26 Menschen erfuhren, was die Kreuzigungsgeschichte mit ihrem Leben heute zu tun hat. Am Rande wartete Wissenswertes zur Stadtgeschichte.
Geschichte von Schmerz und LeidHürther folgen einem Kreuzweg der anderen Art

Bernd Gellert (l.) erzählte zur Geschichte von Wegkreuzen und Pfarrvikar Werner Friesdorf (r.) verwies in Meditationen auf die Aktualität des Leidensweges Jesus Christus in heutiger Zeit.
Copyright: Oliver Tripp
Die Geschichte von der Auferstehung Jesu ist eine der tröstenden Geschichten des Christentums. Erzählt sie doch vom Leben nach dem Tod und lässt seit Tausenden von Jahren Menschen daran glauben, dass es neben dem Diesseits auch ein Jenseits gibt. Doch dort, wo es Hoffnung gibt, sind Schmerz und Leid nicht weit.
Beide Begriffe sind im Alltag wenig populär, in der biblischen Kreuzigungsgeschichte spielen sie aber die zentrale Rolle: Das machte Pfarrvikar Werner Friesdorf zu Beginn eines etwas anderen Kreuzwegs in Hürth deutlich, zu dem er mit Bernd Gellert, Kirchenvorstand und Autor des Wanderführers zur Geschichte „Mal raus in Hürth – 17 Spaziergänge in und um Hürth“ eingeladen hatte. 26 Frauen und Männer hatten sich dazu vor der Pfarrkirche St. Dionysius eingefunden.
Hürth: Die alten Geschichten aus einem anderen Blickwinkel erleben
„Was hat die Kreuzigungsgeschichte mit uns zu tun?“, fragte Friesdorf. Nun, ein Kreuz trage so mancher, und sei es das Mitleiden mit der Not Angehöriger und Freunde. Er selbst habe 2025 erfahren, dass vier ihm nahestehende Menschen schwer an Krebs erkrankt seien. Sie wolle er in Gedanken mit in die Gleueler Runde tragen. Er lud die Versammlung ein, es ihm gleichzutun.
Einmal die alten Geschichten aus einem anderen Blickwinkel erleben: Das wollte Vanessa Götz, die sich mit ihrem Vater Matthias Hamacher und dessen Schwester Eva Hohn auf den Weg gemacht hatte. Erinnerungen an die eigene Familie weckte bei ihnen schon der Gang über den Friedhof an der Pfarrkirche.

Durch schmale Durchgänge und enge Gassen führte der Weg durch Gleuel.
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Den gemeißelten Todestag auf einem der Grabsteine, die Jahreszahl 1878, identifizierten die Nachfahren der alten Gleueler Landwirtschaftsfamilie als Geburtsjahr von Engelbert Hamacher, dem Urgroßvater von Matthias Hamacher. An anderer Stelle zeigten sie die Stelle, wo ein Onkel begraben ist, der bei einem tragischen Unfall als junger Mann ums Leben gekommen war, kurz nach seiner Hochzeit.
Als einzige evangelische Teilnehmerin war Wilma Gibesch mitgekommen, die gleich gegenüber des kleinen Friedhofes an der Pfarrkirche lebt – „mit ruhigen Nachbarn“, wie ihre Besucher mit Blick auf die Gräber oftmals scherzten, erzählte sie zur Erheiterung der Runde.
Hürth: Von der ehemaligen Holzbrücke über den Gleueler Bach ist nichts mehr zu sehen
Mit auf den Weg hatte sich auch Marga Krings gemacht. Mit 95 Jahren war sie die älteste Teilnehmerin, gestützt auf ihren Rollator, und begleitet von ihrer Mieterin Martina Meyer. Seit etwa 30 Jahren lebten sie nun in Gemeinschaft miteinander, schilderte Meyer, sie freuten sich über einen Ausflug in ihr altvertrautes Gleuel.
Bernd Gellert hatte die Wegstrecke Nummer 3 aus seinem Heft ausgesucht, 3,5 Kilometer, die von der Pfarrkirche zwischen den Grabkreuzen des Soldatenfriedhofes und dem himmelwärts strebenden Kreuz des Gefallenendenkmals, vorbei am Märchenbrunnen des Aachener Bildhauers Bonifatius Stirnberg zunächst zum einstigen Standort der „Stummen Brück“ führten.

Das Barbarakreuz erinnert an die einstige, mittlerweile abgerissene Kirche zu Ehren der Bergleute.
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Von der ehemaligen Holzbrücke über den Gleueler Bach, an dem Punkt, wo heute das Gewässer rund vier Kilometer unterirdisch bis zur Burg Gleuel geleitet wird, ist freilich nichts mehr zu sehen. Geschichten aus dem Ort seien an der Brücke ausgetauscht worden, die sich nicht an alle Ohren richteteten, deshalb sei die Brücke als „Stumme Brück“ bekannt gewesen, erzählte eine Teilnehmerin, die das Bauwerk noch aus ihrer Kindheit kannte.
Hinauf an den grünen Ortsrand mit dem Blick durch kahle Baumgruppen auf den Otto-Maiglersee führte der Weg, hinunter durch die Bergmannssiedlung mit ihrer einheitlichen Architektur zum Ursfelder Kreuz, gelegen an einem Rest historischer Bausubstanz eines Hofensembles von Alt-Zieskoven. Ursfeld und Zieskoven mussten 1936 dem Braunkohenabbau weichen. Dahinter ein tonnenschwerer Findling, ein Gedenkstein an tote Bergleute.

Ein Wegekreuz und Findling als Gedenkstein für tote Bergleute erinnern an den Ort, wo einst Zieskoven stand.
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Mit diesem Ort verknüpfte der Pfarrvikar die fünfte und sechste Kreuzwegstation. Simon von Cyrene habe in der fünften Station Jesus Kreuz getragen, „man weiß nicht, ob er gezwungen wurde oder ob er es freiwillig tat, um zu helfen“. Er verglich es mit den Bewohnern, die ihre Häuser für die Braunkohle aufgeben mussten, einige freiwillig, andere nicht. Mitfühlende Hilfe sei hingegen sichtlich Thema der sechsten Station: Veronika, die Jesus ihr Tuch reicht, mit dem er sich nach christlicher Überlieferung den Schweiß abwischte.
Gellert führte durch enge Gassen, durch Schluchten zwischen Wohnhäusern, mitten durch die Hintergärten Gleuels auf namenlosen Wegen. Die schmalen Wege durch den Ort seien bewusst angelegt worden, nämlich als „Mistwege“, wusste Matthias Hamacher. Es seien Abkürzungen zu den landwirtschaftlichen Betrieben im Ort gewesen, über die man sich für den heimischen Gemüseanbau gerne eine Schubkarre voll Mist abgeholt habe, erläuterte der Sproß der alteingesessenen Landwirtschaftsfamilie.

Vom Treffpunkt an der Kirche führte Bernd Gellert die Gruppe zum Kriegerdenkmal und dem anliegenden Friedhof an der Dionysius Pfarrkirche.
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Kreuze finden sich einige in Gleuel. Wer weiß schon, dass die dem Blick entzogene Rückseite des Wegekreuzes am denkmalgeschützten Doktorenhaus des Arztes Heinrich Naberschulte zusätzlich zum Gekreuzigten auf der Vorderseite ein Relief zeigt, nämlich die so genannte Schutzmantelmadonna. Es ist Maria, unter deren ausgebreitetem Mantel, Gläubige Schutz suchen.
Das Kreuz mit der Schutzpatronin der Bergleute im grünen Dreieck an der Heinrich-Immig-Straße erinnert an die ehemalige Barbarakirche, die vor ihrem Abriss noch zum Weltjugendtag 2005, wenngleich schon profanisiert als Versammlungsraum gedient hatte. An der evangelischen Martin-Luther-Kirche sind Kreuze in die Gestaltung eines jeden Fensters eingearbeitet.
Dem Würfeln um Jesu Kleider ähnlich, wie es die Kreuzweg-Station 10 beschreibe, sei die Teilung der Christen in Konfessionen, so Werner Friesdorf, allein drei im kleinen Gleuel. Die Hoffnung auf eine vereinigte Kirche verband er mit diesem Bild – „das würde uns glaubwürdiger machen“.

