Die Jungvögel springen in ihrer Not aus ihren Nestern. Überlebende Küken werden allerdings von Eltern nicht mehr versorgt.
Wegen zu großer HitzeMauersegler fallen an Rhein und Erft reihenweise aus den Nestern

Ein junger Mauersegler, der von Hand aufgepäppelt wurde. Auch er war aus seinem Nest gefallen.
Copyright: Rolf Thiemann
Was aus dem Küken einmal für ein Vogel werden könnte, ist für einen Laien noch gar nicht zu erkennen. Gut erkennbar ist allerdings der kleine Verband um den zierlichen Hals. Der junge Mauersegler hat sich beim Sturz aus dem Nest verletzt und hat im Tierheim Bergheim Erste Hilfe erhalten. „Er muss beim Sturz aus der Höhe an etwas Spitzem an der Wand hängen geblieben sein und sich dabei die Haut am Hals aufgeschlitzt haben“, sagt Heike Bergmann, Leiterin des Tierheims.
Der Jungvogel ist kein Einzelfall. In der Hitze leiden auch die Wildtiere, und für Vögel, die unter den Dächern von Häusern nisten, etwa Schwalben oder Mauersegler, werden die Temperaturen viel zu hoch. „Da kann es durchaus 50 bis 60 Grad heiß werden“, sagt der Bedburger Naturschutzberater Rolf Thiemann. Für die Jungvögel bliebe nur eine Chance: aus dem Nest flüchten und springen.
Rhein-Erft-Kreis: Elterntiere kümmern sich nicht um abgestürzte Küken
Für junge Mauersegler kommt der Sturz eigentlich einem Todesurteil gleich, denn die Elterntiere können sich nicht mehr um die Jungvögel kümmern. „Mauersegler verbringen ihr Leben im Flug“, sagt Benedikt Hillebrandt vom Nabu Rhein-Erft. Vögel, die einmal auf dem Boden gelandet seien, kämen schwerlich wieder hoch. Auch wenn sie sich als hervorragende Flieger zeigen, sind sie extrem schlechte Starter. Sie sind aufs Gleiten spezialisiert.
Und so verlassen Mauersegler ihr Nest tatsächlich erst, wenn sie wirklich flügge sind. „Ästlinge, wie wir sie von anderen Vogelarten kennen und die auch außerhalb des Nestes noch von Alttieren versorgt werden, gibt es bei Mauerseglern nicht“, sagt Hillebrandt.

Im Tierheim Bergheim werden Mauersegler in großer Zahl abgegeben, auch dieses verletzte Küken, das mit einem Verband versorgt wurde.
Copyright: Tierheim Bergheim
Und so häufen sich in der Hitzewelle die Meldungen von aufgefundenen jungen Mauerseglern. Thiemann berichtet von rund 100 Mauerseglern, die in der besonders heißen vorigen Woche allein in Bedburg entdeckt worden seien. „Etwa 40 Tiere waren allerdings schon tot“, sagt Thiemann.
Wer die Tiere lebend findet, steht vor dem Problem: Was tun? Eine Wildvogelauffangstation gibt es im Kreis nicht. „Die Vögel gehören aber in fachkundige Hände“, sagt Thiemann. Doch Auffangstationen und ehrenamtliche Naturschützer seien ausgelastet. „Niemand nimmt mehr Notfälle auf.“
Eine Anlaufstation ist das Tierheim Bergheim, das eine Kooperation mit der Wildvogelstation Kirchwald in der Eifel unterhält, rund anderthalb Autostunden entfernt. Dorthin werden junge Mauersegler gebracht. „In drei Tagen wurden 35 junge Mauersegler bei uns abgegeben“, berichtet Tierheimleiterin Heike Bergmann. „Für uns ist das der Wahnsinn, denn die spielen nicht immer mit, wenn wir sie versorgen wollen.“ Je älter ein Mauersegler sei, desto schlechter lasse er sich füttern.
Es sei in diesem Sommer einfach zu früh zu heiß geworden. „Die Vögel kochen da oben in ihren Nestern“, sagt Bergmann. Die Bullenhitze gebe es sonst erst im Juli oder August. Da seien die Mauersegler eigentlich schon nicht mehr in den Nestern. Wichtig sei: „Wer einen jungen Mauersegler findet, sollte ihn nicht füttern und ihm nichts zu trinken geben, sondern schnellstmöglich in sachkundige Hände gegen.“ In der Natur würden Jungvögel nichts trinken, und beim Zwangsfüttern könne man die Tiere schnell verletzen. „Der Schnabel bricht schnell. Daür braucht es Knowhow.“
„Die öffentliche Hand entzieht sich ihrer Verantwortung“, sagt Hillebrandt vom Nabu. Wenn Städte und Kreise schon keine Wildtierauffangstationen unterhielten, müssten sie die privat geführten wenigstens vernünftig unterstützen.

Junge Mauersegler hocken über einer Nisthilfe für Schwalben, die Naturschutzberater Rolf Thiemann an seinem Haus angebracht hat.
Copyright: Rolf Thiemann
Das Argument, die Tiere sich selbst zu überlassen, weil das nun mal die Natur sei, mag der Bedburger Naturschützer Thiemann nicht gelten lassen. „Wir sind doch die Verursacher dieses Elends“, sagt Thiemann. „Wir dämmen die Dächer, sodass sich dort die Hitze staut, wir versiegeln alles, die Gärten werden immer kleiner. Für Natur ist kein Platz mehr.“ Niemand wolle mehr Schwalbennester am Haus aus Sorge vor Verschmutzungen. „Eigentlich müsste der Bau von Nisthilfen am Haus gesetzlich vorgeschrieben werden.“
