Am Tag der Urteilsverkündung wollten sie für sich sein. Einige Tage danach sprechen Lilian und Marcus Jochim über ihre Gefühle und ihre Ziele.
Tragischer Unfall in HürthNach dem Tod ihres Sohnes blicken Luis' Eltern nach vorne

Zusammen mit ihren Kindern haben Marcus und Lilian Maia Jochim (l.) 2025 die Luis Paulo Stiftung gegründet.
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54. Für Lilian und Marcus Jochim sowie ihre drei Kinder ist es nur eine Zahl. 54 Monate – oder auch viereinhalb Jahre: Für diese Zeit muss der 21-Jährige, der im Juni 2025 mit seinem Wagen eine rote Ampel überfahren hatte und mit einer Schülergruppe kollidiert war, ins Jugendgefängnis. Luis Paulo Jochim (25), der Schulbegleiter, und Avin Vala (10) starben. „Es gibt keine Gerechtigkeit an dieser Stelle“, sagt Marcus Jochim. „Daher ist es für unser Leid und unsere Trauer unerheblich, wie hoch die Strafe ausgefallen ist.“
Es ist ein wenig Zeit vergangen. Am 10. Juli hatte das Landgericht Köln sein Urteil verkündet, in Anwesenheit der Eheleute Jochim und Avins Angehörigen. Eine öffentliche Stellungnahme dazu hatte das Paar an diesem Tag abgelehnt und um Verständnis gebeten: Der Prozess, der Mitte Mai begonnen hatte, sei für sie emotional äußerst belastend gewesen. An ihrer Stelle verlas Doris Müller, eine Vertraute der Familie, Teile der Aussagen, die die Eheleute zwei Tage zuvor in nicht-öffentlicher Sitzung an den Unfallfahrer gerichtet hatten.
Hürth: Ampel hatte vier Sekunden lang Rot gezeigt
Im Gespräch mit dieser Redaktion sagt der Vater des getöteten Luis Paulo nun mit ein paar Tagen Abstand: „Wir hoffen, dass dieser Richterspruch den jungen Mann zum Umdenken bringt, er sein Leben in eine andere Richtung lenkt und mit seinem Tun die Gesellschaft positiv beeinflusst, was Luis und Avin ja nun leider nicht mehr vergönnt ist.“ Diese Entscheidung liege allein beim 21-Jährigen. Die bisherigen – stets zur Bewährung ausgesetzten – Strafen hätten ihn aber offenbar unbeeindruckt gelassen.
Am meisten bedauern Lilian und Marcus Jochim, dass der Unfallfahrer aus Hürth nicht über die Brücke gegangen sei, die ihm auch der Vorsitzende Richter Dr. Wolfgang Schorn mehrfach im Prozessverlauf aufgezeigt habe. Bis zum Ende sei daher unbeantwortet geblieben, warum der damals 20-Jährige mit 54 bis 57 km/h über eine Ampel gefahren war, die bereits vier Sekunden Rot gezeigt hatte, wie das Verfahren erwiesen hatte.

Marcus Jochim und seine Frau Lilian, die Eltern des getöteten Schulbegleiters Luis Paulo, verfolgten den Prozess in Köln als Nebenkläger.
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Im Gegenteil: Er und sein Anwalt blieben bei ihrer Version, wonach er mit seinem BMW bei Gelb gefahren sei. Lilian Jochim meint: „Er hätte reinen Tisch machen und dazu stehen können, dass er bei Rot gefahren ist. Stattdessen hat er sich bei dem Wenigen, was er gesagt hat, als Opfer dargestellt.“ Dies sei schwer zu ertragen gewesen.
Auch andere Momente an den sechs Verhandlungstagen hätten sie als sehr belastend empfunden, sagt das Paar aus Königswinter: der Ortstermin an der Unfallstelle, der Frechener Straße in Hürth. Zum einen die Konfrontation mit dem Ort, an dem ihr Sohn sein Leben verloren hatte; zum anderen an der Fußgängerampel als Zeugen eines Tests zu stehen, anhand dessen nachempfunden werden sollte, mit welcher Geschwindigkeit der Unfallwagen die Schülergruppe erfasst hatte.
Teilnehmer und Helfer für „Lauf für Luis“ werden gesucht
Unter Tränen erinnert sich Lilian Jochim auch an den letzten Verhandlungstag, an dem die Anrufe von Unfallzeugen bei Polizei und Feuerwehr im Saal abgespielt wurden. Aus allen ist die blanke Panik herauszuhören und dass „etwas ganz Schlimmes passiert“ sei. Eine Anruferin flehte: „Bitte schicken Sie alles her, was Sie haben!“ Andere sprachen davon, dass Leute durch die Luft geschleudert worden seien. Das waren Avin und Luis.
Lilian und Marcus Jochim halten die Erinnerung an ihren Sohn aufrecht. Nur wenige Wochen nach seinem Tod haben sie die Luis Paulo Stiftung gegründet. Sie fördert unter anderem Maßnahmen zur Erhöhung der Verkehrssicherheit und unterstützt Projekte, in denen auffällig gewordene Jugendliche frühzeitig professionell und mit aller Härte und Konsequenz betreut werden. Dabei ist die Stiftung auf Spenden angewiesen, sie möchte wachsen, auch überregional oder sogar bundesweit tätig werden. Möglichst viel Geld soll der „1. Königswinterer Lauf für Luis“ am 20. September erbringen. Anmeldungen sind noch möglich. Auch Helfer werden gesucht.
Darüber hinaus gibt die Familie des Getöteten die Hoffnung nicht auf, dass an der Unfallstelle eine dauerhafte Erinnerung an den Unfall sowie Luis und Avin geschaffen wird. Sie befindet sich darüber in Gesprächen mit den Verantwortlichen der Stadt Hürth und des Kreises. Kurze Zeit nach dem 4. Juni 2025 waren in der Nähe der Ampel zwei schlicht gehaltene weiße Plastikfiguren aufgestellt worden.
