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Folgen für Kitas und FamilienDarum kritisiert der Sankt Augustiner Kinderschutzbund die geplante Kibiz-Reform

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Schuhregal in der Sankt Augustiner Kita Grashüpfer

Der Kinderschutzbund befürchtet größere Gruppen und eine Verschlechterung des Personalnotstands in Kitas.

Eine geplante Reform des Kinderbildungsgesetzes in Nordrhein-Westfaen ist stark umstritten. Auch der Kinderschutzbund positioniert sich dagegen.

In Nordrhein-Westfalen ist eine Reform des Kinderbildungsgesetzes, kurz Kibiz, geplant. Organisation, Finanzierung und Vorgaben zum Personal der Kindertagesstätten sollen hier neu geregelt werden. Diese geplante Reform ist jedoch umstritten. Mehrere Verbände, Initiativen und Gewerkschaften haben sich dagegen ausgesprochen, auch der Kinderschutzbund NRW hat in einem Positionspapier zahlreiche Risiken für Kinder, Eltern und Kitamitarbeitende aufgezeigt. Wir haben mit Sibylle Friedhofen vom Kinderschutzbund Sankt Augustin über die geplante Reform und deren Folgen für lokale Kitas und Familien gesprochen und fassen die wesentlichen Fakten zusammen.

Kinderschutzbund befürchtet, dass Bildung in Zukunft zu kurz kommt

Worum geht es bei der geplanten Reform des Kinderbildungsgesetzes?

Die Kibiz-Reform möchte unter anderem Strategien gegen den Fachkräftemangel in Kitas umsetzen. Unter anderem soll das Fachpersonal verkürzt und insbesondere in Kernzeiten eingesetzt werden. In Randzeiten sollen dann nicht voll qualifizierte Ergänzungskräfte die Betreuung übernehmen. Auch Anpassungen bei den Gruppengrößen sind vorgesehen. Es sollen zusätzliche Finanzmittel für mehr Planungssicherheit und Personal in Kitas bereitgestellt werden.

Wann soll die Reform in Kraft treten?

Geplant ist, dass die Kita-Reform zum 1. August 2027, also mit Beginn des Kita-Jahres 2027/2028, in Kraft treten soll. Erste Übergangsmaßnahmen sollen jedoch bereits im Sommer 2026 erfolgen. 

Welche negativen Auswirkungen befürchtet der Kinderschutzbund Sankt Augustin für Kinder?

Der Kinderschutzbund befürchtet, dass Kitas durch die geplante Reform ihren Bildungsauftrag nicht mehr erfüllen können. „Die organisatorische Differenzierung in Kern- und Randzeiten verhindert nach unserer Ansicht jede pädagogisch wertvolle Arbeit. Die Zeit für Bildung und Förderung der Kinder wird fast halbiert“, argumentiert Sibylle Friedhofen. Psychische Belastungen der Beschäftigten und Kindern drohten zu steigen, durch die unsichere und unstabile Betreuungssituation mit viel Personalwechsel könnten diese nicht mehr richtig aufgefangen werden. „Kinder brauchen Stabilität, Bindung und Sicherheit. Wenn das zerfällt, dann ist das nicht gesund.“

Sibylle Friedhofen, Kinderschutzbund Sankt Augustin

Sibylle Friedhofen leitet den Sankt Augustiner Kinderschutzbund.

Für welche Kinder wären die Auswirkungen laut Kinderschutzbund besonders gravierend?

„Vor allem über inklusive Kinder mit speziellen Bedarfen hat bei dieser Reform wohl kaum jemand nachgedacht. Die Kinder sind an bestimmte Bezugspersonen gewöhnt und brauchen das für die Betreuung“, sagt Sibylle Friedhofen. Auch für Kinder mit dem Bedarf von Sprachförderung wäre die Reform ihrer Meinung nach fahrlässig, da hier Fachpersonal unersetzbar sei, so Friedhofen. Das gleiche gelte für geflüchtete Kinder, die teilweise traumatisiert seien. Ohne qualifizierte Fachkräfte, die den Bedarfen dieser Kinder gerecht würden, könne es keine Chancengleichheit geben. Erschwerend komme hinzu, dass Vorschulkinder zukünftig aus den Gruppen zur Sprachförderung gefahren werden sollen, also zu fremden Personen, aus dem Kitaalltag heraus. Dadurch sei das gesamte Gruppengefüge und die Förderung in den Einrichtungen gefährdet.

Welche Auswirkungen befürchtet der Kinderschutzbund für Eltern?

Vor allem Alleinerziehende würden unter der geplanten Reform leiden, befürchtet Friedhofen. Diese seien zu 80 Prozent Frauen. „Alleinerziehende sind durch weniger finanzielle und zeitliche Ressourcen vor allem auf eine gute pädagogische Arbeit in den Kitas angewiesen“, betont die Leiterin des Kinderschutzbundes. Zudem sei es absurd, dass politisch einerseits gefordert werde, dass weniger Menschen in Teilzeit arbeiten sollten, und andererseits die Bedingungen für arbeitende Eltern zunehmend erschwert würden.

Welche Auswirkungen befürchtet der Kinderschutzbund für Kita-Mitarbeitende?

Die Personalprobleme in Kitas würden laut Friedhofen durch die Reform nicht gelöst, sondern verschärft. „Wenn ich in unsere Kitas gehe, dann sehe ich erschöpfte Menschen“, schildert Friedhofen. Es kämen kaum Bewerbungen auf freie Stellen. Erzieherinnen und Erzieher häuften schon jetzt enorme Überstunden an, viele hätten den Beruf stressbedingt verlassen. Der Kinderschutzbund befürchtet noch größere Gruppen und eine schlechtere Ausstattung des Personals als Ergebnis der Reform, was die Belastung für Mitarbeitende weiter steigern und den Beruf noch unbeliebter machen würde. Friedhofen befürchtet, dass zahlreiche Kitas durch die Reform schließen müssen.

Was bräuchten Kitas laut Kinderschutzbund wirklich für eine Besserung der Zustände?

Kleinere Gruppen wären laut Friedhofen notwendig, da die Betreuung der Kinder auch wegen steigender psychischer Belastungen von Eltern sowie den Kindern selbst anspruchsvoller geworden sei. Dafür bräuchte es mehr Personal und eine wirkliche Finanzierungssicherheit. Um das zu erreichen, müssten in erster Linie bessere Arbeitsbedingungen für Kita-Mitarbeitende geschaffen werden. Vor allem, indem die Dauerbelastung reduziert werde, könne der Beruf des Erziehers oder der Erzieherin wieder attraktiver werden. So könne das Kindeswohl gestärkt werden.


Die Kölner Landtagsabgeordnete Eileen Woestmann (Grüne) lädt Kita-Träger, Eltern und alle Interessierten am Donnerstag, 16. April zu einer Diskussion über die geplante Reform des Kinderbildungsgesetzes ein. Trägervertreter von Katholino und Vertreter aus dem Elternbeirat aller Kitas in Köln werden anwesend sein. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr am Ebertplatz, Anmeldung unter www.eileen-woestmann.de.