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Stolpersteine verlegtAm „Kopf des Jahres“ erinnern 20 neue Steine an Hennefer Juden

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Marvin Sonntag und Oliver Mittelstedt verlegten die Stolpersteine.

Hennef – Es war ein archaischer Klang, der durch die Sövener Straße hallte. Erst erscholl ein langer, dann folgten drei und schließlich neun kurze Töne, die Roman Kovar dem Schofar entlockte. Das Widderhorn wird am zweiten Tag von Rosh-ha-Shanah, dem jüdischen Neujahrsfest, gespielt. Und pünktlich zum „Kopf des Jahres“, so die wörtliche Übersetzung, verlegte der Ökumenekreis Hennef mit Unterstützung der Stadt 20 weitere Stolpersteine in Geistingen und in der Warth. Mit diesem Fest wird der Geburtstag von Adam und Eva gefeiert.

Die evangelische Pfarrerin Antje Bertenrath freute sich darüber, dass das Mitglied der jüdischen Gemeinde Bonn trotzdem die Zeit gefunden hatte, bei dieser Aktion dabei zu sein. Die Stadtarchivarin hatte die Ehrenamtler unterstützt, die Wohnorte herauszufinden, an denen die Opfer des Nationalsozialismus zuletzt selbst gewählt wohnten. Mit den Stolpersteinen vor ihren Häusern wird an ihr Leben und ihren Tod erinnert.

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Einer kam nicht an diesem Tag, das war Gunter Demnig. „Er hat uns das Vertrauen erwiesen, dass wir sie selber verlegen“, sagte Bertenrath. Der Künstler ist auf Jahre ausgebucht, im Januar fiel der Termin wegen der Pandemie aus und ließ sich nicht nachholen.

Die Namen auf den Stolpersteinen

Geistingen: An der Sövener Straße 1 für die Eheleute Wilhelm und Sophie Marianne Dornbusch sowie ihre Kinder Barthel und Heinz Siegbert. Am Talweg 6 für die Eheleute Isaac Isidor und Maria Anna Rosenbaum sowie Friedrich und Selma Levy. An der Bergstraße 22a für David Dornbusch, Vater von Wlílhelm Dornbusch. An der Bergstraße 31 für Sibilla Goldstein. An der Bergstraße 37 für Eheleute Adolf und Ida Frank sowie Isidor Simon, sein Tochter Flora Isaak und deren Sohn Werner Isaak.

Warth: An der Bonner Straße 1 für die Eheleute Simon und Rosalie Friedemann, die Eheleute Albert und Irma Oster sowie Sohmn Walter Max. (rvg)

Mehr als 100.000 Steine hat Demnig selbst verlegt, weil er die Toten persönlich aus der Anonymität herausholen will. Damit hat er einen hohen Anspruch an die Hennefer übertragen. Marvin Sonntag und Oliver Mittelstedt nahmen diese Herausforderung an, behutsam verlegten sie die 20 neuen Steine im Boden an sechs Adressen.

Dahm: „48 Schicksale begegnen uns auf Schritt und Tritt“

Bürgermeister Mario Dahm summierte auf, 48 sind es jetzt insgesamt. „Sie begegnen uns auf Schritt und Tritt, 48 Schicksale. Die Toten waren Nachbarn, Freunde, Kollegen. Aber auch die Täter, die, die weggeschaut haben, waren das.“ Die Stolpersteine seien wie ein Stopp-Schild gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus. Marie-Louise Jung sprach den Segen, weil an Rosh-ha-Shanah eine Frau das tut. Dann betete Kovar den Kaddisch, Mitglieder des Ökumenekreises trugen die Lebensdaten der Opfer vor.

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Roman Kovar spielte den Schofar, im Hintergrund Albert Jacobs, Zeitzeuge.

Vom Berufskolleg stieß eine Klasse dazu. „Das ist uns wichtig“, sagte David Kuß. „Ein solches Erlebnis ist viel eindrücklicher als ein Blatt Papier“, ergänzte Johanna Heinsohn und Nick Ries. Nachbarin Mo Vogel interessiert sich für das Zusammenleben von früher, „gegen das Vergessen“. Das bewies Albert Jacobs auf besondere Weise, der 91-Jährige hat die Sövener Juden noch gekannt.