Er fotografiert seit 50 Jahren und erfand eigene Kunstformen: Die ungewöhnliche Geschichte von Herbert Döring-Spengler.
50 Jahre FotografieHerbert Döring-Spengler aus Lohmar passt in keine Schublade

Herbert Döring-Spengler fotografiert und experimentiert seit 50 Jahren.
Copyright: Lilian von Storch
„Ich hab immer gesagt, wenn ich dich in ein Zimmer einschließe, und da ist nichts drin, du sollst aber was machen: Da fängt Kreativität an“, sagt Herbert Döring-Spengler. „Ich bin in Trümmern aufgewachsen. Da mussten wir kreativ sein.“ Der Künstler wird in wenigen Wochen 82 Jahre alt und lebt seit etwa 35 Jahren in Lohmar-Wahlscheid. Vor 50 Jahren, 1976, fing er an, zu fotografieren. Heute erzählt er seine Geschichte.
Döring-Spengler ist in Köln geboren, seine Kindheit und Jugend verbrachte er zum Großteil in diversen Heimen in Norddeutschland. Mit knapp 21 Jahren wurde er aus einer geschlossenen Anstalt entlassen, galt als „nicht erziehbar“, berichtet der Künstler. Er heiratete, wurde Vater von zwei Kindern, zog nach Köln, die erste Ehe scheiterte. Mit Anfang 30 arbeitete er in Bonn im Einzelhandel für eine Nähmaschinen-Firma. „Das war stinklangweilig“, erinnert er sich. „Aber gegenüber war ein Foto-Geschäft, da hab ich mir eine Fotografie-Zeitschrift gekauft. Dann noch eine. Und am nächsten Tag eine Kamera.“
Fotografieren war „wie eine Sucht“
Während seiner Arbeitszeit zog er los und lief durch Bonn, fotografierte Menschen auf dem Markt und heruntergefallenes Obst. In seinem Geschäft hinterließ er regelmäßig eine Notiz, dass er kurz abwesend sei. Bald sei er von seinem Vorgesetzten darauf angesprochen worden. „Er sagte dann, du bekommst doch dein Tagesgeld, du kannst nicht einfach 'ne Stunde weg sein.“ Er habe aber keine Lust mehr auf die Arbeit gehabt, erklärte Döring-Spengler. Sein Chef habe ihm daraufhin eine Filialleitung angeboten. „Da meinte ich nur, das ist ja noch schlimmer. Ich will fotografieren.“
Was faszinierte ihn so an der Fotografie? „Dass man etwas macht, was im Grunde genommen noch nie einer gemacht hat“, sagt Herbert Döring-Spengler. „Jedes Bild ist ja eine eigenständige Sehweise. Das hat mich nicht losgelassen. Dann war es wie eine Sucht.“

Auf eigene Art und Weise arbeitete Herbert Döring-Spengler mit Polaroids.
Copyright: Herbert Döring-Spengler
Er begann, in einem Fotogeschäft in Köln-Porz zu arbeiten, wo er die Möglichkeit hatte, nebenher zu fotografieren. In einem kleinen, zu einer Bank gehörenden Glaskasten konnte er kurz darauf seine ersten Bilder ausstellen. „Ich nannte es die kleinste Galerie Deutschlands“. Schon damals berichtete der Kölner Stadt-Anzeiger über ihn. Als der Artikel erschien, kritisierte seine Chefin ihn dafür, dass er in der Zeitung „Fotograf“ genannt wurde, obwohl er den Beruf nicht gelernt hatte. Er selbst habe sich nie so genannt, sagt Döring-Spengler, aber dennoch seinen Job deswegen verloren.
Zufälle führten zum Erfolg
„Dann hab ich angefangen, mich wirklich intensiv mit Fotografie zu beschäftigen“, erzählt der fast 82-Jährige. „Ich war ja geschieden, zwei Kinder, und es musste auch Geld her.“ Er ging in ein Juweliergeschäft, legte sich eine Kette um den Hals und fotografierte sich selbst damit. Der Juwelier stellte das Bild ins Schaufenster, „und einen Tag später war es verkauft. Der Käufer wollte aber noch einen passenden Rahmen“. Als Döring-Sprengler mit seinem Bild in ein Geschäft für Rahmen ging, sei der Verkäufer selbst an dem Bild interessiert gewesen. Er stellte den Kontakt mit der Niederländischen Posterfirma Verkerke her, damals eine der erfolgreichsten Firmen der Branche.
Kurz danach hatte Döring-Spengler drei Verträge für Poster, Kalender und Postkarten unterschrieben, seine Fotografie wurde weltweit verkauft. Nach einem Jahr habe die Firma ihm jedoch Aufträge erteilen wollen, „da hab ich gesagt, ich bin doch nicht euer Designer. Ich will freischaffender Künstler sein.“ Also endete sein Vertrag.

Diazetta von Herbert Döring-Spengler.
Copyright: Herbert Döring-Spengler (Repro: Lilian von Storch)
Er begann, mit Polaroids zu experimentieren, „und dann kam die Geschichte mit dem Toaster.“ Seine Ehefrau war im Urlaub, allein zuhause konnte er sich „austoben“, erinnert sich Döring-Spengler. Er saß in der Küche, als er auf die Idee kam, ein Polaroid in den Toaster zu stecken. Es begann fürchterlich zu stinken, doch eine besondere Struktur war auf dem Bild entstanden. Je nach Dauer und Intensität des Erhitzens wurde das Foto mehr oder weniger stark verfremdet. Dass er etwas erfunden habe, was vorher nie jemand gemacht hatte, sei reiner Zufall gewesen, sagt Döring-Spengler. „Man ist auf der Suche nach etwas, aber was dann rauskommt, ist meistens was ganz anderes.“
Bis die Firma ihre Produktion einstellte, erschuf er zahlreiche Kunstwerke mit Polaroids, porträtierte auch zahlreiche bekannte Persönlichkeiten. Nach dem Produktionsstopp schnitt er alte Polaroids auf und arbeitete mit deren Rückseite. „Ich hab mich immer nur danach gerichtet, was mir gefiel“, so Döring-Spengler. „Man muss dazu aber auch sagen, dass meine Frau das alles mitgemacht hat.“ Da er selbst nicht immer Geld nach Hause brachte, war seine Frau, die in der Raumfahrt tätig war, Alleinverdienerin. „Wenn sie nicht gewesen wäre, ich weiß nicht, wie weit ich gekommen wäre“.

Die „Diazetta“ erfand Herbert Döring-Spengler im Krankenhaus.
Copyright: Lilian von Storch
Nach einer Herzoperation im Krankenhaus erfand er eine neue Kunstform: Er nannte sie „Diazetta“, ein Mischwort aus „Gazetta“ (Italienisch für Zeitung) und „Dia“ (durchsichtig). „Mir war im Krankenhaus stinklangweilig, ich konnte nichts tun, durfte mich auch kaum bewegen“, berichtet Döring-Spengler. „Man brachte mir aber immer eine Zeitung. Und ich hatte ein großes Fenster.“ Beim Durchblättern fielen ihm Bilder auf, bei denen auf die andere Seite der Zeitung auch ein Bild gedruckt war, das durchschien. „Noch heute hole ich täglich verschiedene Zeitungen, blättere alle durch und suche nach interessanten Motiven.“ Insgesamt habe er so schon über 4500 Diazettas geschaffen.
So entstand zum Beispiel ein Bild von Angela Merkel mit zwei Kindern, was mit dem durchscheinenden Bild eines Boots vermischt ist. Seine Bilder haben nur sehr selten Titel, sagt Döring-Spengler. Er wolle den Betrachtern keine Bedeutung vorgeben, sondern wünsche sich, dass die Bilder sie selbst zum Nachdenken anregen. „Muss der Künstler mir überhaupt was sagen? Ist es nicht viel besser, wenn ich mir selbst etwas sage?“
Ich hab immer gesagt, ich bau meine Schublade selber.
Er sei von Fotografen nie wirklich als Fotograf akzeptiert worden, aber passe auch in keine andere Schublade wirklich hinein, sagt Herbert Döring-Spengler. Darüber sei er selbst jedoch froh. „Wir haben in Deutschland ja immer dieses Schubladendenken. Für mich passt das einfach nicht. Ich hab immer gesagt, ich bau meine Schublade selber.“
Anfang Dezember 2026 wird eine Auswahl der Werke von Herbert Döring-Spengler im Siegburger Stadtmuseum zu sehen sein.