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SchriftenreiheVon Prügelpädagogen bis zur Frühförderung von Kindern – Geschichte in Hennef

5 min
Das Bild zeigt einen Ausflug der Rotter Schule in den 1920er-Jahren.

Das Bild zeigt einen Ausflug der Rotter Schule in den 1920er-Jahren.

Der Verkehrs- und Verschönerungsverein Hennef legte den inzwischen 19. Band seiner bemerkenswerten Schriftenreihe vor.

Mit „Der Prügelpädagoge von Blankenberg“ ist der inzwischen verstorbene Professor Helmut Fischer noch einmal Autor in den Beiträgen zur Geschichte der Stadt Hennef. Er hat das Projekt seinerzeit mitinitiiert, inzwischen liegt der 19. Band vor. Der Verkehrs- und Verschönerungsverein Hennef hat ihn jetzt vorgestellt.

Es ist die Geschichte des jungen Lehrers Kaspar Spitz, der als Lehramtsanwärter am 23. Oktober 1911 die Stelle an der einklassigen Volksschule mit acht Jahrgängen antritt. Eingebettet ist das Schulwesen zu dieser Zeit noch in das „autoritär-patriarchalische Gefüge der Kaiserzeit“, wie Fischer schreibt. Am 17. Juli züchtigt er  den sieben Jahre alten Sohn des Schmiedemeisters derart, dass er vom Arzt behandelt werden und eine Woche der Schule fernbleiben muss.

Ein junger Lehrer züchtigte 1911 einen Siebenjährigen, es kam zum Prozess

Wegen Überschreitung des Züchtigungsrechts wurde er vor dem Schöffengericht in Siegburg zu einer Geldstraße von 150 Mark und zu 50 Mark Schadenersatz verurteilt. In der Berufungsverhandlung vor der Strafkammer in Bonn reduzierten die Richter die Strafe auf 30 Mark, wegen der Unerfahrenheit des jugendlichen Angeklagten. Es ist ein erstaunlicher Vorgang: Kreisschulinspektor und der geistliche Schulinspektor verteidigten die Prügelstrafe als angemessen, das Gericht entschied beide Male anders.

Der Auszug aus dem Strafregister der Schule in Westerhausen belegt regelmäßige Einträge.

Der Auszug aus dem Strafregister der Schule in Westerhausen belegt regelmäßige Einträge.

Wie sehr sich Pädagogik in nur wenigen Jahren wandeln kann, belegt Jochen Herchenbach in seinem Beitrag „Das Hennefer Schulwesen, Teil II“. Der frühere stellvertretende Leiter der Gesamtschule Meiersheide und Vizebürgermeister der Stadt geht nach seinen Recherchen in den Schulchroniken aber weit über eine Beschreibung der Schulen hinaus.

Er entwirft ein hochinteressantes Bild der Zeitgeschichte. Er beginnt mit den letzten Monaten des Ersten Weltkriegs, als der Unterricht wegen Laubsammelns für Brennmaterial und Ernteeinsätzen immer wieder ausfiel. Zum Kriegsende werden erst deutsche Soldaten auf dem Rückzug, später Militärs der Siegermächte in den Schulen einquartiert.

Ernst sind die Gesichter der. Abschlussklasse des Jahres 1931 in Süchterscheid.

Ernst sind die Gesichter der. Abschlussklasse des Jahres 1931 in Süchterscheid.

Spannend skizziert Herchenbach den Aufbau eines neuen Bildungssystems, ausgehend vom Weimarer Schulkompromiss. Die vierjährige gemeinsame, verpflichtende Grundschule für alle Kinder war damals revolutionär.  Das gab es im Kaiserreich nur für Kinder privilegierter Eltern. Die allgemeine Schulpflicht erfüllen die Volksschulen anschließende Fortbildungsschulen.

Wie ein Krimi liest sich die Auseinandersetzung um die konfessionellen Schulen, in Hennef sind es katholische. In der Chronik aus Happerschoß fand der Autor einen lange schwelenden Konflikt zwischen Lehrer und Geistlichkeit. Aber auch die Dorfschulen, die private Höhere Töchterschule, Gewerbe- und Landwirtschaftsschule finden Eingang in den Text über das Schulwesen, der einen tiefen Einblick in das Alltagsleben der 1920er-Jahren liefert.

Nachgeradezu einen Historienroman liefert Ralph Hühnermann.Seine Arbeit beschäftigt sich mit Peter Joseph Schmitz De Prée, ohne den die Industrialisierung in Hennef wohle inen anderen Verlauf genommen hätte. Der aus Köln zugereiste Investor war Finanzier der ersten Unternehmer, die in der Stadt an der Sieg Fabriken aufbauten.

Bis ins 17. Jahrhundert zeichnet er dessen Familienchronik nach. Aus der bäuerlichen Oberschicht stammend steigt sie in den rheinischen Landadel auf, ihr entstammen rheinische Landesbeamten schließlich werden ihre Mitglieder Kaufmänner und Ratsherren, bis sie in der Kölner Oberschicht ankommen. Aus dem einfachen Schmitz wird das honoriger klingende Schmitz de Prée, als Adrian Schmitz die Spedition und Kommission Max Henry de Prée übernimmt. 

Auf einem Ölbild aus dem Jahr 1899 lässt sich Peter Joseph Schmitz de Prée Abraham Lincoln sehr ähnlich malen.

Auf einem Ölbild aus dem Jahr 1899 lässt sich Peter Joseph Schmitz de Prée Abraham Lincoln sehr ähnlich malen.

Sein Enkel ist jener Peter Joseph Schmitz de Prée, der im Proffenhof an der Frankfurter Straße residierte. Mit Carl Reuther gründete er 1869 die C. Reuther Cie., aus der Schlosserwerkstatt in dem kleinen Fachwerkhaus Zissendorfer Hof geht es in die Landmaschinen-Fabrik, die zwischen Sieg und Frankfurter Straße gebaut wird, Startschuss der industriellen Entwicklung in Hennef. 

Schmitz de Prée war Investor,  Geldverleiher und Privatbank

Schmitz de Prée war wohl zu seiner Zeit der reichste Bürger der Stadt, Investor, Finanzier, Geldverleiher und Privatbank in einem. Auch Steimel, Jacobi und Meys versorgter mit Geld. Doch nicht nur große, auch kleine Kredite vergab er, sein großes Vermögen legte er fast ausschließlich in Hennef. Seine Zeitgenossen beschreiben ihn aber als unerbittlich in seinen Rückzahlungsforderungen. Gleichwohl war er als Förderer und Ehrenamtler ind er Kommunalpolitik hoch angesehen.

Das Blatt stammt aus der Tora-Rolle von 1783 aus Fürth, die im Turmmuseum in Stadt Blankenberg liegt.

Das Blatt stammt aus der Tora-Rolle von 1783 aus Fürth, die im Turmmuseum in Stadt Blankenberg liegt.

Walter Schiffer, der Führungen über den jüdischen Friedhof in Geistingen gemacht hat, steuert einen Artikel über eine Tora-Ausgabe aus dem Jahre 1783 bei, die von Fürth nach Hennef gelangte und heute im Turmmuseum zu Stadt Blankenberg zu sehen ist. Sie war Grundlage für private Bibellektüre genau so wie für das Verfolgen der Lesung im Gottesdienst, inklusive kurzer und längerer Kommentare zu den Textstellen.

Elke Lichtenberg schließlich hat ein Stück neuerer Zeitgeschichte aufgearbeitet: die beiden Bürgerstiftungen. Sie kennt die Arbeit sowohl der Kinder- und Jugendstiftung Hennef wie der Bürgerstiftung Altenhilfe aus der Innensicht, ist sie doch in beiden Organisationen als Stiftungsreferentin aktiv oder aktiv gewesen.

Die Bürgerstiftung Altenhilfe stellte 2016 die Rezeptesammlung „Hennef kocht mit den Jahreszeiten“ vor.

Die Bürgerstiftung Altenhilfe stellte 2016 die Rezeptesammlung "Hennef kocht mit den Jahreszeiten" vor.

Dezidiert zeichnet sie die Geschichte nach und stellt die Projekte sowie die intensive Zusammenarbeit beider „Institutionen“ vor. Ausführlich und anschaulich belegt sie die Bedeutung an beiden Enden des menschlichen Zeitstrahls. Und sie ehrt den Vorsitzenden der Kiju, de Kinderarzt Dr. Wilhelm Thiele, der Anfang 2025 plötzlich starb.

Die Herausgeber sind andere, doch das hohe Niveau der Beiträge zur Geschichte der Stadt Hennef ist geblieben. Stadtarchivar Jan Baucke, in Nachfolge von Gisela Rupprath, und Markus Heiligers von der gleichnamigen Werbeagentur zeichnen verantwortlich. Zu haben ist der 19. Band im Buchhandel und beim Stadtarchiv für 19,90 Euro.