Wolfgang Brandt ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Selbsthilfegruppen im Rhein-Erft-Kreis.
Interview zu SelbsthilfegruppenWarum Betroffene an Rhein und Erft Anonymität brauchen

Wolfgang Brandt ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Selbsthilfegruppen im Rhein-Erft-Kreis.
Copyright: Elena Pintus
Die Arbeitsgemeinschaft der Selbsthilfegruppen im Rhein-Erft-Kreis koordiniert das Angebot der Selbsthilfegruppen vor Ort, vernetzt Interessierte und bietet diverse Veranstaltungen in dem Themenbereich an. Die Redaktion sprach mit Wolfgang Brandt, dem Vorsitzenden des Vereins. Der 73-Jährige engagiert sich ehrenamtlich für die Interessen der Selbsthilfegruppen. Mit ihm sprach Elena Pintus.
Herr Brandt, Sie betreuen und koordinieren Selbsthilfegruppen im Rhein-Erft-Kreis als Vorsitzender des Vereins der Arbeitsgemeinschaft der Selbsthilfegruppen. Wie viele Selbsthilfegruppen gibt es aktuell im Kreis und können Sie einen Überblick geben, welche Themen diese umfassen?
Wolfgang Brandt: Die Arbeitsgemeinschaft der Selbsthilfegruppen eV (AG-SHG) arbeitet hier ehrenamtlich und vermittelt Betroffene in bis zu 80 Selbsthilfegruppen im Rhein-Erft-Kreis. Bei dieser Arbeit kooperieren wir bereits seit Jahren mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband. Im Kreis befinden sich einige Selbsthilfegruppen aus den sozialen Bereichen, aber überwiegend sind es die verschiedenen Krankheitsbilder. Neben den geistigen und körperlichen Behinderungen fällt eine größere Nachfrage nach verschiedenen Gruppen für Suchterkrankungen und Angst und Depressionen auf.
Was genau geschieht in einer Selbsthilfegruppe?
Brandt: Selbsthilfegruppen sind eigenständig. Das fängt bei der Aufnahme von neuen Mitgliedern an. In welcher Form entscheidet jede Gruppe für sich selbst. In den Gruppen werden Informationen ausgetauscht. Selbsthilfegruppen können sich untereinander austauschen und Kontakte zu Beratungsstellen suchen. Fachreferenten einladen und weitere Projekte selbständig planen. Entsprechende Referenten vermitteln wir als Arbeitsgemeinschaft auch gerne.
Warum sind Selbsthilfegruppen aus Ihrer Sicht so wichtig?
Brandt: In einer Selbsthilfegruppe (SHG) findet ein Austausch von persönlichen Erfahrungen und Informationen statt. Erfahrene Gruppenleiter bieten Unterstützung, Beratung und Hilfe zur Selbsthilfe an.
Haben Sie den Eindruck, dass die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe oder generell der Grund für die Teilnahme, wie etwa Suchterkrankungen oder persönliche Probleme, nach wie vor schambehaftet sind oder hat sich das gebessert?
Brandt: Es ist sicherlich schon viel an Aufklärungsarbeit geleistet worden. Die Betroffenen brauchen Ihre Anonymität. Das fängt schon bei der Kontaktaufnahme an. Der Datenschutz, der hier sehr wichtig ist, hilft den Betroffenen beim ersten Schritt zu einer Kontaktaufnahme.
Was muss ich tun, wenn ich eine Selbsthilfegruppe ins Leben rufen möchte? Darf jeder eine Selbsthilfegruppe starten und sind alle Themen erlaubt oder gab es auch schon Anfragen, die Sie ablehnen mussten? Wenn ja, um welche Themen ging es?
Brandt: Wenn es zu einer Anfrage keine passende Selbsthilfegruppe gibt, kann ein erstes Treffen mit Betroffenen der erste Schritt zur Gründung einer neuen Gruppe sein. Gemeinsam mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband unterstützen wir bei der Suche nach geeigneten Räumen und geben erste Hinweise zur Gründung. Entsteht später der Wunsch, einen Verein zu gründen, können wir fachliche Informationen vermitteln, etwa durch Vereinsexperten oder Fachanwälte. Bei Auffälligkeiten oder Bedenken weisen wir darauf hin. Die endgültige Entscheidung und Verantwortung liegt jedoch bei der Gruppenleitung.
Was ist zu beachten, wenn man an einer Selbsthilfegruppe teilnimmt? In vielen Fällen ist sicherlich auch eine zusätzliche therapeutische Behandlung notwendig, etwa bei Suchterkrankten.
Brandt: Da sind die Gruppenleiter gefragt. In der Regel sind die medizinischen Fragen vorher abgeklärt und die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe läuft begleitend.
Vor welchen Herausforderungen steht ihr Verein aktuell?
Brandt: Wir arbeiten ehrenamtlich und sind für Projekte wie auch für unseren Vorstand immer auf der Suche nach ehrenamtlichen Mitarbeitern. Das Ehrenamt übernimmt wichtige gesellschaftliche Aufgaben und sollte auch von der Politik gefördert werden. Wir möchten uns auch für die Selbsthilfe weiter öffnen. Interessenten, selbst wenn Sie nicht direkt aus einer Selbsthilfegruppe kommen, sind immer willkommen.
Wer Kontakt zur Arbeitsgemeinschaft mit Sitz im Bergheimer Kreishaus, Willy-Brandt-Platz 1, sucht, kann sich per E-Mail melden oder telefonisch unter 02271/8349421.
