Rhein-Erft-Kreis – Die Zahlen, die das statistische Landesamt Nordrhein-Westfalen veröffentlicht hat, sind alarmierend. Von 2019 auf 2020 hat es einen immensen Anstieg von Drogen- und Alkoholtoten im Rhein-Erft-Kreis gegeben.
Sind 2019 laut dem Landesamt noch 57 Menschen alkoholbedingt gestorben, waren es 2020 78 – ein Anstieg von rund 37 Prozent. Die Zahl der Drogentoten stieg von zwei auf neun. Auffällig: Zuvor waren die Zahlen noch erheblich gesunken. 2010 wurden 63 Alkohol- und elf Drogentote gezählt, 2019 waren es 57 und zwei. Zahlen von 2021 sind noch nicht veröffentlicht.
Corona trifft auch Menschen im Rhein-Erft-Kreis hart
Woher kommt also der plötzliche Anstieg? Wieso nehmen die Menschen wieder mehr Drogen und trinken Alkohol? Die Krankenkasse IKK Classic sieht wenig überraschend in der Corona-Pandemie einen Grund: „Viele suchtkranke Menschen sind durch die Pandemie in eine verstärkte Lebenskrise geraten, gewohnte Strukturen, persönliche Hilfsangebote und Ansprechpartner sind praktisch von einem Tag auf den anderen weggebrochen“, sagt Michael Lobscheid von der Krankenkasse.
„Corona ist definitiv ein Faktor“, sagt Jutta Göpel. Sie ist Leiterin der Brühler und Bergheimer Stellen der „Information und Beratung zu Suchtlösungen“ (IBS) der Drogenhilfe Köln. Zu ihr und ihrem Team kommen Menschen bis 27 Jahre, die unter anderem Probleme mit Alkohol, Nikotin, Medikamenten, Cannabis, Kokain, Amphetaminen und anderen Partydrogen haben. Sie und ihr Team leisten aber auch sogenannte aufsuchende Hilfen. Sie gehen also auf die Straße, um Menschen mit Drogenprobleme zu helfen.
Rhein-Erft-Kreis: Anlaufstellen waren geschlossen
Das habe Corona aber erschwert. „Wir hatten wirklich massive Probleme in der Corona-Zeit, Leute in die Therapie zu bekommen“, sagt Göpel. Denn es sei ohnehin schon schwierig, dass sich ihre Zielgruppe, zu der häufig auch Obdachlose gehörten, an Absprachen halte. Und wenn sie und ihre Mitarbeiter dann jemanden zu einer Beratung führen, die wegen Corona plötzlich habe schließen müssen, sei nicht sicher, dass dieser Mensch später wiederkomme.
„Das ist sowieso ein komplizierter Prozess. Und in der Corona-Zeit noch mehr. Da fallen sicher einige Menschen durchs Raster.“ Und dadurch erhöhe sich auch die Gefahr, dass jemand an Drogen oder Alkohol sterbe. „Denn Ämter und Stellen waren ja auch zu. Da konnte niemand einfach klingeln und sagen: »Ich brauche Hilfe«.“
Flut, Corona, Krieg: Menschen haben Zukunftsängste
In seinen Behandlungen versucht das Team des IBS, das Leben der Menschen wieder in Balance zu bringen. Aber wenn, wie während der Pandemie, Alternativen fehlten, zum Beispiel durch mangelnde Teilhabe, werde es schwierig. Göpel rechnet auch in Zukunft mit noch mehr Menschen, die Hilfe brauchen. Zukunftsängste, Krieg, Flut, Corona, Strompreise. „Diese Zielgruppe hat keine Lösungswege. Sie haben immer eine Gewitterwolke über sich.“
Georg Spilles ist Leiter des sechsköpfigen Teams der Psychosozialen Beratung der Caritas. In Kerpen-Sindorf beraten er und seine Kolleginnen und Kollegen Alkohol- und Medikamentensüchtige.
Manche griffen schon mittags zur Flasche
„Nicht jedem hat Homeoffice gut getan“, sagt er. In seine Beratungsstelle kämen vor allem Menschen aus bürgerlichen Verhältnissen, berichtet er. Also Menschen von Mitte 20 bis 80, viele davon im Berufsleben etabliert. „Die Angst, die umging oder mangelnde Kontaktmöglichkeiten haben Sorgen, Ängste und Depressionen verstärkt“, sagt er über die Corona-Zeit. Manche hätten bereits mittags getrunken. Denn Alkohol stehe schnell zur Verfügung.
Auf etwa zehn Prozent mehr Fälle mit Rauschmittelproblemen beziffert Spilles den Zuwachs seit Corona. Auch ältere Menschen seien betroffen. Und auffällig viele Frauen. Denn der große Teil der Alkoholsüchtigen sei meistens männlich, zwei Drittel Männer und zu einem Drittel Frauen. Zuletzt seien es aber etwa 45 Prozent Frauen gewesen, sagt Spilles.
Experten aus Rhein-Erft rechnen mit mehr Zulauf
Medikamentensüchtig seien dagegen in der Überzahl Frauen. Und auch hier sind es in der jüngsten Vergangenheit mehr Fälle – sowohl männliche als auch weibliche – geworden. Allerdings gebe es auch Menschen, die mit Corona umso besser zurechtgekommen sind, weil sie das Gefühl gehabt hätten, weniger belastet zu sein, sagt Spilles.
Das könnte Sie auch interessieren:
Er berichtet außerdem von Menschen, denen die Flut vom vergangenen Sommer sehr zugesetzt habe. „Zum Beispiel Betroffene, die wieder angefangen haben zu trinken, nachdem sie vorher trocken waren.“ Grundsätzlich rechnet der Berater mit weiterem Zulauf. Er und sein Team versuchten, besonders darauf zu achten, was mit den Kinder geschehe, deren Umfeld von Sucht betroffen sei.



