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Interview mit Chef des Handelsverbands„Unternehmen keine Hilfe zur Sterbehilfe geben“

6 min

Die Geschäfte sind wieder offen. Doch Schlange stehen beim Einkaufen, mit dem notwendigen Abstand, gehört in der Corona-Krise zum Alltag.

Rhein-Erft-Kreis – Jörg Hamel ist Geschäftsführer des Handelsverbandes NRW für die Region Köln, Aachen und Düren. Niklas Pinner sprach mit ihm über die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Einzelhandel. Das vollständige Interview gibt es auf unserer Homepage und der Facebook-Seite.

Erinnern Sie Sich an Ihre Reaktion, als verkündet wurde, dass die Geschäfte wieder öffnen können?

Hamel: Ja, es war eine zweischneidige Reaktion. Zum einen natürlich Freude, dass die Unternehmen wieder ihrem eigentlichen Zweck nachgehen können – nämlich zu verkaufen, zu öffnen und Kunden zu begrüßen. Auf der anderen Seite hat man aber im Hinterkopf die ganzen dramatischen Geschehnisse rund um die Krise. Also von daher Freude zum einen, aber auch Skepsis: Was passiert jetzt mit den Unternehmen? Wie wird sich das Ganze weiterentwickeln?

Wie ordnen Sie die Maßnahmen der Regierung ein?

Je länger die Krise dauert, desto mehr Experten haben wir. Wir haben mittlerweile ganz viele Diskussionen, ob das wirklich alles richtig war. Ob die Verhältnismäßigkeit die richtige war, ob die Maßnahmen zu früh oder zu spät kamen. Also ich glaube, es ist für die Politik im Moment sehr schwer und es war auch sehr schwer.

Redakteur Niklas Pinner (l.) sprach mit Jörg Hamel, Geschäftsführer des NRW-Handelsverbandes für Köln, Aachen und Düren, über die Lage unter den Einzelhändlern.

Und viele Menschen wollen jetzt keine Politiker sein und nicht in deren Haut stecken. Denn es geht zum einen um die Gesundheit von uns allen und Corona ist sicher eine Bedrohung, die man ernstnehmen muss. Zum anderen geht es aber auch um die wirtschaftliche Kraft unseres Landes und um den Wohlstand von uns allen.

Haben Sie die Zweiteilung verstanden, dass zunächst nur Geschäfte bis 800 Quadratmeter öffnen durften?

Wirklich nachvollziehen konnten wir es nicht. Wer die Berichterstattung verfolgt hat, hat ja auch gesehen, dass es zwischen der Verkündung durch die Kanzlerin und dem, was dann umgesetzt wurde auf Landesebene oder vielleicht sogar auf Ebene einer Stadt oder eines Kreises, ganz unterschiedlich war. Wir hatten dein Eindruck, dass da ein Wettlauf zwischen den Ländern stattfand: Wer schließt mehr? Und jetzt besteht ein Wettlauf: Wer lockert mehr und öffnet schneller? Das ist etwas, was wir sehr stark kritisieren.

Und die 800 Quadratmeter?

Die 800 Quadratmeter stammen daher, dass man glaubte, wenn ein großes Unternehmen in einer Stadt aufmacht, dann kommen direkt alle hergelaufen und wollen in dieses große Warenhaus. Das hat dazu geführt, dass Unternehmen ungerecht und ungleich behandelt wurden. Wir haben gefordert, dass die Öffnung diskriminierungsfrei stattfinden muss. Dass eben alle Unternehmen die gleichen Chancen haben. Und bei diesen 800 Quadratmetern hatte man die großen Unternehmen in den Innenstädten im Hinterkopf. Aber was ist mit den Unternehmen, die im ländlichen Bereich angesiedelt waren? Es gibt in Kerpen ein großes Unternehmen, das Festmode verkauft und in einem Gewerbegebiet liegt, wo die Problematik einer Häufung wie in einer Fußgängerzone gar nicht bestand. Wir glauben, dass diese Stückelung nicht richtig war.

Was wäre Ihrer Meinung nach der richtige Umgang damit gewesen?

Für uns wäre es wichtig gewesen, dass wir diskriminierungsfrei alle Unternehmen gleichzeitig an den Start gebracht hätten, dass alle Unternehmen hätten gleichzeitig öffnen dürfen. Über den Zeitpunkt hätte man vielleicht noch mal nachdenken können. Meine Meinung von Anfang an war, dass man ausreichende Schutzmaßnahmen ergreifen musste. Man hätte sich sicherlich früher dazu bekennen können. Unter strengen Hygieneauflagen hätten wir, glaube ich, alle Unternehmen gleichzeitig öffnen können.

Sie halten die derzeitigen Regeln also für sinnvoll?

Ja. Diese Schutzmaßnahmen sind natürlich etwas abträglich in Sachen Einkaufserlebnis. Aber ich glaube, wir beschreiten gerade einen ganz schmalen Grat zwischen Öffnung, sozialem Leben und eben dem Schutz vor dem Virus. Wir müssen beides bewerkstelligen. Und solange das Virus uns noch im Bann hält, müssen wir diese Hygienestandards einhalten. Die Zahlen zeigen ja, dass wir ganz gut damit liegen. Ich persönlich würde davor warnen, von heute auf morgen alle Schutzmaßnahmen fallen zu lassen. In der Phase sind wir noch längst nicht.

Wie ist die Stimmung denn inzwischen unter den Einzelhändlern?

Natürlich ist viel Frust da, weil man keine Einnahmen gehabt und keine Umsätze erzielt hat. Trotzdem hatte man das Personal und alle weiteren Kosten. Auf der anderen Seite sind auch die Unternehmen bestrebt, die Hygienestandards einzuhalten und möglichst viel dafür zu tun, dass sich das Virus nicht weiterverbreitet. Denn das schlimmste wäre ein weiterer Lockdown. Ich glaube, dann würden noch weniger Unternehmen die Krise gut meistern können.

Gibt es denn viele Unternehmen, die den Lockdown nicht überstanden haben?

Ich glaube, dass die Unternehmen zum größten Teil jetzt öffnen. Im Textilhandel zum Beispiel haben wir einen hohen Lagerdruck: Viel Ware, die für das Frühjahr und den Sommer eingekauft wurde, liegt jetzt in den Geschäften und muss einfach verkauft werden.

Und die Folgen der Krise?

Was aus dieser Krise noch erwächst, – was passiert wenn gestundete Steuern und Sozialabgaben und Mieten zurückgezahlt werden müssen, was passiert, wenn die Lieferanten auf die Unternehmen zugehen und natürlich ihre Rechnungen bezahlt haben wollen – das wissen wir nicht. Wie viele Menschen kaufen überhaupt noch in den Städten ein? Ich glaube, da wird noch viel passieren. Da werden auch noch viele Unternehmen auf der Stecke bleiben. Wir werden über viele Jahre hinweg noch Auswirkungen dieser Krise bewältigen müssen.

Fühlen Sie Sich denn genug unterstützt?

Man diskutiert ja gerade noch, ein weiteres Unterstützungspaket aufzulegen. Ich glaube, dass die ersten Unterstützungen auf Kreditbasis gelaufen sind. Die müssen auch zurückgezahlt werden. Das wird für viele Unternehmen schwer. Ich habe immer gesagt, dass man den Unternehmen keine Hilfe zur Sterbehilfe geben sollte.

Wäre ein erneuter Lockdown der Niedergang für viele?

Ich glaube kaum, dass viele Unternehmen das überstehen werden. Wir haben ganz viele Branchen, die unter einer Schließung leiden. Wir haben im Handel dann auch keine Kunden mehr. Wir haben ein Volkseinkommen, das reduziert wird. Wir werden an Wohlstand verlieren. Wenn wir noch mal schließen müssen, wird das noch extremer.

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Es wird alle Gesellschaftszweige auf irgendeine Art und Weise betreffen. Alle werden unter dieser Krise leiden. Das wäre für das gesamte Land eine extreme Gefahr. Das zeigt sich jetzt auch in Demonstrationen und Diskussionen. Das könnte Einfluss auf die politische Kultur haben und die Zusammensetzung in den Parlamenten. Ich befürchte, dass wir eine Art Staatskrise bekommen könnten.

Was kann der Staat tun, wenn die Kaufkraft alleine nicht mehr ausreicht?

Noch mehr Geld vom Staat muss man ja auch irgendwo herholen. Das, was der Staat an Geld hat, sind Steuergelder. Die müssen ja auch irgendwo erwirtschaftet werden. Das heißt, alles, was in den Kreislauf hineingepumpt wird, ist auch für den Staat durch eine Art Kredit oder durch Steuern finanziert. Wir haben jetzt schon in der Finanzierung der Kommunen riesige Probleme. Der Staat wird irgendwann nicht mehr das Geld haben, einfach so zu unterstützen. Ich glaube, jetzt ist es ganz wichtig, das, was wir haben an Mitteln, so effektiv wie möglich einzusetzen, um die Wirtschaft und unseren Staat als Ganzes zu erhalten.