„Halbe Kinder“Mutmaßliche Mörder des Pulheimer Seniors festgenommen – Nachbarn erleichtert

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Auf dem Foto ist rot-weißes Flatterband zu sehen, womit das Reihenhaus, in dem der 85-Jährige ermordet worden sein soll, gesichert wird. Dahinter liegen Blumen, die Nachbarn und Freunde niedergelegt haben.

Anwohner und Freunde des Opfers haben Blumen vor der Türe aufgestellt und Kerzen angezündet. Immer noch ist das Reihenhaus mit Flatterband abgesperrt.

Vor allem ältere Anwohner lebten nach Bekanntwerden der Tat in großer Angst. Die Nachbarn passen seitdem noch besser aufeinander auf.

Der tot in einem Keller in Pulheim bei Köln gefundene 85-Jährige soll von zwei jungen Männern aus Habgier umgebracht worden sein. Auf dieses Mordmerkmal stützt sich der Haftbefehl, der gegen die Verdächtigen im Alter von 19 und 20 Jahren erlassen worden ist, wie der Kölner Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer am Montag (18. September) mitteilte. Die Männer waren am Freitagabend (15. September) in Osnabrück festgenommen worden.

Der Tote war am 7. September im Keller seines Einfamilienhauses in Pulheim gefunden worden. Er hatte dort allein gelebt. Laut Staatsanwaltschaft hatten Nachbarn einen Wagen mit Osnabrücker Kennzeichen vor dem Haus beobachtet. Unter anderem dieser Hinweis führte die Ermittler zu den beiden Beschuldigten, die in Osnabrück leben. Nähere Angaben zu Tatverdächtigen und -hergang machte die Staatsanwaltschaft nicht.

Möglicherweise sind weitere Personen an der Tat beteiligt gewesen

In welchem Verhältnis die 19- und 20-Jährigen zum Opfer standen, und ob sie vorbestraft sind, sagen die Ermittler ebenfalls nicht. Es sei jedoch nicht auszuschließen, dass noch weitere Personen an Tat oder Planung beteiligt gewesen seien. Die „sehr umfangreiche Untersuchung“ des Tatorts im Haus des Getöteten dauere weiter an. Dies sei auch wichtig, um zu klären, ob und gegebenenfalls welche Gegenstände geraubt worden sein könnten. Zum Schutz der Ermittlungen könne er derzeit keine weiteren Informationen veröffentlichen, sagte Bremer. Die Festgenommenen schweigen zu den Vorwürfen.

In der ruhigen Wohnsiedlung hat sich die Nachricht von der Festnahme der mutmaßlichen Mörder eines 85-jährigen Mannes wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Es herrscht Erleichterung über den schnellen Fahndungserfolg der Polizei. Vor allem bei älteren Menschen hatte der gewaltsame Tod Ängste ausgelöst. Angst davor, ebenfalls Opfer von Einbrechern zu werden.

Ich habe ab und zu mit ihm gesprochen, der Mann war offen und freundlich gewesen und immer echt nett
Ein 31-jähriger Nachbar

Elf Tage nach der Tat ist das Reihenhaus nach wie vor mit Sperrbändern der Polizei abgeriegelt. Betroffen schauen die Spaziergänger darauf, die auf dem Fuchspfad oder der Jägerstraße unterwegs sind. „Das Opfer war ein guter Mensch, sehr beliebt und auch in der katholischen Kirchengemeinde bekannt“, wissen Passanten zu berichten. Vor Corona sei er auch gerne mit auf Wallfahrt gegangen – bis nach Trier.

„Hoffentlich werden die nicht nach Jugendstrafrecht verurteilt, sondern nach Erwachsenenstrafrecht“

„Ich habe ab und zu mit ihm gesprochen, der Mann war offen und freundlich gewesen und immer echt nett“, erzählt ein 31-Jähriger. Er selbst sei erst vor drei Jahren in das ruhige Stadtviertel gezogen. „Dass die Täter jetzt gefasst sind, ist gut“, sagt er. Unbegreiflich ist ihm allerdings, dass so junge Leute so grausam sein können. „Die haben das Leben eines Menschen ausgelöscht und ihr eigenes zerstört“, erklärt er und ergänzt: „Hoffentlich werden die nicht nach Jugendstrafrecht verurteilt, sondern nach Erwachsenenstrafrecht“.

„Es ist gut, dass die Täter gefasst sind“, berichtet ein 55-jähriger Anwohner. Er lobt die Arbeit der Polizei. „Wichtig ist jetzt aber auch, dass die Polizei mitteilt, in welchem Verhältnis die Täter zu ihrem Opfer standen – ob die Täter im Bekanntenkreis angesiedelt sind, oder ob die Mörder ihr Opfer gezielt ausspioniert oder zufällig ausgesucht haben.“ Das mache einen großen Unterschied für die Menschen hier in der Siedlung. Denn viele Menschen, insbesondere Senioren, hätten sehr große Angst, möglicherweise als nächste in den Fokus solcher Täter zu geraten. Seine Mutter sei ähnlich alt wie das Opfer. Seit Bekanntwerden der Tat sei er nun täglich dreimal bei ihr, um nach dem Rechten zu sehen und um sie zu beruhigen.

„Solche Taten passieren in Großstädten in Amerika, aber doch nicht Pulheim“, sagt ein 18-Jähriger. Das sei schlichtweg unglaublich. Sehr schwer falle es ihm aber auch nachzuvollziehen, dass so junge Leute imstande sind, eine solch grausame Tat umzusetzen. „Das sind doch noch halbe Kinder, nicht viel älter als ich selber“, sagt er fassungslos.

Wie soll man solche Menschen resozialisieren?
Ein Vater

„Diese Tat macht was mit einem“, berichtet auch ein Vater. Seine drei Kinder seien in einem ganz ähnlichen Alter wie die mutmaßlichen Täter. „Die Mörder sollen bei ihrer Tat ja extrem grausam vorgegangen sein“, erklärt er und schüttelt dann den Kopf: „Wie soll man solche Menschen resozialisieren?“

„Es wäre schon beruhigend, wenn öfter mal die Polizei oder das Ordnungsamt durch die Siedlung fahren und nach dem Rechten sehen würde“, wünscht sich eine 70-jährige Anwohnerin. Seit der Tat passten die Nachbarn im Viertel noch besser aufeinander auf als vorher, erklärt sie. Öfter seien nämlich „fliegende Handwerker“ unterwegs, die einem alles Mögliche an der Haustüre verkaufen und anbieten wollen. „Und hier gibt es viele kleine Gässchen und hohe Hecken, hinter denen man schnell verschwinden kann“, merkt sie an. Hinzu komme eben die Tatsache, dass es zumeist Rentner seien, die in den Reihenhäusern aus den 1960er Jahren leben.

Das Foto zeigt Polizeibeamte in weißen Schutzanzügen vor dem Haus in Pulheim, die am Tatort Spuren gesichert haben.

Am Tag des Auffindens der Leiche waren in dem Reihenhaus in Pulheim Spuren gesichert worden.

Die Seniorin berichtete auch von vielen Jugendlichen und dunklen Gestalten, die oft in den Abendstunden auf dem nahen Spielplatz und den Straßen im Viertel unterwegs seien. Das bestätigt auch ein 85-Jähriger. „Und mir haben sie hier erst vor ein paar Tagen das Fahrrad vor der Haustüre geklaut“, berichtet ein 43-Jähriger. Er sei in Pulheim aufgewachsen, aber das sei ihm bisher noch nicht passiert.

Eine Seniorenbetreuerin, die auch mit einer 93-Jährigen regelmäßig im Viertel unterwegs ist, bestätigt die große Angst vor allen Dingen der älteren Menschen. „Ich bin für Aufklärung“, erklärt sie und appelliert diesbezüglich auch an die Polizei und die Stadtverwaltung. So wie schon während der Corona-Pandemie sollten die Behörden den älteren Menschen die wichtigen Sicherheitsregeln für zu Hause und für unterwegs kurz und verständlich in einer Broschüre oder einem Handzettel aufschreiben und einfach in den Briefkasten werfen.

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