Winterscheider Heimat-JahrbuchKniewärmer mit Pfefferminz-Geschmack

Auch Linienbusse fuhren Werbung für den Pfefferminzlikör aus dem Bröltal, der nach dem Krieg in der gesamten Region bekannt war.
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Ruppichteroth – Friedlich gondeln die Gänse auf dem Winterscheider Weiher. So präsentiert sich auf dem Cover des Winterscheider Heimat-Jahrbuchs eine historische Idylle, die freilich trügerisch ist:
Vor 50 Jahren mutierte das Gewässer zu einer trüben Brühe. „Je nach Sonneneinstrahlung verbreitet das Wasser einen ekelerregenden Geruch. Es bilden sich Fliegenschwärme“, heißt es in einer amtlichen Mitteilung.
Der Historie des Weihers widmet sich Dieter Schmitz im neuen Jahrbuch. Und macht deutlich, warum der Weiher Herzstück von Winterscheid ist: Früher wurde er als Viehtränke und Brandweiher genutzt. Brach ein Feuer aus, dann wurden die Ledereimer von Hand zu Hand gereicht. „Doch das brennende Haus war in der Regel nicht mehr zu retten. Man riss die brennenden Teile mit Haken herunter, um zu verhindern, dass das Feuer sich ausbreiten konnte.“ Im Winter spielten die Kinder auf dem gefrorenen Weiher Eishockey.
Als Puck benutzte man eine leere Milchdose, als Schläger Stöcke aus dem Wald. Für die Brauerei Lauthausen transportierten Pferde früher das Eis zum Kühlen des Biers. Doch weil die Abwässer aus den Haushalten in den Teich flossen, verschlammte er und wurde zum „Seuchenherd“. Die Teilnahme an den Wettbewerben „Unser Dorf soll schöner werden“ seit 1969 bot aber die Chance, den Schandfleck in ein Schmuckstück zu verwandeln; mit Blumenrabatten, Bänken, Wegen und einem Springbrunnen. Und heute wird hier gefeiert – nicht nur das Kartoffelfest.
Wissenswertes aus Winterscheid bietet auch das 20. Jahrbuch, das am Donnerstag, 27. Juli, um 20 Uhr in der Gemeinschafts-Grundschule Winterscheid vorgestellt wird. Ein Blick aufs Wappen, und man erkennt, was den Ort besonders machte: Der Löwe des „Henrich von Wynterscheit“ nämlich hält eine Hirschstange in den Klauen, was auf den Waldreichtum der Region verweist. Das Eggenschräggitter ist ein Symbol für Landwirtschaft und Viehhaltung. Und die Traube zeigt, dass das Kirchspiel auch einen Weinberg, die Stachelhardt, besaß.
„ExtraPlatt“ und tollwütige Kühe
Die frühere Weingegend inspirierte Willi Hupperich, ein Lied über den „Wöngert“ zu schreiben. Daran erinnert Erwin Müller in seinem Aufsatz über „Textdichter und Komponisten in Winterscheid“. Aus dem Ersten Weltkrieg hat Hedwig Happ Gruß- und Ansichtskarten gesammelt. Hans-Dieter Klein berichtet vom „untergegangenen Gehöft in der Thielenbach“, und Claudia Höfler erzählt die Historie des Kirchenchors Cäcilia. Käthe Mitschke serviert in der Rubrik „ExtraPlatt“ eine Geschichte über tollwütige Kühe und die Riesenspritze, die die ganze Familie dagegen bekam. Die Bäuche wurden nach einer Woche „ganz bunt“.
Hans-Joachim Jochen Schneppel nimmt den Leser mit in die Zeit, als im Bröltal noch Korn und Likör gebrannt wurden: Unter der Markenbezeichnung „Glücksthaler“ gab es 24 Sorten, darunter der „Kniewärmer“, „ein Pfefferminzlikör, der nach dem Krieg für Furore sorgte und im ganzen Rhein-Sieg-Kreis bekannt war“.
Erhältlich ist das Jahrbuch zum Preis von sieben Euro in den Filialen der Kreissparkasse und der VR-Bank, außerdem kann es per E-Mail bei Hans-Joachim Schneppel bestellt werden.
joachim-schneppel@t-online.de

