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„Uns blutet das Herz“Wie die Ärzte des Veterinäramts in Rhein-Sieg mit Tierschutzfällen umgehen

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Silvia Berger ist die Leiterin des Veterionäramts des Rhein-Sieg-Kreises. Sie kümmert sich um alle Tiere, von Kuh bis Katz

Silvia Berger ist die Leiterin des Veterionäramts des Rhein-Sieg-Kreises. Sie kümmert sich um alle Tiere, von Kuh bis Katz

Tierschutzfälle nehmen immer mehr zu, doch die Kreisveterinäre haben auch deutlich mehr Aufgaben. 

Beschlagnahmte Pferde, verwahrloste Hunde in einem Messiehaus, ein Zirkus mit Tigern: Die Redaktion berichtete zuletzt häufig von Fällen, in denen Tierschützer und das Kreisveterinäramt in Rhein-Sieg aktiv wurde. 

Wir wollten wissen: Welche Voraussetzungen braucht es, damit das Kreisveterinäramt  einschreiten kann und wie sieht die Arbeit der Tierärzte in der staatlichen Behörde überhaupt aus?

Im August gab es schon mehr angezeigte Tierschutzfälle als im Vorjahreszeitraum

Die Jobeschreibung, die Dezernent Tim Hahlen umreißt, klingt erst einmal einfach: „Mensch, Tier und Umwelt zu schützen“. Ein bisschen genauer hingeschaut, wird es umfangreicher: Denn in das Aufgabengebiet des Kreisveterinäramts fallen nicht nur Tierschutzfälle. Vorsorge und Umgang mit Seuchen wie Vogelgrippe, Blauzungenkrankheit  oder Schweinepest ebenso wie Futtermittelüberwachung, Arzneimittelkontrolle, Kontrolle in landwirtschaftlichen Betrieben, die Überwachung der Beseitigung toter Nutztiere und die Überwachung tierischer Nebenprodukte sind Teil der Aufgaben. Auch das Chippen von Pferden für die Ausstellung von Equidenpässen durch den Kreistierzuchtberater, die Abfertigung von Pferden, die auf Turniere ins Ausland verbracht werden, die Erstellung von Gesundheitsbescheinigungen für Hunde, Katzen oder Papageien, die mit ihren Besitzern ins Ausland verreisen und die Begutachtung von Hunden auf ihre Gefährlichkeit, sowie die Phänotypisierung von Hunden gehören dazu.

Acht Tierärztinnen und Tierärzte, ein Kreistierzuchtberater und ein amtlicher Fachassistent gehören der Abteilung Tiergesundheit an, die Zuständigkeiten sind nach Kommunen eingeteilt. Nicht alle Kräfte sind derzeit im Einsatz: Eine Kollegin ist in Elternzeit, eine weitere in Fortbildung. Silvia Berger ist die Abteilungsleiterin der Abteilung Tiergesundheit; die studierte Veterinärmedizinerin und Fachtierärztin für öffentliches Veterinärwesen kam  2015 zur Behörde in den Rhein-Sieg-Kreis. Zuvor war sie einige Jahre als Amtstierärztin im Eifelkreis Bitburg-Prüm tätig war. Ihre praktische Tätigkeit als Assistenztierärztin nach dem Studium erfolgte in einer Groß- und Kleintierpraxis in der Eifel

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Für die 49-Jährige bedeutet die Arbeit im Kreisveterinäramt Tierschutz mit Hürden: Zu viele Fälle, zu wenig Personal, lange Wege. Die Anzeigen, die im Kreisveterinäramt eingehen, würden immer mehr: Im Vergleich zum Jahr 2023 sei die Zahl der im vergangenen Jahr eingegangenen Anzeigen um 30 Prozent gestiegen; 588 Anzeigen gab es 2025. Und schon jetzt sei klar: In diesem Jahr werden es noch mehr Fälle sein. Im August gab es schon 25 Fälle mehr als im Vorjahreszeitraum: „Wir werden die 600er-Marke knacken“, prognostiziert Berger.

Vom Erlös des Verkaufs beschlagnahmter Tiere zahlt der Kreis die Kosten für das Aufpäppeln

All diesen Anzeigen gehen die Veterinäre nach, entscheiden nach Beschreibung und Fotos, ob sofort gehandelt werden muss oder ob der Fall in eine Route eingebaut werden kann. In der Regel führen die Tierärzte an einem Tag zu mehreren gemeldeten Adressen. „Wir schauen uns die Situation an und reden mit dem Tierhalter“. Die Behörde sei angehalten, zunächst das mildeste Mittel zu wählen.

Bei einem Kontrolltermin werde dann überprüft, ob sich die Haltung gebessert habe. „Wir versuchen es erst mündlich, danach machen wir schriftlich Auflagen, eine Ordnungsverfügung wird erlassen. Im Idealfall wird dann der Mangel innerhalb einer gesetzten Frist abgestellt.“

Tief im Matsch und Kot und ohne Futter: So fanden die Kreisveterinäre in Königswinter Dutzende Islandpferde vor. Diese wurden dem Halter fortgenommen.

Tief im Matsch und Kot und ohne Futter: So fanden die Kreisveterinäre in Königswinter Dutzende Islandpferde vor. Diese wurden dem Halter fortgenommen.

Und wenn nicht? Dann folgt als letzte Maßnahme die Beschlagnahmung. So geschah es im Fall eines Pferdezüchters aus Königswinter. Lange bekannt war der Betrieb dem Kreisveterinäramt; schon Jahre vor den jetzt bekannt gewordenen Fällen habe man dort sechs Hengste fortgenommen. „Die Tiere standen draußen im Schlamm, ohne Unterstand, ohne ausreichend Futter“, erinnert sich Berger. „Wir mussten sie aber wieder zurückgeben.“ Dann häuften sich erneut die Meldungen über den schlechten Zustand der Tiere. 2025 wurden dem Islandpferdezüchter sechs junge Stuten entzogen, deren Zustand am kritischsten war - mit der Auflage, den gesamten Bestand innerhalb einer gesetzten Frist aufzulösen. Als das nicht erfolgte, schritt das Veterinäramt erneut ein und entnahm die 28 verbliebenen Tiere. Alle wurden bei einer Versteigerung an neue Besitzer vermittelt; gegen den Züchter wurde ein Pferdehaltungs- und Betreuungsverbot erlassen.

Vom Erlös des Verkaufs zahlt das Amt die Kosten für das oft wochenlange Aufpäppeln, die tierärztliche Behandlung, den Hufschmied, die Blutuntersuchungen, die Unterbringung, das Futter. Sollte dann noch Geld übrig bleiben, bekäme das der ehemalige Halter. Meist sei es aber so, dass der Kreis draufzahle, so wie bei den Minishettys vor anderthalb Jahren. Die seien so arm dran gewesen, dass sie für die Ponys ein Zuhause auf einem Gnadenhof gesucht habe, erzählt Berger. Auch die Fortnahme von Hunden und Katzen gehe finanziell meist zu Lasten des Kreises. Denn meist seien die Tiere durch die schlechte Haltung krank geworden.

Die Tierärzte, das sind doch alles Überzeugungstäter. Denen blutet oft das Herz
Silvia Berger, Leiterin des Kreisveterinäramts des Rhein-Sieg-Kreises

Menschen mit psychischen Problemen seien es oft, die sich nicht mehr kümmern könnten. Aber auch Fälle von Animal Hoarding - also die wahllose Haltung einer übermäßigen Zahl von Tieren - nähmen zu, erläutert Dezernent Tim Hahlen. Aus einem Haus in Bornheim mussten zuletzt 19 Hunde, zum Teil mit Welpen, herausgeholt werden, die dort mehrere Tage neben ihrem verstorbenen Besitzer ausgeharrt hatten Die Tiere waren verdreckt, verschüchtert und verwahrlost; nur ein Teil konnte im für den Kreis zuständigen Troisdorfer Tierheim untergebracht werden.

Ein Hund hatte sich in diesem Verschlag versteckt, als der Verein Team für Tiere Köln und das Tierheim Troisdorf im Juni die völlig verwahrlosten Hunde aus einem Messiehaus in Bornheim herausholten.

Ein Hund hatte sich in diesem Verschlag versteckt, als der Verein Team für Tiere Köln und das Tierheim Troisdorf im Juni die völlig verwahrlosten Hunde aus einem Messiehaus in Bornheim herausholten.

Die schnelle Unterbringung von vielen Tieren sei häufig eine Herausforderung, sagen Berger und Hahlen übereinstimmend. Bei gemeinsam mit der Polizei durchgeführten Kontrolltagen in den vergangenen Jahren zu Tiertransporten wurden sowohl Pferde-, Rinder- als auch Schweinetransporter aus dem Verkehr gezogen. Einmal seien 230 Schweine zu viel in einem Transporter geladen gewesen; das Gefährt war gefährlich überladen. „Da habe ich mich durchtelefoniert, bis ein Viehhändler, der zu dem Zeitpunkt einen leeren Stall hatte, die Unterbringung möglich gemacht hat“, erinnert sich Berger. Zwar zeigten die Stichproben dieser Kontrolltage die Notwendigkeit einer Überwachung, aber: „Das steht und fällt mit den Kräften, die man hat.“ Denn nach der Freigabe und Weiterfahrt der Tiere, beginne die eigentliche amtstierärztliche Arbeit in Form von Gutachtenerstellung, Weiterleitung an andere Behörden und Einleitung von Bußgeldern.

Das Kreisveterinäramt des Rhein-Sieg-Kreises stoppte im September 2024 einen völlig überladenen Schweinetransporter an der Raststätte Siegburg auf der A3.

Das Kreisveterinäramt des Rhein-Sieg-Kreises stoppte im September 2024 einen völlig überladenen Schweinetransporter an der Raststätte Siegburg auf der A3. Archivfoto.

Auch für sie und ihre Kolleginnen und Kollegen aus dem Kreisveterinäramt sind solche Einsätze nicht einfach: „Die Tierärzte, das sind doch alles Überzeugungstäter. Denen blutet oft das Herz. Aber es gibt Vorgaben, und oft ist es ein langer Weg, bis etwas passiert.“