Brühl/Köln – Am Anfang stand ein Traum: „Ich wollte einmal allein mit einem Segelboot über den Atlantik segeln“, schreibt ein 33-jähriger Brühler in einer Erklärung, die am Freitag im Prozess um den Kokainschmuggel auf einer Yacht von seinem Verteidiger Dietmar Bonn verlesen wurde. Auf 28 Seiten schildert der frühere Boxer, wie aus dem Traum, den er mit seinem Mitangeklagten, einem Wesselinger, teilte, die Verwicklung in ein internationales Drogengeschäft wurde.
Seit sie Kinder waren, seien sie Freunde gewesen, erinnert sich der Brühler. Geteilt hätten sie später auch ihre Begeisterung für sportliche Herausforderungen. Bei Bergsteigertouren in den Alpen seien sie „ein gutes Team“ geworden. Dabei entstand auch der gemeinsame Traum vom Törn über den „großen Teich“. Schon 2009, berichtete der Brühler habe er selbst den „Sportbootführerschein See“ gemacht. Danach sei er regelmäßig, manchmal auch mit dem Wesselinger, auf der Nordsee gesegelt.
Eines trennte die Freunde: Während der Wesselinger, der am Freitag ebenfalls ein Geständnis ablegte, nach eigenen Angaben nicht einmal Alkohol oder Zigaretten konsumiert, geriet der Brühler schon früh mit Drogen in Berührung. Obwohl er mehrfach wegen Drogenbesitzes aufgefallen sei, habe er weitergemacht: „Zunächst habe ich nur beim Segeln darauf verzichtet.“ Später habe er aber auch an Bord zu Drogen gegriffen, „um den ,toten Punkt’ zu überwinden“.
Anfang 2010 bot sich für den Brühler die Gelegenheit, seinen Traum zu verwirklichen. Mit dem kleinen Boot eines Bekannten, das er für ein halbes Jahr gechartert hatte, wagte er die Tour von den Kapverden in die Karibik, obwohl der Eigentümer dagegen und das Boot für die Fahrt über den Atlantik nicht versichert war.
Über ein Satellitentelefon hielt er Kontakt zu dem Wesselinger, der ihm ständig aktuelle Wetterdaten übermittelte. Nach dreieinhalb Wochen landete er auf der Antilleninsel Martinique. „Gleich am ersten Abend wurde ich von Einheimischen angesprochen, die mir Kokain angeboten haben“, berichtet er. Als er einige Wochen später zur Isla Margarita vor der venezuelanischen Küste fuhr, sei er auf einen Mann getroffen, der ihn noch gewarnt habe: Leute, die ihm vorschlagen, Kokain nach Europa zu bringen, seien meist Spitzel.
„Als ich etwas Vertrauen gefasst hatte, habe ich ihn selbst gefragt, wie ich an Kokain kommen könne“, erzählt er. Das Resultat war ein Angebot: Der Brühler könne drei Kilo umsonst bekommen, wenn er bereit sei, zehn Kilo nach Europa zu schmuggeln. Weil er Angst hatte, erwischt zu werden, sei er ohne Kokain zurück gesegelt – im Gepäck aber die Handynummer des Mannes von der Isla Margarita.
Zu Hause wurde er von dem Wesselinger erwartet: „Er war ganz heiß, der nächste zu sein, der über den Atlantik segelt.“ Von der Idee, Kokain an Bord mitzunehmen, die dem Brühler nicht aus dem Kopf ging, habe der Freund zuerst nichts gehalten: „Er nannte es ein Hirngespinst.“ Letztlich entschieden sich beide aber, Kontakt mit dem Mann in der Karibik aufzunehmen. Der Brühler flog mit seiner Freundin und deren Sohn im Dezember 2010 auf die Insel und fädelte das Geschäft ein: „Wir sollten 3000 Euro pro Kilo bekommen und mindestens 100 Kilo mitnehmen.“ Die Sicherheit hatte es in sich: „Für den Fall, dass wir ihn betrügen, wollte er Namen, Adressen und Fotos von uns und unseren Familien haben.“
Die Tour im Sommer 2011 klappte: Auf Grenada wurde eine größere Yacht, die beide über einen Schiffsbesitzer aus Berlin gemietet hatten, in Abwesenheit des Wesselingers, der es dorthin gesteuert hatte, beladen. Mit einem Zwischenstopp auf Bermuda, wo die Lichtmaschine repariert werden musste, segelte er zurück. Nachdem ihm über Satellitentelefon aus der Karibik die Koordinaten mitgeteilt worden waren, landete er in einem Hafen im Süden der Niederlande.
„Ich sollte das Boot für eine Nacht unverschlossen im Hafen liegen lassen“, erzählte der Wesselinger vor Gericht. Als er am nächsten Morgen wieder an Bord gegangen sei, habe er eine schwarze Sporttasche gefunden – prall gefüllt mit Geldscheinen. „Es waren 20er, 50er und 100er dabei – insgesamt eine Million Euro“, berichtete er. Er rief den Freund an, der am Nachmittag im Hafen ankam.
Nach der Heimkehr kam es zum Streit. Der Brühler warf dem Wesselinger vor, sich mit dem Kauf einer Corvette zu auffällig zu verhalten. Außerdem habe er dem Sohn jenes Mannes von der Reise erzählt, der nun mit dem Brühler eine neue Tour planen wollte. Deshalb erzählte der Brühler dem Freund auch nichts davon, dass er sich tatsächlich auf einen zweiten Coup einließ. Dabei wurde der heute 61-jährige Komplize im Juni 2012 vor Guadeloupe mit 500 Kilo Kokain an Bord vom französischen Zoll gefasst.
Die Ermittlungen des Bundeskriminalamtes führten zu den beiden Angeklagten, die im Sommer 2013 festgenommen wurden. „Als ich das Geld auf der Yacht sah, habe ich mich als großer Held und großer Gangster gefühlt. Erst in der Haft ist mir klar geworden, in was für eine Gefahr ich meine Familie und mich damit gebracht habe“, ließ der Brühler seinen Anwalt verlesen.
