1966 einen Kulturfilm drehen, der die Stadt und das Amt Lechenich vorstellt. Junker und Minten fuhren in einem roten Ford Taunus umher, der im Film zu sehen ist. Da beide reine Hobbyfilmer waren, zogen sich die Arbeiten aber über Jahre hin. Das Projekt „Kulturfilm Lechenich“ wurde schließlich abgebrochen, und die Filmrollen verschwanden in der Versenkung.
Als Torsten Junker, der als Regieassistent arbeitet, das Material 2008 digitalisierte, erkannte er den kulturhistorischen Wert der Aufnahmen. Zu sehen sind Bilder einer ländlich geprägten Gegend, aber auch Impressionen aus Neubaugebieten; Menschen bei der Arbeit und beim Feiern, Kinderspiele und Straßenszenen.
Im Landschaftsverband Rheinland fand die Stadt einen Partner, der das Kaleidoskop von Geschichten und Erinnerungen an eine vergangene Zeit neu bearbeitet und ergänzt hat. Regisseurin Andrea Graf hat Kontakt zu Protagonisten und Zeitzeugen aufgenommen, die die Filmaufnahmen zeitlich einordnen, kommentieren und vom Wandel in der Region berichten. Mittels der Splitscreen-Technik sieht man parallel das historische Material und die Interviewten, die sich lebhaft an das Lebensgefühl jener Jahre erinnern. „Man sieht unglaublich viel in dem Film –Autos, Technik, Mode und anderes mehr,“ begeistert sich Eckhard Bolenz, Leiter des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte, der das Projekt mit der Volkskundlerin Dagmar Hänel betreut hat.
Die 92-jährige Landwirtin Margarete Jüssen ruft den Zuschauern die maschinelle Revolution in der Landwirtschaft in Erinnerung und erzählt von der Erper Dorfkneipe, die von der Familie ihres Mannes betrieben wurde.
Architekt Engelbert Zepp gibt Auskunft über bauliche Veränderungen, denn Lechenich war schon in den 1960er-Jahren bevorzugtes Wohngebiet für Pendler. Heinz Schnitzler und Heinz Mörs erinnern sich an goldene Zeiten des MGV. Hugo Schwärtzel spricht über die Schützen; Katharina Filz berichtet von ihrer Zeit als Kindergärtnerin in Ahrem. Heinz Küpper äußert sich zum politischen und strukturellen Wandel.
Der Film „Lechenich auf 8 mm – Erinnerungen an die 60er Jahre“ ist für 12 Euro beim LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte, Endenicher Straße 133, in 53115 Bonn erhältlich. Informationen unter 0228/98340.