Vor seinem Auftritt beim Festival im Stadion spricht der Musiker und Entertainer über Musik, Liebe und darüber, was ihn mit Hürth verbindet.
„Mir ist selten was peinlich“Guildo Horn will bei der „Kölschen Nacht“ in Hürth abräumen

Für schrille Kostüme und eine spektakuläre Bühnenpräsenz ist Guildo Horn bekannt, hier beim Auftritt bei der Bierbörse in Leverkusen.
Copyright: Dominik Scholz
Guildo Horn ist für schrille Kostüme, exaltierte Auftritte und ironische Neuinterpretationen deutscher Schlager bekannt. Den Durchbruch feierten er und seine Combo „Die Orthopädischen Strümpfe“ beim ESC 1998 in Birmingham mit dem deutschen Beitrag „Guildo hat euch lieb“. Andreas Engels befragte den Musiker, Entertainer und Musiktherapeuten vor seinem Auftritt bei der Kölschen Nacht am Samstag (5. September) im Stadion Alt-Hürth.
Herr Horn, Sie treten mit den „Orthopädischen Strümpfen“ bei der Kölschen Nacht auf und haben auch 2018 schon beim Stadtfest die Bühne gerockt. Was verbinden Sie mit Hürth?
Guildo Horn: Teile meiner geliebten Familie wohnen in Wurfnähe. Ich war vergangene Woche noch im Hürther Kino und hab mich bei einem cineastischen Leckerchen maßlos an Popcorn überfuttert.
Welchen Film haben Sie gesehen?
„Die Odyssee“. Das war wirklich der größte Schwachsinn, den ich seit langer Zeit irgendwie gesehen habe. Aber das Kino war richtig klasse und das Popcorn sehr lecker.
Durch die Hornbrille betrachtet ist Musik dazu da, Menschen zu verbinden, nicht sie zu trennen
Was darf das Publikum von Ihrem Auftritt erwarten? Werden Sie auf Geländer klettern oder von der Bühne springen?
Das weiß man vorher einfach nicht. Ich bin wie ein alter Zirkusgaul, den ab und an der Hafer sticht, und dann geht’s mit mir durch. Ich lasse mich gerne selbst von mir überraschen.
Sie kommen aus Trier. Wie kommt es eigentlich, dass Sie für viele zum Inbegriff einer rheinischen Frohnatur geworden sind?
Das wusste ich noch gar nicht, nehme es aber dankend an. Bei allem, was ich tue, stehen die Lebensfreude, Neugier und Hingabe im Vordergrund. Ich mache mir keinen großen Stress und handle weitestgehend nach dem Lustprinzip. Zu gut Deutsch: Ich tue nur das, was ich will. Das ist nicht immer einfach, aber ich habe über die Jahre gemerkt: Ich kann nicht anders. Für mich ist Musik Musik, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Beim Musikmachen sollte das Geschäft nicht im Vordergrund stehen. Man lebt für den Moment. Vielleicht ist das ja das Rheinländische in mir?
Bei der Kölschen Nacht treten vor allem kölsche Bands auf. Wie „kölsch“ sind Sie und die „Orthopädischen Strümpfe“?
Ich bin 1997 von Trier nach Köln gezogen und wohne seit nunmehr 26 Jahren im Bergischen. Tief in mir bin und bleibe ich Trierer, aber hier will ich nie wieder weg. Ich fühle mich hier im Rheinland verwurzelt. Was meine Combo angeht: Wir sind vor allem eines: Orthopädisch und verstehen uns als Liebesbotschafter. Die Sprache der Liebe gilt für alle Menschen.
Haben Sie beim Catering hinter der Bühne Nussecken oder Halven Hahn bestellt?
Wie auch im Leben bin ich kulinarisch höchst flexibel. Mal vegetarisch, mal Steak versessen. Die Abwechslung macht's spannend: Also bestelle ich mir: ne Halve Nussecke mit Hahn in Kölschsoße an ner Flönz. Gärtnerinnenart.
„Guildo hat euch lieb“ und „piep, piep, piep“ kennt man auch fast 30 Jahre nach ihrem ESC-Auftritt noch. Nervt es manchmal, immer wieder darauf angesprochen zu werden, oder macht sie das eher stolz?
Fast jeder Mensch weiß mir genau zu berichten, was er oder sie am Abend meines Birmingham-Auftritts gemacht hat. Das finde ich unglaublich und es freut mich sehr, so eine Duftmarke gesetzt zu haben. Den Begriff „Stolz“ finde ich immer seltsam. Das ist mir zu eitel und Eitelkeit kommt kurz vor doof. Ich weiß übrigens auch noch, was ich an diesem Abend in Birmingham gemacht habe.
Ihr schriller Auftritt beim ESC 1998 ist in Erinnerung geblieben. Könnte Guildo Horn dort heute noch provozieren?
Glaubt es oder nicht: Ich wollte noch nie provozieren. Ich bin einfach so. Es geht auch nicht darum, unbedingt auffallen zu wollen, das ist mir zu platt. Ich möchte schlichtweg jeden Driss machen dürfen, der mir gerade durchs Hirn saust. Deshalb: Ob das heute noch provoziert, interessiert mich eigentlich nicht.

Grüner Anzug, breite Krawatte und 70er-Jahre-Möbel: Guildo Horn spielt mit Retro-Klischees.
Copyright: dsa musikproduktion gmbh/Michael Claushallmann
Gibt es auf der Bühne Dinge, die Sie früher gemacht hätten, die Ihnen heute aber peinlich wären?
Nö. Ich kann gut über mich selbst lachen, also ist mir selten was peinlich. Zum Leidwesen meiner Kinder: eigentlich nie.
Sie sind nicht nur Entertainer, sondern ausgebildeter Pädagoge und Musiktherapeut und haben mit Menschen mit Behinderung gearbeitet. Wie stark prägt diese Erfahrung die Bühnenfigur Guildo Horn?
Ohne meine Arbeit als Musiklehrer für und mit geistig und mehrfachbehinderten Erwachsenen hätte es die Bühnenfigur Guildo Horn in dieser Art wohl nie gegeben. Ich habe so viel von diesen höchst Individualisten lernen dürfen: den Augenblick genießen. Musizieren ohne Kopfkino, nur mit Bauch. Sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Sich nicht ständig selbst reflektieren und nicht ständig hinterfragen, was andere von einem denken. Deshalb nenne ich diese Personengruppe dankend: „Die Guildomacher!“
Heute werden gesellschaftliche Debatten oft ziemlich verbissen geführt. Unterschätzen wir die Bedeutung von gemeinsamem Feiern, Albernsein und Singen?
Durch die Hornbrille betrachtet ist Musik dazu da, Menschen zu verbinden, nicht sie zu trennen. Die „Orthopädischen Strümpfe“ musizieren feinste Schlagermusik für Hörer aller Fachbereiche, denn gemeinsam feiern und lachen verbindet. Während der Corona-Epidemie habe ich den damaligen Kanzlerkandidaten der CDU, Herrn Laschet, im TV verkünden hören: „Jetzt schalten wir mal den Freizeitbereich ab“, so, als wären wir eine Maschine. Der grundgute Herr hatte leider nicht verstanden, dass wir, die Kulturschaffenden, der Kitt sind, der unsere Gesellschaft zusammenhält.
Was muss passieren, damit Sie nach der Kölschen Nacht sagen: Hürth hat mich lieb?
Das wird ein fantastischer Abend. Da bin ich mir sicher. Die „Orthopädischen Strümpfe“ scharren mit den Hufen und wollen abliefern.
Das Programm
Die Kölsche Nacht der Funken Rot-Weiß Gleuel findet am Samstag, 5. September, von 14.30 bis 22 Uhr erstmals im Stadion in Alt-Hürth statt. Mit dabei sind bei der 28. Auflage des Festivals Cat Ballou, Bläck Föösss, Grüngürtelrosen, Höhner, Räuber, El Dorado und zum Finale Guildo Horn & Die Orthopädischen Strümpfe. Karten gibt es im Internet und an der Abendkasse.
