Hürth – Es war beinahe ein normaler Sonntag, den Ilse Gottlob – damals Ilse Esser – als Jugendliche in der Wohnung in der Werkssiedlung am Clementinenhof in Hürth verbrachte. „Wir hatten mal wieder alles geputzt“, erinnert sie sich. „Das war damals in der Umgebung der Chemie auf dem Knapsacker Hügel so. Es war immer und überall schmutzig.“ Das Putzen wurde jäh durch das Heulen der Sirenen unterbrochen. Die heute 85-Jährige erinnert sich noch gut an den Tag der schlimmsten Bombardierung Hürths. Es war der 28. Oktober 1944, als um kurz vor 16 Uhr englische Flugzeuge Kurs auf Knapsack nahmen und den Ort und die Industrie mit Bomben übersäten.
In Sekundenschnelle ging es für Ilse Gottlob und ihre Familie in den Bunker am Schlangenpfad. Die Notkoffer mit Papieren und dem Allernötigsten hatten bereitgestanden. „Das war damals so,“ erklärt die Seniorin und nickt. „Wir waren vorbereitet, damit wir jederzeit in den Bunker rennen konnten.“
Den Koffer in der einen Hand, und mit dem anderen Arm die herzkranke Mutter gestützt: So ging es damals für das Mädchen in den Bunker, um sich vor den tödlichen Bomben zu schützen. Die Wände und Decken waren mit Holz abgestützt. Und während die Engländer ihre Bomben auf Knapsack abwarfen, bröckelte der Lehm auf die Familien im Bunker herab. Die Holzbalken schwankten hin und her. Fast eineinhalb Stunden dauerte die Bombardierung.
„Ich dachte, ich komme dort nie wieder lebend raus“, sagt die 85-Jährige. Sie lehnt sich auf dem Sofa in ihrem Haus in Hermülheim zurück und faltet die Hände. „Uns blieb nur übrig, zu beten und zu singen. Es war schlimm. Einfach nur schlimm.“
Ilse Gottlob, ihre Schwester und ihre Mutter bangten mit den anderen um ihr Leben, und um das Leben des Vaters Edmund Esser. Denn der war im Goldenberg-Kraftwerk beschäftigt und kümmerte sich dort um die Aufrechterhaltung der Stromversorgung. Ihm war nichts passiert, den Menschen im Schlangenpfad-Bunker auch nicht.
Als Ilse Gottlob wieder aus dem Bunker kletterte, entdeckte sie ein totes Pferd, das während des Bombenangriffs getötet worden war. „Die Menschen stürzten sich darauf. Sie nahmen sich Pferdefleisch zum Essen.“
Viele Kriegsmonate hatte es die Familie in Hürth ausgehalten, doch mit dem Angriff war der Zeitpunkt gekommen, dass den Ort zu verlassen. Am 31. Oktober 1944 brachen Mutter Helene mit den Töchtern Anne und Ilse auf. Die erste Nacht verbrachten die drei im Brühler Schlosskeller, um am kommenden Tag mit dem Zug in den Osten fahren zu können. Unterwegs erlebten und überlebten sie einen weiteren Fliegerangriff. Dieses Mal rieten sie in die Bombardierung der Leunawerke. „Wir mussten alle aus dem Zug raus und uns verstecken“, erinnert sich Ilse Gottlob. Die Zeit der Einquartierung – zuerst in Sachsen und danach in Thüringen – war ein Wechselbad der Gefühle für die drei Hürther. Sie litten Hunger, hatten schreckliche Angst und schöpften gleichzeitig Hoffnung. In Thüringen lebten sie bei einer Metzgerfamilie. Ilse Gottlobs Mutter pflegte die Tochter der Familie, die unter einer schweren Lungenentzündung gelitten hat, wieder gesund. Ilse Gottlob: „Von da an litten wir keinen Hunger mehr.“ Die Befreiung der Amerikaner und das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebten die drei Hürtherinnen in Thüringen. „An einem Tag fuhren plötzlich die amerikanischen Panzer durch die Straßen bis auf den Marktplatz“, erinnert sich die 85-Jährige. „Sie richteten ein Panzerrohr auf die Metzgerei, in der auch meine Mutter war.“ Die Hürther Mutter schlüpfte geistesgegenwärtig aus ihrem weißen Arbeitskittel, band diesen an einen Besenstil und hielt den Stoff aus dem Fenster des Geschäfts. Die Amerikaner warnten die Frauen, dass die Russen kommen werden. Also flohen sie zurück in ihre Heimat, nach Hürth.
Im Sommer 1945 erreichten die drei das zerstörte Rheinland. In Hürth konnten sie den Vater in die Arme schließen. Es war der 4. Juli 1945. Der Geburtstag des Vaters, und auch Ilse Gottlobs Geburtstag. Sie wurde damals 15 Jahre alt.