Eine Ausbildung im Handwerk ist auch für junge Leute mit Abitur zunehmend interessant. Das ist eine Erkenntnis vom Ausbildungsmarkt Bonn/Rhein-Sieg.
Bilanz auf dem AusbildungsmarktDas Handwerk legt zu, die Industrie verliert

Die Beschäftigung mit Themen wie Energiewende und Nachhaltigkeit machen Handwerksberufe für angehende Auszubildende wieder attraktiv.
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Die Wirtschaft in der Region Bonn/Rhein-Sieg zieht eine positive Bilanz des im September beendeten Ausbildungsjahres 2024/2025. Sowohl bei den Jugendlichen als auch bei den Betrieben ist demnach das Interesse an einer beruflichen Ausbildung erneut gestiegen. Nach den aktuellen Daten der Bundesagentur für Arbeit stieg die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber um einen Ausbildungsplatz im Vergleich zum September 2024 um knapp vier Prozent auf 5238.
Ebenfalls positiv, wenn auch in deutlich geringerem Umfang, entwickelte sich die Zahl der beruflichen Berufsausbildungsstellen. Ende September lag sie bei 4846. Das sind 0,9 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Auf 100 betriebliche Bewerberinnen und Bewerber kommen damit im Wirtschaftsraum Bonn /Rhein-Sieg 108 offiziell gemeldete Bewerberinnen und Bewerber.
Kreishandwerkerschaft Bonn/Rhein-Sieg zeigt sich zufrieden
Besonders zufrieden mit der Entwicklung am Ausbildungsmarkt ist das Handwerk, das die Zahl der Ausbildungsverträge um rund zehn Prozent auf 1450 steigern konnte. Das sei auch die Folge eines Imagewandels, vermuten Oliver Krämer, der Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Bonn/Rhein-Sieg, und Ulrike Pütz von der Karrierewerkstatt der Handwerkskammer Köln. „Die breite gesellschaftliche Diskussion über Themen wir Energiewende, Klima, Umwelt und Nachhaltigkeit hat offenbar dazu geführt, dass Handwerksberufe in diesem Bereich besonders attraktiv und zukunftssicher erscheinen.“
Vor allem in Bonn wächst den Zahlen der Arbeitsagentur zufolge aber auch das Interesse an einer Ausbildung in den sogenannten Gesundheitshandwerken. „Wir stellen fest, dass viele Jugendliche die Sicherheit im Handwerk zu schätzen wissen“, sagt Ulrike Pütz.

Vertreter von Arbeitsagentur, Kreishandwerkerschaft, Handwerkskammer und IHK zogen eine Bilanz des Ausbildungsmarktes Bonn/Rhein-Sieg.
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Weniger positiv ist im vergangenen Ausbildungsjahr die Entwicklung im Zuständigkeitsgebiet der Industrie- und Handelskammer (IHK) Bonn/Rhein-Sieg verlaufen. Dort wurden bis zum Stichtag 30. September insgesamt 2388 Ausbildungsverträge registriert. Das sind 5,4 Prozent weniger als im Vorjahr. „Unsere Mitgliedsbetriebe haben trotz der konjunkturellen Flaute in den letzten beiden Jahren mehr als ein Fünftel zusätzliche Ausbildungsplätze angeboten, konnten jedoch nicht alle besetzen“, resümiert Jürgen Hindenberg, der IHK-Geschäftsführer für Berufsbildung und Fachkräftesicherung.
Interessant ist eine berufliche Ausbildung offenbar auch immer mehr für junge Menschen mit höherem Bildungsabschluss. So stieg die Zahl der Ausbildungsinteressierten, die zuvor eine Hochschule oder Akademie besucht hatten, im vergangenen Ausbildungsjahr im Rhein-Sieg-Kreis und der Bundesstadt Bonn um fast 25 Prozent. Für die Arbeitgeber ist auch das ein Zeichen für einen Imagegewinn der Dualen beruflichen Ausbildung, nachdem junge Menschen mit Abitur sich lange Zeit eher für ein Studium entscheiden.
Angesichts des demografischen Wandels und drohenden Fachkräftemangels wollen die Akteure am Ausbildungsmarkt in den kommenden Jahren noch stärker für eine berufliche Ausbildung weben. Das Handwerk setzt dabei zum Beispiel auf das freiwillige Handwerksjahr, bei dem Interessierte innerhalb eines Jahres bis zu vier handwerkliche Berufe kennenlernen können.
Neue Impulse für den Ausbildungsmarkt erhoffen sich die IHK und das Handwerk auch von der Teilzeitausbildung, die sich unter anderem an Menschen in Elternzeit richtet. Da gelte es, mit den Berufskollegs in der Region rasch entsprechende schulische Konzepte zu entwickeln.
Bewerbermangel im Rhein-Sieg-Kreis
Zum Abschluss des Beratungsjahres suchen im Zuständigkeitsgebiet der Arbeitsagentur Bonn/Rhein-Sieg noch 480 Auszubildende eine Stelle. Gleichzeitig sind in den Betrieben noch 712 Stellen unbesetzt. Dabei unterscheidet die Situation im Rhein-Sieg-Kreis und der Bundesstadt Bonn sich allerdings deutlich. Während in Bonn auf 100 unbesetzte Stellen 118 Bewerberinnen und Bewerber kommen, sind es im Kreisgebiet nur 46 Bewerberinnen und Bewerber auf 100 offene Stellen.
„Es gibt noch viele Betriebe, die eine passende Person weiterhin bis zum Ende des Jahres einstellen würden“, sagt Ralf Steinhauer, Leiter der Berufsberatung bei der Arbeitsagentur Bonn/Rhein-Sieg. „Und wenn der Betrieb und der oder die Ausbildungswillige sich einig sind, stehen wir auch gerne mit Förderangeboten zur Seite.“
Besonders viele Ausbildungsstellen sind in der Region unter anderem noch in den Berufsgruppen Kaufmann/Kauffrau im Einzelhandel, Verkäufer/Verkäuferin, Zahnmedizinische Fachangestellte, Fachwirt im Handel, Kfz-Mechatroniker, Fachverkäufer Lebensmittelhandwerk, Koch/Köchin und Fleischer/Fleischerin unbesetzt.

